Mit dem Boeing-Absturz werden die Karten neu gemischt

    14. März 2019, 22:50
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    Weltwelt darf die 737 Max wohl bis April nicht mehr in die Luft, Erzrivale Airbus könnte profitieren

    Zuletzt gab auch die Federal Aviation Administration FAA klein bei. Die US-Flugaufsicht hat lange gebraucht, um sich zu einem Flugverbot für die Boeing-737-Max-Maschinen durchzuringen. Erst nachdem China, Europa und viele Länder rund um den Globus Überflug-, Lande- und Abflugverbote aussprachen, entschloss sich die Behörde zu diesem Schritt.

    Laut US-Abgeordneten dürfte das Startverbot mindestens mehrere Wochen dauern. So lange wird der Hersteller brauchen, um ein Software-Update für das offenbar fehlerhafte Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS), das für die jüngsten Abstürze verantwortlich sein soll, zu erstellen. Dieses auf allen betroffenen Maschine zu installieren, könnte bis Ende April dauern. Boeing erklärte am Donnerstag, die Auslieferung der Modelle 737 Max werde vorerst gestoppt.

    Die Anordnung, die Maschinen auf dem Boden zu lassen, ist die schärfste Waffe der FAA. Zuletzt wurde sie 2013 nach Batteriebränden für die Boeing 787 Dreamliner eingesetzt. Das letzte Flugzeug des Typs der Unglücksmaschine landete Mittwochabend im kanadischen Halifax. Nun sollen französische Experten die Ursache für den Absturz der fast fabriksneuen Maschine in Äthiopien klären, bei dem 157 Menschen zu Tode kamen.

    foto: reuters/christian charisius
    Das Innenleben eines Airbus – hier ein Airbus A380, der bekanntlich ins Ausgedinge geschickt wird. Aus vier Millionen Teilen besteht ein Airbus. Nur 20 Prozent kommen von Airbus, der Rest aus aller Welt und wird hier in Finkenwerder zusammengebaut.

    Die dramatischen Verlust der Familien der Opfer einmal ausgeklammert, sind die Folgen im Flugverkehr in den USA und in Asien wohl schwerwiegender. Für den europäischen Luftverkehr sind die Auswirkungen eher gering, die deutsche Ferienfluggesellschaft Tuifly wollte dieser Tage ihre erste Max 8 übernehmen und diese ab Mitte April einsetzen. Diese Pläne wackeln. Am stärksten betroffen ist der Billigflieger Norwegian, der mit 18 Flugzeugen derzeit die größte Max-Flotte in Europa betreibt. Norwegian hat angekündigt, Maschinen anderer Gesellschaften anzumieten, Flüge könnten dennoch gestrichen werden.

    Ob das weltweite Grounding des Verkaufsschlagers von Boeing der europäischen Konkurrenz Airbus nützt, ist noch offen. Boeing-Großabnehmer wie die Lauda-Motion-Mutter Ryanair, die 135 Maschinen des Typs 737 Max 200s geordert hat, erklärte, nichts an ihrer Flottenpolitik ändern zu wollen. Wie groß der Schaden für den amerikanischen Flugzeugbauer am Ende sein wird, muss sich erst herausstellen. Immerhin droht neben Schadenersatzforderungen betroffener Airlines im schlimmsten Fall der Verlust von Neuaufträgen. Das wäre ein Desaster. Die neueste Generation von Boeings Verkaufsschlager 737 ist bei Airlines beliebt. Mehr als 5000 Bestellungen hat Boeing eingesammelt, knapp 400 sind ausgeliefert. Wie es weitergeht, weiß niemand so genau. Allerdings gehen Beobachter davon aus, dass Boeing nicht mehr als zwei oder drei Monate braucht, um eine neue Flug-Software einzuführen.

    Der Crash und seine Folgen sind derzeit naturgemäß Thema bei jedem Gespräch in der Airlinebranche. Eine Woche davor sah die Welt noch anders aus. Man ging seinen Geschäften nach. In der Flugzeugbranche gehört es etwa dazu, eine neue Maschine unter einem Großaufgebot an Managern und mit viel symbolischem Brimborium in Empfang zu nehmen.

    Konkurrenz setzt auf Airbus

    Die ungarische Wizzair tat dies vergangen Donnerstag beim Boeing-Erzrivalen in Finkenwerder in Hamburg. Der Billigflieger stellt sich mit dem Airbus A321 neo ein neues Arbeitspferd in den Stall und nahm das erste Modell in Empfang, 255 weitere sind bestellt. Mit 44,50 Metern ist die A321 neo die längste Version der A320-Familie. Die Wizz-Flotte wächst damit auf 109 Flugzeuge. Zahlreiche Teile wie Landeklappen, Flügelverkleidung oder Gepäcksfächer kommen vom Zulieferer FACC in Oberösterreich.

    airbus
    Einblicke in die Airbus-Produktion in Finkenwerder in Hamburg. So manche Teile kommen aus Oberösterreich.

    Das Versprechen, das der europäische Hersteller mit den Fliegern verknüpft: Mit hochgebogenen Flügelspitzen (Winglets) und neuen Triebwerken sollen sie den Airlines helfen, 15 Prozent Flugbenzin zu sparen. Ein wichtiger Wettbewerbsfaktor: Bei Ultra-Billigfliegern wie Ryanair und Wizzair machen die Ausgaben für das Tanken fast 40 Prozent aus. Die Personalkosten sind mit zehn Prozent vergleichsweise niedrig. Die Vögel sind auch wirtschaftlich effizient, weil man viele Passagiere transportieren kann. In einem Airbus A320 sitzen heute mit bis zu 180 Passagieren rund 30 Fluggäste mehr als vor zehn Jahren.

    In die neue Wizz-Maschine passen 239 Fluggäste. Unter anderem dank spezieller Modifikationen und der schlanken Bestuhlung. Vor Jahren hatte ein Sitz 15 Kilogramm, jetzt hat er neun. Gepachtet haben Wizzair und Airbus das Prinzip "gut gefüllt" nicht. Denn die Europäer und Boeing stehen in starkem Wettbewerb mit ihren beiden Kurz- und Mittelstreckenflugzeugen. Während die Billigflieger Wizzair, die britische Easyjet, Laudamotion und Eurowings auf Airbus setzen, haben Ryanair, TUIfly und Sun Express Boeing-Maschinen in ihrer Flotte.

    foto: ap
    Eine Boeing Max 8 an der Produktionsstätte in Renton (USA).

    Die einen haben den Airbus Neo, die anderen die Boeing Max, die Arbeitspferde für die Airlines im Stall. Die Flugzeuge haben alle eine Kapazität von rund 180 bis 240 Sitzplätzen gemessen an einer Ein-Klassen-Bestuhlung. Die Airlines holen heraus, was geht. "Sie bestellen meist in hohen Stückzahlen, weshalb sie hohe Rabatte erhalten dürften. Natürlich spielen die Airlines auch gern zwei Hersteller wirtschaftlich gegeneinander aus.", sagt der deutsche Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Den Listenpreis von 100 Millionen US-Dollar dürfte Wizz-Chef Varadi also für den Vogel nicht bezahlt haben.

    Ryanair hat 135 Maschinen der Boeing 737 Max bestellt, in der Version 200. Durch verschiedene Modifikationen kann auch dieser Flieger zu 200 Personen transportieren. Weniger Kerosinverbrauch und mehr Passagiere – macht nach Adam Riese niedrigere Kosten.

    foto: reuters/fabian bimmer
    Im Airbus-Werk in Hamburg Finkenwerder arbeiten rund 15.000 Menschen. Sechs Wochen steht so eine Maschine hier, ehe sie fertig ist und dann noch ein aufwändiges Zulassungsverfahren vor Ort durchläuft. Alleine der Anstrich dauert zwei bis drei Tage.

    Die sind im knallharten Wettbewerb gefragt. Der hat auf Umwegen auch mit der Boeing Max zu tun. Denn Airbus trieb 2010 mit der Ankündigung der Neuauflage seines Bestsellers A320 Boeing vor sich her. Die 737 Max ist eine Weiterentwicklung der 737, die seit mehr als 50 Jahren im Linienverkehr fliegt und über die Jahre mehrfach überarbeitet wurde. 2017 wurde die erste Max ausgeliefert, ebenfalls mit neuen Triebwerken. Vor allem Billigflieger griffen zu.

    Bei Wizz soll indes der Airbus Neo zum "Gamechanger" werden, wie Wizz-Chef József Váradi in Hamburg sagt. Wann der Neo, der direkt aus der Werkstatt in Hamburg nach Budapest flog, nach Wien kommen wird, weiß er nicht. Im Verdrängungswettbewerb in Wien will Váradi jedenfalls "zu den Gewinnern gehören". (Regina Bruckner, 15.3.2019)

    Die Reise nach Hamburg erfolgte auf Einladung von Wizz Air.

    Siehe dazu auch:

    Weltweites Startverbot für Boeing 737 Max

    Norwegian will als erste Airline Entschädigung von Boeing fordern

    Boeing-Aktie nach Flugzeugabsturz mit größtem Minus seit 2001

    Der Artikel wurde aktualisiert (Dauer des Startverbots, Auslieferungsstopp)

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