Webgewichte und begehbare "Kühlschränke": Die Kalenderbergsiedlung in Enzersdorf

Blog14. März 2019, 14:48
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Fast einzigartig war die Ausgrabung einer gesamten Hallstattsiedlung. Gefunden wurden dabei nicht nur zahlreiche Keramiken

In den Jahren 2017 und 2018 konnte in Enzersdorf an der Fischa in Niederösterreich eine bislang unbekannte urgeschichtliche Siedlung untersucht werden. Hintergrund der Denkmalschutzgrabung: die geplante Errichtung von weitläufigen Lagerhallen eines künftigen Logistikzentrums. Mit 80.000 Quadratmetern handelte es sich dabei um eine der größten archäologischen Grabungsflächen in Österreich. Entdeckt und untersucht wurde dabei eine Siedlung der älteren Eisenzeit, die hierzulande als Hallstattkultur bezeichnet wird. Besonders in Ostösterreich ist eine spezielle "Untergruppe" dieser Kultur, die Kalenderberggruppe zu beobachten: Die Keramik dieser Zeit zeichnet sich durch sehr stark plastisch verzierte Gefäßformen aus, und wird darum als "Barock der Urgeschichte" bezeichnet.

foto: r. igl/ardig
Wo einst eine ausgedehnte Siedlung der Eisenzeit lag werden bald riesige Lagerhallen entstehen.

Einzigartige Chance

Aufgrund der Größe des Bauvorhabens konnte beziehungsweise musste fast die gesamte Fundstelle untersucht werden. Konnte, weil es eine einzigartige Chance für die archäologische Forschung war, eine komplette Eisenzeit-Siedlung auszugraben – musste, weil ohne Grabung durch das Bauvorhaben sämtliche Informationen und Funde, die im Boden schlummerten unwiederbringlich zerstört worden wären. Die eisenzeitliche Siedlung (800-600 v. Chr.) zeichnet sich durch eine lockere Bebauung in Form von Einzelgehöften ab. Bei den Grubenhäusern liegen meist rechteckige aber auch annähernd quadratische Grundrisse vor. Grubenhäuser sind in den Boden teilweise beziehungsweise halb eingetiefte Holzbauten:

foto: r. igl/ardig
Grubenhaus, eingetieft in den umgebenden Lehmboden.

"Begehbare Kühlschränke"

Der Vorteil dieser Bauweise: Im Winter bietet die Erdwärme einen gewissen Schutz vor extremer Kälte und ist somit leichter zu beheizen. Im Sommer hingegen muss das Raumklima angenehm kühl gewesen sein. Auch bieten solche halb eingetieften Bauten dem Wind weniger Angriffsfläche und können somit in der Regel selbst starken Stürmen Stand halten. In unmittelbarer Umgebung der jeweiligen Grubenhäuser wurden Speichergruben entdeckt. Dabei handelt es sich um Gruben, die sich nach unten zu stark horizontal erweitern, um "beutelförmig" eine möglichst große Innenfläche zu erzielen. Der Zugang von oben hingegen war bewusst eng gestaltet. So konnte im Sommer eine recht konstante, kühle Temperatur gehalten werden, die für die Lagerung von Lebensmitteln oder auch Saatgut von größter Bedeutung war. Derartige "Löcher" im Boden können also durchaus als "Kühlschränke" der Eisenzeit angesprochen werden. Ein besonders schön ausgestaltetes Exemplar dieser Speichergruben hatte sogar eine in den Boden eingearbeitete Treppe, war also ein "begehbarer Kühlschrank":

foto: r. igl/ardig
Speichergrube mit Treppenabgang.

Die Ausgrabung in Enzersdorf erbrachte enorme Mengen an Fundmaterialien, vor allem Gefäßkeramik, also Töpfe und Schalen, die zum Hausrat der damaligen Wohnkultur zu zählen sind:

foto: r. igl/ardig
Überblick Fundmaterial aus hallstattzeitlichen Grubenverfüllungen.
foto: r. igl/ardig
Fragmente von typischen Gefäßen der ältereisenzeitlichen Kalenderbergkultur. Teilweise vollflächige plastische Verzierung der Oberflächen.

Die große Anzahl an Spinnwirteln sowie an Webgewichten deuten auf rege Textilverarbeitung als ein wichtiges Betätigungsfeld der damaligen Bevölkerung hin:

foto: r. igl/ardig
Webgewichte aus gebranntem Lehm.

Spinnwirtel sind einfache Werkzeuge zum Verspinnen von Fasern in großer Zahl. Einzelne Spinnwirtel tragen als Verzierung eingeritzte Dreiecke, ein typisches Motiv der älteren Eisenzeit. Die Webgewichte, die zum Spannen der Schnüre auf die Webstühle dienten, kommen in verschiedensten Formen und Größen vor, wobei pyramidenstumpfförmigen Stücke überwiegen. Hergestellt wurden diese meist aus grobem Ton oder Lehm; anschließend wurden die Stücke oxidierend gebrannt, ein Vorgang, der ihre typische hellorange bis zinnoberrote Farbe verursacht. Die Fundstelle in Enzersdorf als "Webersiedlung" anzusprechen, würde vielleicht zu weit gehen, jedoch zeichnet sich die Textilherstellung im Fundmaterial auffällig stark ab.

Das vergessene Dorf

Die zugehörigen Gräber der Kalenderbergsiedlung konnten durch die Ausgrabung nicht erfasst werden. Nicht weiter verwunderlich, lagen diese damals doch meist recht weit außerhalb in eigenen Gräbergruppen. Eine einzige hallstattzeitliche Bestattung fand sich in einer der Speichergruben: mit Brandschutt und Asche aufgefüllt, lag inmitten der Verfüllung eine Körperbestattung in Hockerlage. Diese dürfte den Zeitpunkt der Aufgabe der Siedlung markieren, die eindeutig einem Großbrand zum Opfer gefallen war. Ob es sich hierbei um ein zufälliges Schadensfeuer oder einen feindlichen Überfall mit Brandstiftung gehandelt hat, lässt sich nicht mehr eindeutig beantworten. Sicher ist, dass das Dorf danach offenbar vollständig aufgegeben wurde und in Vergessenheit geriet.

foto: r. igl/ardig
Hockerbestattung in verfüllter Speichergrube.

Oft wurde ich im Zuge meiner Tätigkeit in Enzersdorf gefragt: Musste der Bauherr wegen der Großgrabung eine Bauverzögerung hinnehmen? Meine Antwort: Nein. Dank der vorausschauenden Planung und Kooperationsbereitschaft seitens des Bauherren war die Grabung bereits abgeschlossen, als die ersten Baumaschinen anrollten. Das Projekt in Enzersdorf stellt somit ein gelungenes Beispiel des Miteinanders von Archäologie und Bauwirtschaft dar. (Roman Igl, 14.3.2019)

Roman Igl studierte Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien und arbeitet seit 20 Jahren im archäologischen Denkmalschutz. Zurzeit ist er beim Archäologischen Dienst ARDIG als Ausgrabungsleiter beschäftigt.

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