Damit nicht nur Eliten sprechen: Thurnhers erster TV-Stammtisch

    Interview14. März 2019, 11:00
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    ORF 3 lässt Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen am "Stammtisch" ohne Moderator reden

    Ingrid Thurnher (57) hat zwölf Jahre lang prominente Menschen in der "ZiB 2" befragt und zehn Jahre lang eine Handvoll "Im Zentrum" "an immer gleichen Tischen auf immer gleichen Sofas". Am Donnerstag um 22.25 Uhr lässt sie als Chefredakteurin von ORF 3 Bürgerinnen und Bürger am "Stammtisch" 45 Minuten nach Belieben bei Bier über Karfreitag, Doping und Islam reden.

    STANDARD: Sechs Personen – ein Stadtführer, ein Bauer, eine Unternehmerin, eine Sängerin und Schauspielerin, eine Rechtsanwaltsassistentin und Bloggerin, ein Schauspieler – in einer recht finsteren Szenerie am Wirtshaustisch. Was erwartet uns am ersten "Stammtisch" von ORF 3?

    Thurnher: Eine Dreiviertelstunde Gespräch zwischen Menschen, die auch in einem Wirtshaus an einem Stammtisch zusammenfinden könnten. Aus unterschiedlichsten Lebensbereichen, unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichsten Alltagssorgen, die ein breites Themenfeld abarbeiten: Karfreitag, Ärztemangel, Kirche, Islam, Rauchen, Schule, Eigenverantwortung – you name it.

    foto: orf hans leitner
    Die erste "Stammtisch"-Runde, Donnnerstagabend auf ORF 3 (von links): Yusuf Sümbültepe (Stadtführer), Sepp Fürthauer (Bauer), Beate Klein (Unternehmerin), Gerald Pichowetz (Schauspieler), Angelika Prager (Bloggerin), Pippa Galli (Sängerin).

    STANDARD: Arbeiten die sechs eine Liste ab?

    Thurnher: Es gibt keine Vorgaben, sie können diskutieren, worüber sie wollen. Wir geben ihnen eine Hilfestellung, die sie nehmen können oder auch nicht: Schlagworte auf Bierdeckeln – Karfreitag zum Beispiel, oder Doping. Und die Menschen am Stammtisch kommen, auch hier, vom Hundertsten ins Tausendste.

    STANDARD: Das Gespräch ist aufgezeichnet. Was ist denn am ersten Stammtisch passiert.

    Thurnher: Ich war bei der Aufzeichnung – aber man bekommt nicht wirklich Einblick. Im Gegensatz zu TV-Diskussionen ist das Format nicht auf die Kameras ausgerichtet. Die Kamera schaut den Gästen über die Schulter. Und wenn man dort nicht sehr nahe am Monitor und am Lautsprecher sitzt, bekommt man nicht im Detail mit, was die da alles reden.

    STANDARD: Und wie wissen die sechs, wann Schluss ist?

    Thurnher: Es gibt keinen Moderator, es gibt keine Regieanweisungen. Wir haben ihnen nur gesagt: Wenn der Kellner hereinkommt und sagt "Zahlen" – dann ist's aus.

    STANDARD: Sonst nimmt das ja womöglich kein End'.

    Thurnher: Wir haben den Kellner nach eineinhalb Stunden gebeten hineinzugehen und das Stichwort zu sagen.

    STANDARD: Und?

    Thurnher: Sie haben gezahlt und weiterdiskutiert. Wir sind dann nach weiteren 20 Minuten reingegangen und haben ihnen erklärt, dass wir Schluss machen müssen. Sie waren so engagiert in ihrer Diskussion – und das fand ich sehr erfreulich.

    STANDARD: Zufrieden mit der Premiere?

    Thurnher: Ich bekomme die erste Fassung erst. Es war extrem engagiert. Und wie in jeder Diskussion gibt es Menschen, die das Wort an sich reißen, und andere, die eher schweigsam beobachten. Wie in freier Wildbahn sozusagen.

    STANDARD: Gibt es eine Schlägerei, wie sie ja in freier Wirtshauswildbahn auch gelegentlich vorkommt? Und: Was machen Sie dann?

    Thurnher: Nicht an den Wirtshaustischen, die ich kenne. Nein, aber es gibt einen Diskussionsteilnehmer mit Hang zum derben Schmäh. Darüber waren die weiblichen Gäste nicht immer rasend happy. Aber das müssen sie sich untereinander ausmachen.

    STANDARD: Laut Pressetext ist Eskalation nicht erwünscht, aber auch nicht ausgeschlossen. Gab's bei der Premiere Eskalation?

    Thurnher: Nicht nach meiner Wahrnehmung. Aber es wurde kontroversiell diskutiert.

    STANDARD: Wird geraucht?

    Thurnher: Damit beginnt schon die Gruppendynamik. Wir haben im Raucherkammerl des Café Anzengruber gedreht, da stehen Aschenbecher auf dem Tisch. Noch bevor die Kameras liefen, wurde diskutiert, ob sie an dem Stammtisch nun rauchen.

    STANDARD: Das Ergebnis war: nein?

    Thurnher: Ich glaube nein.

    STANDARD: Auf den Pressefotos sind auch keine Getränke zu sehen. Was ist denn das für ein Stammtisch?

    Thurnher: Die trinken natürlich – aber die Fotos wurden vor der Sendung gemacht, damit der Fotograf das Gespräch nicht stört. Auch die TV-Kameras spürt man nicht. Es hat eine Atmosphäre des Wirtshaustischs am späten Abend.

    STANDARD: Alkohol?

    Thurnher: Na klar. Im Wirtshaus, sicher.

    foto: orf/günther pichlkostner
    "Der 'Stammtisch' soll die Leute mitnehmen, repräsentieren – und wenn das gelingt, würde mir das gefallen": Ingrid Thurnher, Chefredakteurin von ORF 3, über ihr neues Diskussionsformat.

    STANDARD: Haben die Gäste ein Limit? Nicht mehr als drei Schnäpse pro Abend – oder pro Thema?

    Thurnher: Die haben keinen Schnaps getrunken. Ich glaube, die meisten hatten Bier.

    STANDARD: Macht das die Diskussion flüssiger?

    Thurnher: Schauen wir mal.

    STANDARD: Ich dachte, am "Stammtisch" diskutiert man open end. Nun dürfen sie nach dem Zahlen zwar noch ein bisschen weiterreden, aus den rund zwei Stunden werden dann aber für ORF 3 45 Minuten.

    Thurnher: Auch bei einem Gespräch am Wirtshaustisch gibt es Längen. Aber wir zeigen trotz Schnitt klar, wie das Gespräch von Thema zu Thema wandert.

    STANDARD: Wie wählen Sie die Menschen aus? Möglichst konfliktreich, kontroversiell?

    Thurnher: Wir wollen gleich viele Frauen wie Männer haben. Wir wollen hauptsächlich "normale" Leute – sechs Promis reden zur Genüge in anderen Formaten. Wir haben zwei Profis in der Runde, wenn man so will – Schauspieler Gerhard Pichowetz und die Schauspielerin und Sängerin Pippa Galli.

    STANDARD: Quasi die heimlichen Moderatoren?

    Thurnher: Die könnten ja auch an einem Wirtshaustisch sitzen. Hauptsächlich sollten aber Menschen wie du und ich hier ihre Alltagssorgen teilen. Das war ein schwieriger Prozess.

    STANDARD: Weil?

    Thurnher: Man will jemanden vom Land, aus der Stadt, mit Migrationshintergrund, jünger, nicht so jung. Damit unterschiedlichste Bevölkerungschichten zusammenkommen. Am Stammtisch sitzen der Bürgermeister und der Apotheker und auch der Fahrer der Straßenmeisterei.

    STANDARD: Wie findet man die?

    Thurnher: Wir haben in Blogs geschaut, auf Fanseiten etwa von Andreas Gabalier, über Bekannte, die einen Bauern kennen, der recht goschert ist – und so weiter.

    STANDARD: Am Stammtisch kommen üblicherweise Leute in ähnlicher Besetzung zusammen – bleibt die Runde so? Und wie oft ist das Format zu sehen?

    Thurnher: Wir planen derzeit einmal pro Vierteljahr. Wir haben verschiedene Ideen, um das weiterzuentwickeln. Zum Beispiel einen echten Stammtisch in einem Bundesland zu Wort kommen zu lassen. Oder ein Kernteam und wechselnde Gäste. Das Format muss wachsen – und das ist das Spannende daran. Das ist ein Experiment.

    STANDARD: Wann hat denn das Experiment funktioniert – und wann sagen Sie: Lassen wir's lieber bei der einen Ausgabe.

    Thurnher: Ich bin sicher, dass wir heuer noch drei Stammtische machen wollen. Es hat funktioniert, wenn die Menschen das Gefühl haben: Da redet einer oder eine wie ich mit. Das Format ist nicht zuletzt aus dieser Elitendiskussion entstanden, dieses Fernsehen würde einen bestimmten Teil der Bevölkerung nicht mehr wahrnehmen. Da kämen nur noch die Eliten vor, und die Alltagssorgen der Menschen würden nicht abgebildet. Da sind wir auf den Stammtisch gekommen. Der Stammtisch ist heute natürlich auch Facebook – aber das ist im Fernsehen suboptimal. Der "Stammtisch" soll die Leute mitnehmen, repräsentieren – und wenn das gelingt, würde mir das gefallen.

    STANDARD: Das heißt ein bisschen zugespitzt: Der "Stammtisch" holt ein Publikum ab, das sich bisher nicht berücksichtigt fühlt – und rettet den ORF und die Gebührendebatte für den Gesamtkonzern.

    Thurnher: Wenn das so wäre: Dann bürden wir dem "Stammtisch" einen Riesenrucksack an Verantwortung auf. Aber wir helfen natürlich gerne, wo wir können. Aber das war nicht der strategische Hintergrund. Wir wollten uns lösen von den immer gleichen Formaten an den immer gleichen Tischen, auf den immer gleichen Sofas. (Harald Fidler, 14.3.2019)

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