Wiener Spitäler: Neuer Name – neue Zukunft?

    Kommentar der anderen13. März 2019, 16:22
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    Die Umbenennung der Wiener Spitäler in Kliniken ist ein Etikettenschwindel

    Namensänderungen haben verschiedene Gründe. Unkorrektes soll korrigiert, ein Namensstreit beigelegt oder Erinnerung ausgelöscht werden. Beispiele dafür sind mannigfach – die Änderungen der nach Nationalsozialisten benannten Wiener Straßennamen; Mazedonien, das sich seit kurzem Nordmazedonien nennt und damit den Namensstreit mit Griechenland beilegt; und im Sinne einer Damnatio Memoriae die Beseitigung der Erinnerungen an unliebsame Personen – oft bis zur Entfernung aus den Geschichtsbüchern.

    Sehr viel Zeit und viele Interventionen hat es in Wien gebraucht, bis 2012 der Dr.-Karl-Lueger-Ring in Universitätsring umbenannt wurde, und es gibt auch heute immer noch einige andere Orte, die dem ehemaligen Bürgermeister, einem glühenden Antisemiten, gewidmet sind. Welche Strategie wird mit der Politik der Namensänderungen verfolgt? Ist sie konsequent? Und ist sie sinnvoll?

    Vor einigen Tagen hat der Krankenanstaltenverbund (in Zukunft: Gesundheitsverbund) verlautbart, dass die Spitäler der Stadt Wien neue Namen erhalten. Eine neue Corporate Identity wird die traditionellen Wiener Spitäler nunmehr mit geografischen Bezeichnungen ausstatten.

    "Klinik" plus Bezirksname

    Das Kaiser-Franz-Josef-Spital mit Gottfried-von-Preyer'schem- Kinderspital wird zur "Klinik Favoriten", das Wilhelminenspital, in dem Karl Landsteiner, späterer Nobelpreisträger und einer der Giganten der Medizingeschichte als Pathologe gewirkt hat, wird zur "Klinik Ottakring" und die Rudolfstiftung wird zur "Klinik Landstraße" – um nur einige Spitäler herauszugreifen.

    Wien ist stolz auf seine herausragende medizinische Vergangenheit: Seit der durch Gerard van Swieten begründeten I. Wiener Medizinischen Schule im 18. Jahrhundert über die genialen Ärzte des 19. und 20. Jahrhunderts hinausgehend hat die Wiener Medizin weltweit einzigartige prägende Leistungen hervorgebracht. Auch die im 19. Jahrhundert gegründeten großen Spitäler der Stadt Wien waren Teil dieser Entwicklung und besitzen eine eigene Geschichte, deren Gründungsgeschichte und Name dazugehört.

    Historischer Bezug

    So wurde die Rudolfstiftung 1858 mit einem Handschreiben Kaiser Franz Josephs in Erinnerung an die Geburt des Kronprinzen Rudolf errichtet und benannt. Die Stiftung war ein eleganter, nach französischen Vorbildern entworfener Bau des romantischen Historismus, von dem heute allerdings schon lange nichts mehr zu sehen ist.

    Beim Wilhelminenspital handelt es sich um eine Stiftung der Fürstin Wilhelmine von Montléart zum 40. Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph im Jahr 1888.

    Wenn es auch in der Vergangenheit Namensänderungen der Spitäler gegeben hat – unter den Nationalsozialisten hieß das Kaiser-Franz-Josef-Spital "Robert Koch-Krankenhaus" -, so nimmt man ihnen und damit auch der Stadt heute mit der Umbenennung einen Teil ihrer Geschichte und damit einen Teil ihrer Identität. Ist diesen Spitälern mit einer neuen "Benamsung" (Copyright Stadtrat Peter Hacker) gedient? Mit einem Streich ist jeder historische Bezug, jede Entwicklung, jede soziale und medizinhistorische Leistung vergessen.

    Entwurzelung

    Spitäler sind wie Ozeandampfer große traditionelle Institutionen. Niemandem würde es einfallen, das heute auch allen Fernsehzuschauern bekannte Krankenhaus der Charité in Krankenhaus Berlin-Mitte umzubenennen oder in Paris der berühmten Salpêtrière, dem großen Nervenkrankenhaus, wo auch Sigmund Freud einst Gast war, einen neuen Namen zu geben. Fremde Namen verunsichern Patienten, denen die neue Bezeichnung einer Entwurzelung gleichkommt.

    Der nunmehrige Bezirksbezug mit dem Begriff "Klinik" zu einer Einheit verbunden, stellt überdies einen Etikettenschwindel dar, denn unter Kliniken versteht man im Allgemeinen "teaching hospitals", die an medizinische Fakultäten beziehungsweise Universitäten angeschlossen sind, aber nicht kommunale Bezirksspitäler. Eine Sitte, die allerdings auch im restlichen Österreich gepflegt – und im Ausland belächelt – wird.

    Die Medizin hat ihre Gestalt in den letzten 200 Jahren weltweit stark verändert. Die Krankenhäuser haben dabei eine wesentliche Rolle eingenommen und damit auch die Geschichte der Stadt geprägt. Lassen wir ihnen doch ihren ursprünglichen Namen und anerkennen damit ihren historischen und sozialen Beitrag! (Christiane Druml, 13.3.2019)

    Christiane Druml ist Leiterin des Bereichs Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin an der Medizinischen Universität Wien.

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    • Das Wilhelminenspital soll ab 2020 "Klinik Ottakring" heißen.
      foto: standard/robert newald

      Das Wilhelminenspital soll ab 2020 "Klinik Ottakring" heißen.

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