Christlich-bürgerliches Unbehagen

Kolumne12. März 2019, 17:51
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Nicht nur Promis wie Erwin Pröll finden, dass Kurz zu sehr auf FPÖ-Kurs fährt

Erwin Pröll zu Sebastian Kurz: "Es geht nicht, dass du schweigst. Mit einer solchen Institution geht man nicht so um." (Es ging um die Angriffe der FPÖ auf die Caritas.) So erzählte es Pröll bei der Präsentation des Dialogbuches "Zwei Lebenswege, eine Debatte" (Ueberreuter) von Herbert Lackner, in dem der ehemalige Landesfürst Pröll und der linke Dichter Peter Turrini ihre jeweilige Weltsicht auf zivilisierte Weise austauschen.

Pröll ist nicht der Einzige aus der "alten ÖVP", der besorgt ist über die Angleichung von Türkis an die in Teilen rechtsextreme FPÖ. Christian Konrad, auch Kardinal Schönborn sind da dabei. Aber es sind nicht nur Promis, die sich da äußern. Ganz normale bürgerlich-christliche Menschen sozusagen von der "Basis" geraten in Unruhe – und sprechen das auch aus. Stellvertretend dafür zwei Stimmen: Ein Arzt aus Niederösterreich hat folgenden Brief an alle ÖVP-Landeshauptleute geschrieben: "Mit zunehmendem Unbehagen, ja sogar manchmal auch Angstgefühlen beobachte ich die demokratiezerstörenden Umtriebe unserer Regierung. Wir haben da einen Bundeskanzler, der die ganze Welt als bewunderter Strahlemann durchpflügt, im Lande aber einen Koalitionspartner, der nun laufend Umbauten in Richtung autoritäre Verfassung vorantreibt. Und dies alles ohne irgendeinen Muckser ihrerseits."

Eine (beschwichtigende) Antwort bekam der Doktor nur vom Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner. Worauf der Arzt noch einmal nachlegte: "Auch wenn es anfangs nur kleine Schritte zu sein scheinen, die den meisten Bürgern zunächst gar nicht auffallen, Kickl wird auch weiter sein Programm durchziehen (...) Aus bürgerlichem Haus stammend und mit deutlichen antifaschistischen Wurzeln und schulischer Erziehung bereiten mir all diese Dinge weiterhin höchstes Unbehagen."

Vorgänge um den Karfreitag

Ebenfalls christlich motiviert ist die protestantische Publizistin Dorothea Tramontana, die direkt an Kanzler Kurz schrieb. Sie stört, dass der Karfreitag aus Rücksicht auf "die Wirtschaft" geopfert wurde: "Historisch gesehen war dieser Tag als Feiertag für lutherische, reformierte, methodistische und altkatholische Christen eine sehr späte Entschuldigung des Beamtenstaates Österreich bei den Protestanten – im Hinblick auf ihr jahrhundertelanges Leid unter den Habsburgern. Und nun – durch die von Ihnen als Bundeskanzler verantwortete Regelung – haben Sie uns Protestanten erneut zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. Ich weiß aus Gesprächen mit katholischen Mitchristen, dass auch diese durch die Vorgänge um den Karfreitag traurig, verunsichert, empört sind. Was bedenken wir am Karfreitag? Das Geheimnis der Erlösung, also das, worum es im Christentum eigentlich geht. Wenn uns das nichts mehr wert ist, schneiden wir unsere eigenen Wurzeln ab."

Sebastian Kurz entschlüpfen manchmal verräterische Aussagen ("96 Prozent der Österreicher sind vom Karfreitag nicht betroffen"). Dennoch liegt er sehr gut in den Umfragen. Eine Mehrheit der Österreicher ist mehr oder weniger einverstanden mit der türkis-blauen Regierung. Aber dennoch gibt es gerade unter bürgerlichen, christlich motivierten Menschen, die sich als aktive Bürger verstehen, ein tiefes Unbehagen darüber, welchen Weg Kurz geht. (Hans Rauscher, 12.3.2019)

Weitere Kommentare von Hans Rauscher lesen Sie hier.

Zum Thema:

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