Jungarzt: "Zwölf Euro pro Stunde im Turnus sind zu wenig"

    16. März 2019, 09:00
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    Je nach Bundesland erhalten angehende Ärzte ein anderes Gehalt. Im Vorjahr schloss der 29-jährige Jungarzt seinen Turnus in der Steiermark ab

    "Arzt zu sein ist einzigartig. Menschen kommen in Ausnahmesituationen zu mir, ich helfe und bestenfalls geht es ihnen besser. Mir gefällt auch, dass sie dem Job Respekt und Vertrauen entgegenbringen. Das gibt meiner Arbeit Sinn.

    Im Vorjahr habe ich meine Turnusausbildung für Allgemeinmedizin in der Steiermark abgeschlossen. Je nach Bundesland sind die Arbeitszeiten und das Gehalt anders. Mein Regeldienst war von acht bis 16 Uhr. Zusätzlich hatte ich zweimal im Monat 25-Stunden-Dienste. Statt 40 habe ich dann 55 Wochenstunden gearbeitet – in manchen Bundesländern sind diese Dienste Teil der Regelarbeitszeit.

    Das ist anstrengend und auch öd. Wenn meine Kollegen heim gegangen sind, habe ich mir gedacht: ‚Puh, noch fast 17 Stunden Arbeit.‘ Das fühlt sich ewig an. Wobei es ein Bereitschaftsdienst ist und ich nur bei akuten Fällen hätte arbeiten müssen. Doch weil so viel los war, habe ich quasi durchgearbeitet, obwohl das nicht erlaubt ist. Da ist es oft schwer, nach Mitternacht klar zu denken. Ich musste aufpassen, keine Fehler zu machen, habe alles doppelt kontrolliert. Obwohl ich am nächsten Tag frei hatte, fühlte ich mich nicht richtig erholt, sondern wie mit Jetlag.

    Pro 25-Stunden-Dienst habe ich eine extra Pauschale von circa 150 Euro brutto bekommen. Als Arzt in Ausbildung ist man in der untersten Gehaltsstufe, ich verdiente anfangs 2900 Euro brutto, plus die Pauschalen. Je nach Bundesland zahlt man unterschiedlich viel an die Ärztekammer – bei mir waren es fast 20 Prozent des Gehalts. Netto hatte ich monatlich rund 1800 Euro zur Verfügung, das hat sich bis zum Ende der Ausbildung kaum verändert.

    Hohe Weiterbildungskosten

    Ich habe eine Zeit lang in einer WG gewohnt, das Zimmer hat warm 400 Euro gekostet, alleine waren es später 800 Euro. Dazu kamen circa 100 Euro für das Auto, 40 Euro für Fernsehen und Internet und 30 Euro für mein Handy. Zu Mittag gegessen habe ich täglich für vier Euro in der Kantine, dazu kamen monatlich 150 Euro für Lebensmittel. Etwa 50 Euro zahle ich für Kino, Theater und Bücher. Für Sport gebe ich quasi nichts aus, ich gehe mit meinen Freunden regelmäßig Fußball spielen. Dafür fällt die Weiterbildung ins Gewicht: Das konnten im Monat schon mal 1000 Euro sein, die für einen Kongress, Anreise und Hotel drauf gingen.

    foto: getty images
    "Als Turnusarzt ist man oft der Depp vom Dienst, auf manchen Stationen wird man nicht mit Namen angesprochen. Wegen des häufigen Wechsels durch die Stationen ist es oft mühsam, sich immer wieder neu im Team zu integrieren", sagt der 29-jährige Jungarzt.

    Ich denke, dass ich sparsam lebe, auch weil ich nicht jährlich auf Urlaub fahre. Im Schnitt spare ich pro Monat bis zu 400 Euro. Das mache ich mittels Dauerauftrag vom Gehalts- auf das Sparkonto. So ist der Betrag auf dem Konto niedrig und ich habe wenig Drang, Geld auszugeben. Oft zweifle ich aber, ob ich mir mit meinem Ersparten später meinen Wunsch von einem eigenen Haus erfüllen kann.

    Auch wenn ich gut mit dem Gehalt auskam: Ich finde, es ist zu wenig. Für eine verantwortungsvolle Aufgabe mit langer Ausbildung bekommen wir zwölf Euro pro Stunde. Soweit ich weiß, verdienen wir in der Steiermark am schlechtesten und müssen am meisten an die Kammer abgeben. Trotzdem, es geht um eine Wertschätzung. Als Turnusarzt ist man oft der Depp vom Dienst, auf manchen Stationen wird man nicht mit Namen angesprochen. Wegen des häufigen Wechsels durch die Stationen ist es oft mühsam, sich immer wieder neu im Team zu integrieren.

    Medizinabsolventen wandern aus

    Derzeit suche ich eine Facharztausbildungsstelle, was nicht leicht ist. Erstens, weil es in beliebten Fächern wie Augenheilkunde oder Innere Medizin zu wenige Plätze gibt und zweitens, weil Spitäler Stellen undurchsichtig vergeben, da zählt Vitamin B. Dieser Umstand, sowie die Qualität der Facharztausbildung, aber auch die hohen Kammerabgaben sind Gründe, wieso viele Medizinabsolventen abwandern.

    Das ist für mich auch noch eine Option. Wenn, würde ich in die Schweiz wechseln. Dorthin sind auch einige meiner Studienkollegen gegangen. Sie arbeiten zwar täglich mehr Stunden, doch die Arbeit ist nicht so dicht wie bei uns, in der Ausbildung bekommt man Supervision vom Oberarzt und man verdient das Dreifache. Obwohl die Lebenserhaltungskosten höher sind, können sie umgerechnet 4000 Euro pro Monat auf die Seite legen – das ist das Zehnfache von meinen monatlichen Ersparnissen." (Gesprächsprotokoll: Selina Thaler, 16.3.2019)

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