Das Dschungelbuch: Laufen unter Palmen

Blog13. März 2019, 07:00
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Traillaufen auf Bali: Gleich hinter der Mauer beim Pool gibt es eine Million Wege

foto: thomas rottenberg

Das mit dem früher Loslaufen, als die Sonne sich über den Horizont schwindeln würde, hatten wir ja schon letzte Woche: In den Tropen dauert der Sonnenaufgang nicht lang (der Sonnenuntergang auch nicht) – und während es vorher nur dampfend-schwül ist, wird es dann in wenigen Minuten sehr rasch sehr unpackbar dampfend schwül. Und nach dem Unterschied kann man Opern schreiben. Auch das hatten wir schon. Vergangene Woche an dieser Stelle, als wir – Elisa und Ed Kramer-Asperger, Eva und ich – auf Bali das Strandlaufen unter erschwerten Bedingungen übten. Ein zweites Mal würden wir diesen Fehler nicht machen. Auch wenn es diesmal nicht den Strand bei Amed – im touristisch noch nicht ganz überlaufenen Nordosten Balis – entlang, sondern ins hügelige Hinterland gehen sollte. Traillaufen also.

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foto: thomas rottenberg

Ob, wo und wie das hier am besten gehe, hatten wir Birgit Rieger, die vor 16 Jahren aus Österreich nach Amed ausgewanderte Architektin, in deren Öko-Resort "Balila Beach" am Hügel über dem Strand wir uns einquartiert hatten, gefragt – und einfach nur ein Kopfnicken geerntet: "Einfach hinter dem Pool über die Mauer. Da gibt es eine Million Wege" Und: Nein, man könne sich da nicht wirklich verlaufen: "Wenn ihr es schafft, das Meer nicht zu finden und den Strand entlang zurückzulaufen, wäre das preisverdächtig." Und, noch einmal nein, vor gefährlichen Tieren bräuchten wir uns nicht allzu sehr zu fürchten: "Im schlimmsten Fall stolpert ihr über eine Kuh. Oder den Strick, mit dem sie angebunden ist."

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Das mit der Mauer bekamen wir hin. Und das mit den Wegen war auch nicht übertrieben: Wir hatten längst gelernt, dass man hier abseits der für Autos ausgebauten Pisten vor allem auf Trails unterwegs ist. Und das nicht nur zu Fuß. Touristen – in der Regel und in dieser Häufigkeitsreihung: Australier, Amerikaner und erst dann Europäer (und in dieser Region dann viele Franzosen) – findet man im Gelände so gut wie nie. Obwohl viele der Routen sogar auf Google Earth als "Weg" auftauchen, wenn man von A nach B will. Solange A und B Ortschaften sind.

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Doch hier oben im Hinterland von Balila Beach gibt es zunächst keine Ortschaften. Jedenfalls keine, die jemand auf einer Karte suchen würde: Die Pfade, die auf den ersten Blick ziemlich "random" durch die Landschaft führen, sind Wegerln, die sich mehr oder weniger von selbst ergeben – dort, wo die Bauern zwischen und zu den kleinen Reisterrassen unterwegs sind, die man sogar auf kleinen und kleinsten Lichtungen findet. Oder zu anderen – für uns scheinbar willkürlich – mitten im Dschungel angelegten Feldern. Oder aber es sind Trails der Fischer ans Meer, die zu kennen kein Fehler ist. An den Straßen und in den Orten gibt es überall knallorange Schilder, die zu den Tsunami-Fluchtrouten führen. Wo es die nicht gibt, gilt: Zu wissen, wo man so rasch wie möglich so weit wie möglich rauf und auf dem Hügelkamm ins Hinterland kommt, ist alles andere als nutzloses Wissen.

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foto: thomas rottenberg

Denn hier, vor und zwischen den tausenden Inseln Indonesiens, ist die Erde aktiv: Hier treffen die Sunda- und die australischen Platte aufeinander. Kleinste und kleinere Erdbeben regen deshalb kaum jemanden auf.

Dass diese Beben verheerende Auswirkungen haben können, ist aber spätestens seit dem Tsunami von 2004, bei dem über 230.000 Menschen ums Leben kamen bekannt.

Im August 2018 löste ein Seebeben zwar nur einen kleinen Nano-Tusnami aus, auf Lombok kamen aber fast 500 Menschen durch das Beben um – und 80 Prozent der Gebäude wurden beschädigt. Lombok kann man bei guter Sicht von Amed aus sehen. Die Bootsfahrt dauert keine Stunde.

Vergangenen Dezember überraschte ein Tsunami trotz hochentwickelter Warnsysteme die Besucher eines Rockkonzerts am Strand von Java. Die Flutwelle kostete auf Sumatra und Java 222 Menschen das Leben.

Dennoch: Angst und Panik sind unangebracht. Den schnellsten Weg nach oben zu kennen schadet trotzdem nicht.

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foto: thomas rottenberg

Wir waren (eh klar) nicht auf der Suche nach Fluchtwegen. Eher im Gegenteil: Genau genommen hatten wir keinen Plan – und uns lediglich vorgenommen, uns treiben zu lassen. Weil man hier nicht wirklich viel falsch machen kann, hatten wir am Handy (das im Gelände, egal wo, immer eingesteckt zu haben ist ein Stück Sicherheitsnetz) nicht einmal Karten oder Satellitenbilder geladen. Was würde schon groß passieren, wenn wir uns tatsächlich verkoffern sollten?

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Hinter uns wurde es hell und heller, bald würde die Sonne aus dem Meer steigen. Solange wir die im Nacken hätten, musste das Meer rechts von uns sein. Und den Strand entlang zurück fänden wir – im schlimmsten Fall würden wir eben um ein paar Felsen schwimmen. Swimruns mögen Elisa, Ed und ich ja ohnehin. (Nebenbei: Es gibt im Dezember auf Bali sogar einen, organisiert von der Umwelt-Awareness-Plattform "Bali Hope".)

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Aber abgesehen von der Sonne und der Küste gibt es hier noch eine Orientierungshilfe: den Vulkan Gunung Agung. Der ist mit über 3.000 Metern (einige Quellen sagen 3.031, andere 3.142) einer der fünf höchsten Vulkane Indonesiens und immer noch aktiv, zumindest hin und wieder: In Birgit Riegers "Speisesaal" hängen Bilder vom Asche und Rauch speienden Agung, die sie im Herbst 2017 selbst gemacht hat. Damals war alles andere als sicher, ob der heilige Berg nicht in einen Ausbruch heiligen Zorns die Dörfer der Umgebung mit Tod und Lava überziehen würde – so wie er es 1963 zuletzt getan hatte.

Über 1.600 Menschen waren damals umgekommen. Die Region wurde deshalb 2017 sicherheitshalber evakuiert. Es blieb zwar bei Rauch und Asche, aber aus Sicherheitsgründen ist der Aufstieg leider verboten. Nachvollziehbar – und schade.

Imposant ist der "großartige Berg" (so heißt er übersetzt) jedoch auch, wenn man ihn nur als Orientierungspunkt nutzt.

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Mit das Faszinierende am Laufen im balinesischen Hinterland ist aber, wie plötzlich und übergangslos man von schmalen Pfaden wieder auf vergleichsweise breiten Straßen landet. Und auf denen ist man auch lange vor sieben in der Früh alles andere als alleine. Kein Wunder, denn die Balinesen nutzen den Tag schlauer als die Touristen: In der prallen Sonne ist man nur dann unterwegs, wenn es gar nicht anders geht. Also werden anstrengende Arbeiten tunlichst dann erledigt, wenn die Temperaturen noch halbwegs erträglich sind: vor Sonnenaufgang.

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Auch wenn die Balinesen sich mittlerweile daran gewöhnt haben, dass Touristen hin und wieder am Strand sinnlos schwitzend herumlaufen, sind Leute, die bergauf und bergab durch den Regenwald hirschen und dann plötzlich auch in den sonst besucherfreien Dörfern auftauchen, noch ein bisserl, äh, "auffälliger". Höflich gesagt. Anders formuliert: Dass man uns für ein bisserl plemplem hielt, bekamen wir natürlich mit. Die Kinder starrten uns mit unverhohlener skeptischer Faszination an.

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Ed und Elisa überraschte das nicht: Schon lange bevor sie ihren Traillauf-Spezialshop Traildog Running in Wien-Liesing gründeten, waren sie läuferisch in wirklich fernen Ländern unterwegs. Unter anderem in Afrika. Dass irgendjemand so verrückt ist, sich ohne Not und zwingenden Grund, sondern aus reinem Spaß an der Freude körperlich bis an die Grenzen des individuell Machbaren körperlich auszupowern und zu belasten, ist etwas, das Menschen, die nicht im Luxus und Überfluss leben, nicht ganz einfach nachvollziehen können. Laufen im Besonderen, aber auch Freizeitsport im Allgemeinen ist ein klassisches First-World-Ding. Weil die Konzepte und Gedankenwelten von "Hobby" oder "Urlaub" nur funktionieren, wenn man mehr als genug Zeit, Geld, Ressourcen und Reserven hat.

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Das bedeutet allerdings nicht, dass man sich dafür schämen oder entschuldigen muss, in Wohlstand und Sicherheit geboren und aufgewachsen zu sein. Mitnichten. Aber genauso wenig darf man sich darauf etwas einbilden: Das ist einfach Glück. Zufall. Sich dessen bewusst zu werden erdet – und relativiert viel von dem, was für uns selbstverständlich ist. Und bei aller Verklärung des angeblich so einfachen, schlichten und auf das Wesentliche reduzierten Lebens in Regionen wie hier.

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Schon ein eitriger Zahn lässt den alternativsten Hippie und den überzeugtesten Aussteiger frohlockend in den Schoß hyperhygienischer westlicher Hightech-Medizin zurückkehren – ganz zu schweigen von Momenten, in denen die eigenen Kinder krank werden. Da schicken einen nämlich sogar die Dorfheiler zum "echten" Arzt. Weil sie ihre Kunst nicht als Ideologie oder Wettkampf mit dem "Westen" verstehen: Die Devise "Was wirkt, das gilt" ist nämlich keine Einbahnstraße – auch wenn wir Bewohner der "Ersten Welt" das oft vergessen.

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Oder vergessen wollen. Weil wir aus der privilegierten Urlauberperspektive eben nur das Besondere, das Außergewöhnliche sehen – und alles andere ausblenden. Ganz besonders dann, wenn es uns gelingt, uns in Ecken und Zonen zurückzuziehen, in denen wir nicht alle paar Meter auf jene Menschen stoßen, die Touristen am allerwenigsten sehen wollen: andere Touristen nämlich. Die verfälschen schließlich das Bild und das Erlebnis – und zerstören die Authentizität des unverfälschten Urlaubs mit echtem Entdeckerflair. Touristen sind schließlich immer nur die anderen.

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Wobei die Kombination von frühem Morgen und Laufen durch das Hinterland von Amed genau solche Momente dann eben doch möglich machen: Kuta, der grölende Ballermann Balis, ist zum Glück ganz weit weg. Der leicht groteske Yoga-Mainstream-Trampelpfad von Ubud ebenso. Der Surf-, Tauch- und Hippie-Trail auf Bali verläuft (noch) anderswo – und auch wenn seine Ausläufer schon bis hierher, in den Nordosten, reichen, verlassen sich die meisten Urlauber immer noch auf "Geheimtipps", die im "Lonely Planet" Jahr für Jahr in zigtausendfacher Auflage weitergeflüstert werden.

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Der große Autor Ilija Trojanow postuliert nicht ohne Grund genau das Gegenteil dieser vorprogrammierten Reisen: Er reist "nackt", also ohne Reiseführer. Lässt sich treiben – und das an und in Orte(n) fernab der großen, gut ausgebauten Lüge vom normiert-individuellen Reiseerlebnis.

Genau das verblüffte mich vor gut 15 Jahren in Thailand, auf Ko Pha-ngan, das erste und letzte Mal: Wir waren nach Haad Rin gereist, um uns anzusehen, in welche Kommerzwahnsinnigkeiten sich die legendären Full-Moon-Partys von Haad Rin entwickelt hätten. Und staunten nicht schlecht: Auf der Fähre standen zig Leute mit Alex Garlands 1996 erschienenem "The Beach" in der Hand. Sie glaubten tatsächlich, exakt das nacherleben zu können, was Leonardo Di Caprio schon im Jahr 2000 im gleichnamigen Film hier nicht mehr gefunden hatte.

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Zurück nach Bali: Wir waren im Trojanow'schen Sinn zwar nicht nackt nach Bali gereist, aber heute immerhin nackt losgelaufen. Ob dieser Tempel an und über der Küste in irgendeinem Reiseführer steht? Keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, wie er heißt – und es ist auch egal. Aber dass wir plötzlich, und ohne es geplant zu haben, da waren, machte ihn zu etwas Besonderem. Für uns. An diesem Tag und in diesem Moment waren wir Entdecker. Weil wir nichts geplant und daher auch nicht gewusst hatten, ob und was wir finden würden – und das Staunen, die Überraschung und die Begeisterung deshalb echt waren. Nackt.

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Die Sonne war jetzt endlich und tatsächlich über den Horizont geklettert. Sie stieg schnell – und gewann praktisch im Minutentakt an Kraft. Ihr am Strand entgegen, also Richtung nach Hause zu laufen, entpuppte sich sehr schnell und wenig überraschend als nicht einmal mittelgute Idee. Also bogen wir wieder ab: Ins Gemüse.

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Dort trafen wir dann prompt auf das, wovor uns unsere Gastgeberin Birgit am Abend zuvor augenzwinkernd als "größte Gefahr im Wald" gewarnt hatte: Kühe. Drei.

Wir meisterten diese Schlüsselstelle mit schlotternden Knien, aber doch bravourös, ...

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... und wurden gleich darauf wieder einmal Zeugen der furchtlosen Mopedfahrkünste der Einheimischen. Wieso diese Menschen ihre Sicheln beim Motorradfahren allem Anschein nach grundsätzlich mit der Spitze nach oben unter die Achsel oder in die hintere Hosentasche klemmen, ist aber eines der Geheimnisse dieser Insel, die für uns wohl für immer ungelüftet bleiben werden. Nur: Man muss ja nicht alles verstehen – und wer sind wir, anderen neben unseren Sitten und Gebräuchen auch unsere Ängste oktroyieren zu wollen? Eben.

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Es war kein weiter, aber doch ein längerer Lauf geworden: Gerade zehn Kilometer zeigte der Tracker an, als wir wieder am Pool standen. Lediglich 200 Höhenmeter. Und wir waren (ohne die Uhren anzuhalten) nur knapp über 70 Minuten unterwegs gewesen. Doch das sind nur Zahlen.

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Denn gefühlt war die kleine Runde ganz anders. Nicht nur, weil wir vollkommen durchgeschwitzt und ausgepowert waren. Sondern weil wir wieder einmal erlebt hatten, dass Laufen so viel mehr als Laufen sein kann. Etwa eine Reise – an unbekannte, unerwartete Orte. Und oft genug liegen die nur wenige Meter abseits unserer Komfortzone: "Einfach hinter dem Pool über die Mauer", hatte Birgit gesagt, "da gibt es eine Million Wege." Und das nicht nur auf Bali. (Thomas Rottenberg, 13.3.2019)

Mehr Bilder aus Bali gibt es auf Tom Rottenbergs Facebook-Seite.

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