Ethik und Religion im Wechselspiel

    Kommentar der anderen11. März 2019, 18:06
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    Ethikunterricht ist mehr als Wertedarstellung. Das Fach soll zum Umgang mit religiöser, weltanschaulicher Pluralität und Divergenz befähigen. Warum nicht im Austausch mit konfessionellem Religionsunterricht?

    Durch den Ethikunterricht erhoffen sich manche eine gesteigerte Attraktivität des Religionsunterrichts – Ethik als Motivator eines verstärkten Interesses an Religion (siehe "Ethik füllt die Religionsstunde wieder"). Eine unbefriedigende Sichtweise. Die Hoffnung auf ein Zurück zum Religionsunterricht übersieht die Tatsache der steigenden Zahl an konfessionell nicht gebundenen Menschen in Österreich – in Wien bereits die zweitgrößte Gruppe. Sie würden damit mit einem Ersatz abgespeist.

    Der Term Ethik bedeutet allerdings eine Verengung, da es primär um Werte und Moral zu gehen scheint. Werte als solche können jedoch nicht gelehrt werden, sondern müssen kontrastiv begründet und durch gelebte Praxis vom Einzelnen angeeignet oder abgelehnt werden.

    Ein Blick in die europäische Realität zeigt, wie breit und unterschiedlich so ein Fach, das inhaltlich nicht von den Religionsgemeinschaften verantwortet wird, konzipiert werden kann: multireligiös, mit starken philosophischen und ethischen Anteilen oder mit Akzent auf Lebensgestaltung. Solche Modelle verstehen sich verpflichtend für alle Schülerinnen und Schüler und haben teilweise den konfessionellen Religionsunterricht abgelöst.

    Religiöse Basis

    Ein strikt nach Konfessionen getrennter Religionsunterricht – eine europäische Minderheit – will neben Sachinformationen über Religion(en) und religiöse Phänomene Kindern und Jugendlichen die wesentlichen Elemente christlichen Glaubens in der jeweiligen konfessionellen Prägung erschließen und sie in ihre ethnische und/oder kulturelle Identität einführen, sodass sie ihre religiöse Basis verstehen und begründen können. Das kann aber die Gefahr mit sich bringen, von Menschen, die nicht der eigenen Konfession oder Religion angehören oder als "nichtreligiös" eingestuft sind, als den Anderen zu sprechen.

    Wir brauchen einen Gegenstand, wo Lernende sich mit authentisch eingebrachten und gelebten religiösen Meinungen, Weltanschauungen und Praktiken eigenständig auseinandersetzen können. Hier erleben alle, nicht zuletzt auch am Beispiel eines heterogenen Lehrkörpers, dass es divergierende Umgangsformen mit Religion im Alltag sowie eine Vielfalt an Glaubenspraxis nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Konfessionen und Religionen gibt. Dazu gehört auch die Einordnung, welche ethischen Handlungen und moralischen Postulate sich religiös begründen lassen und welche nicht und wie sich Religion in der individuellen Lebensgestaltung im konkreten Alltag manifestiert. Dabei wird offensichtlich, dass Religionen kein homogener Block sind. Daher ist es auch nicht so einfach zu erkennen, was richtig oder falsch ist, sondern es muss das Ziel religiöser und ethischer Auseinandersetzung sein, eine Ahnung von Gut und Böse zu bekommen und zu verstehen, wie Welt- und Wertebilder entstanden sind, es aber dennoch universelle Sichtweisen und Ansprüche gibt, auf denen gelingendes menschliches Zusammenleben beruht.

    Offene Räume

    Ein entsprechend konzipierter Ethikunterricht könnte zu einem Ort werden, wo Menschen trotz unterschiedlicher Meinungen gemeinsam Themen oder Herausforderungen mit Respekt bearbeiten und wo differierende Positionen bestehen bleiben. Im Idealfall finden sie einen Weg, mit den Differenzen konstruktiv umzugehen.

    Wie kann das jedoch bei Aufrechterhaltung eines monokonfessionellen Religionsunterrichts erreicht werden? Ein konzeptueller Konsens könnte hier im Wechselspiel bestehen: konfessionelle Räume, in denen Schülerinnen und Schüler des gleichen Glaubens ihre Fragen stellen und Antworten zu ihrer Identität erhalten. Und dann wieder offene Räume im Sinne gemeinsamen Lernens (wie immer der Gegenstand dann auch heißt), in denen authentisch eingeführte Perspektiven durch Dialog und in gegenseitiger Achtung geklärt werden. Die Modelle eines konfessionell-kooperativen und dialogisch-konfessionellen Unterrichts sowie eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichts im Klassenverband wären – eben zusammen mit einem entsprechenden Ethikunterricht – Schritte in diese Richtung. (Heinz Ivkovits, 11.3.2019)

    Heinz Ivkovits war bis 2017 Institutsleiter an der KPH Wien/Krems und 2015 bis 2018 österreichischer Leiter des Erasmus-Plus-Projekts "Ready" zu Religions- und Ethikunterricht u. a. in Deutschland, England und Schweden.

    Zum Thema:

    • Ab dem Schuljahr 2020/21 wird Ethik an AHS-Oberstufen und Polytechnischen Schulen zum regulären Unterrichtsfach. Wie das Fach gestaltet werden soll, ist derzeit Gegenstand von Debatten.
      foto: getty images

      Ab dem Schuljahr 2020/21 wird Ethik an AHS-Oberstufen und Polytechnischen Schulen zum regulären Unterrichtsfach. Wie das Fach gestaltet werden soll, ist derzeit Gegenstand von Debatten.

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