Grazer Start-up hilft mit Chippflaster bei Kinderwunsch

    12. März 2019, 09:00
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    Dank App und Patch bequemer und präziser die fruchtbaren Tage ermitteln: Das versprechen die Entwickler von Femsense

    Wien – Biep, biep! Sie sollten jetzt Sex haben! Das könnte einem künftig das Handy empfehlen: Am Montag präsentierte das Grazer Start-up Steadysense ein Mikrochip-Pflaster samt App, das die fruchtbaren Tage für Frauen mit Kinderwunsch errechnet. Mit dieser Idee haben Erfinder Werner Koele und sein Team sechs Millionen Euro aufgestellt; ein Drittel davon kam aus Förderungen. Auch die Grazer Investorengruppe Eqventure rund um Business Angel Herbert Gartner hat sich beteiligt.

    Das Prinzip ist simpel: In der Femsense-App tragen Frauen den Beginn ihres Zyklus in den Kalender ein. Die App errechnet, wann das etwa vier Finger breite Pflaster unter der Achsel anzubringen ist, um den Zeitpunkt des Eisprungs zu erwischen. Während fünf bis sieben Tage misst der hautfarbene Patch die Körpertemperatur; beim Eisprung steigt sie um 0,2 bis 0,5 Grad.

    foto: femsense
    Die Gesundheitsdaten werden durch NFC über die ganz kurze Distanz übertragen. Kundendaten und Messdaten speichert Steadysense separat und auf eigenen Servern.

    Die Daten werden mit dem Handy wie beim kontaktlosen Zahlen durch Nahfeldkommunikation (NFC) ausgelesen. Voilà, der Sexalarm ist gestellt. Pro Zyklus ist ein Patch notwendig. Eine Dreierpackung kostet knapp 75 Euro. Derzeit muss man die Pflaster online bestellen, bis Jahresende sollen sie auch in Apotheken erhältlich sein.

    Thermometer immer dabei

    Ob der kommerzielle Erfolg eintritt, hängt von mehreren Faktoren ab. Ein naheliegender Einwand: Was spricht gegen das herkömmliche Haushaltsthermometer, um die Fertilität zu messen? Tatsächlich hat sich die Temperaturmessung zur Bestimmung der fruchtbaren Tage seit den 1930ern bewährt, sagt Gynäkologe und nunmehr Investor Michael Schenk. Wenn richtig durchgeführt, werden zwei von drei zeugungsfähigen Paaren damit schwanger. Bei Steadysense will man diese Erfolgsrate aber deutlich übertreffen, wie es heißt.

    Das Problem herkömmlicher Temperaturbestimmung, egal wie präzis, sei die Schwankung der Werte je nach Tagesverfassung. Schlaf oder Alkoholkonsum würden sich auswirken, sagt Schenk. "Man müsste wie eine Nonne leben", um stets verlässliche Werte zu erhalten. Doch Nonnen sind vermutlich nicht die Zielkundschaft. Für Frauen, die ein Baby wollen, liefert die kontinuierliche Messung unabhängig vom Lebensrhythmus das fruchtbare Zeitfenster, versprechen die Entwickler. Außerdem sei ein Patch diskreter als diverse Konkurrenzprodukte.

    Kopiergeschützte Pflaster

    Was ist mit Nachahmern? Erfinder Werner Keoele war zuvor bei Infineon und arbeitete mit Apple im NFC-Bereich zusammen. Für die Entwicklung des neuen Chips hat er sich ein Jahr im Keller verschanzt. Die Komponenten können nur die Halbleiterhersteller Infineon und AMS liefern. Außerdem sichern zwei Patente das Produkt ab.

    foto: femsense
    Grazer auf fertiler Mission: (von rechts) Peter Gasteiner und Werner Koele sind Geschäftsführer von Steadysense. Die Irin Orla Baumgartner ist für das Marketing zuständig. Michael Schenk ist Kinderwunschexperte und neuerdings Angel Investor.

    Gegen Jahresende stehe die Zulassung in den USA an, dann will man in China auf den Markt. Attraktiv ist auch der Einsatz der Chippflaster als Verhütungsmittel. Dazu müssen aber klinische Studien durchgeführt werden. Jetzt wartet man bei Steadysense einmal auf das erste Pflasterbaby. Berechnungen des STANDARD zufolge dürfte es noch mindestens neun Monate dauern. (Leopold Stefan, 11.3.2019)

    • Dank kontinuierlicher Temperaturmessung kann der Patch von Steadysense den Eisprung präzise bemessen. Künftig soll das auch bei der Verhütung helfen.
      foto: steadysense

      Dank kontinuierlicher Temperaturmessung kann der Patch von Steadysense den Eisprung präzise bemessen. Künftig soll das auch bei der Verhütung helfen.

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