Mehr Gehalt: Nicht mehr Sesselkleben wird belohnt

    Gastkommentar11. März 2019, 16:06
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    Sondern vielmehr die Übernahme komplexerer und verantwortungsvollerer Stellen, sagt der Berater Stefan Waschmann. Das sei auch gut so

    "Leistung zahlt sich somit hierzulande immer weniger aus" lautet das mit flotter Feder von Conrad Pramböck gezogene Conclusio zu seinem gleichlautenden Artikel. Diese Aussage fußt allerdings nicht – wie man vermuten würde – auf einer subjektiv zu hoch empfundenen Steuerlast.

    Begründet wird diese unterstellte Leistungsfeindlichkeit stattdessen mit einer Systembeschreibung aktueller Gehaltssysteme: "Die höheren Gehälter beim Berufseinstieg mögen die jungen Menschen freuen. Gleichzeitig haben sie immer weniger Möglichkeiten, ihr Einkommen weiterhin deutlich zu steigern." Darauf lässt sich nur antworten: Ja, wer sich nicht verändert, bleibt stehen. Und das ist gut so.

    Am Sessel kleben: keine Leistung

    Die betrauerten lebenslangen Gehaltszuwächse von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter basierten in der Vergangenheit im Wesentlichen auf einer Eigenschaft: Ausdauer. Die Ausdauer, sich trotz bescheidenen Anfangsgehaltes durch beharrliches Aushalten des geschäftlichen Alltages über 40 Jahre hinweg ein beachtliches Gehalt zu ersitzen. Im öffentlichen Bereich – wo sich diese Sitzfleisch-Kompensation besonders gut konserviert hat – wurden dieses Durchhaltevermögen zusätzlich gerne mit immateriellen Tand ergänzt. Sich mit 60 mit dem Titel Oberamtsrat schmücken zu können und dann nach 40 Jahren im gleichen Job als Anerkennung für diesen Masochismus noch eine Dienstalterszulage obendrauf: So das scheinbar erstrebenswerte Bild aus vergangenen Tagen, dem hinterhergeweint wird.

    Sehen wir uns kurz an, weshalb dieses sanft entschlafene Bild des braven Mitarbeiters, der ein Arbeitsleben lang den gleichen Schreibtisch hütet, an der Realität gescheitert ist. Ja, mit Ausdauer konnte man zu einem erheblichen Gehalt kommen. Aber welchen Leistungsanreiz setzt ein System, das Sitzenbleiben belohnt? Belohnt ein solches System Mobilität? Fördert ein solches System persönliche Weiterentwicklung? Innovationskraft? Sie alle kennen die Antwort: Nein.

    Jeder Job soll fair entlohnt werden und auch eine Erfahrungskomponente beinhalten – aber desto einfacher der Job, desto geringer wird der Erfahrungsvorteil in der täglichen Arbeit sein. Wer täglich die gleichen Formulare prüft, wird vermutlich nach drei bis fünf Jahren keine merklichen Qualitäts- oder Leistungssteigerungen mehr in Sachen Formular-Prüfung abrufen können. Bei einer Entwicklerin elektronischer Steuerungen für Autonomes Fahren dauert dieser Lern- und Erfahrungsprozess wohl länger, aber auch hier wird nach zehn Jahren ein Plafond erreicht sein. Nur so lange sollte auch eine Gehaltssteigerung aufgrund einer Erfahrungskurve im Entgeltsystem eingepreist sein – was bei aktuellen Gehaltssystemen auch meist der Fall ist.

    Die Komplexität des Jobs

    Was die vermeintlich eingeschlafenen Einstiegsgehälter von AkademikerInnen angeht: Gehälter bilden sich nach der Anforderung der Stelle, nicht nach der Ausbildung der Bewerber und Bewerberinnen. Sonst müssten wir U-Bahnfahrerinnen und –Fahrer mit Doktorgrad in altgriechischer Philosophie auch das dreifache Gehalt zahlen. Während der Finanzkrise – und in den Folgejahren – sind dabei zwei Faktoren zusammengekommen: Zum einen eine gewisse Akademisierung von Berufen (obwohl die Anforderung – und damit die Bezahlung – des Berufs gleich blieb), zum anderen ein Verdrängungswettbewerb am Arbeitsmarkt: in der Krise nahmen Akademikerinnen und -Akademiker aufgrund der angespannten Jobsituation häufiger auch Jobs an, die eigentlich keinen akademischen Grad benötigt hätten.

    Wie kommen nun aber unser Formularprüfer und unsere Entwicklerin an mehr Gehalt, wenn sie nach drei oder fünf Jahren in der Erfahrungskurve anstehen? Folgt man Pramböck, so fehlt dann die (Gehalts-)Perspektive. Heerscharen an Betroffenen bleibt dann wohl nichts mehr übrig, als grau gewandt und jeglicher Lebensfreude beraubt traurig auf ihren Gehaltsscheck zu starren.

    Dass dieses Bild nicht eintritt, ist dem Leistungswillen der Menschen zu verdanken. Denn freilich kann jeder zu mehr Gehalt kommen: Sie oder er muss dafür allerdings auch einen anspruchsvolleren Job übernehmen: Eine Abteilungsleitung. Oder das Formulardesign statt deren Prüfung. Oder die Prozessverantwortung für den Bau eines ganzen autonomen Fahrzeuges. Und sonst hilft noch immer das Gesetz der zwei Füße: Sich mal bei der Konkurrenz nach einer Stelle umsehen.

    Denn im Gegensatz zum ewigen Senioritätssystem kostet eine 55-jährige Tunnelbauingenieurin und ihre 30-jährige Kollegin bei jeweils 10+ Jahren Erfahrung in einem modernen Kollektivvertrag dem Unternehmen genau das gleiche. Womit auch ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gerne wieder aufgenommen werden: Denn gerade in qualifizierten Jobs war in der Vergangenheit das ewige Senioritätsprinzip ein Hindernis: Ältere MitarbeiterInnen waren schlicht um ein Eckhaus teurer als ihre – gleich erfahrenen – jüngeren KollegInnen.

    Abkehr vom ewigen Senioritätsprinzip

    Und nein, die hier gebrochene Lanze für endenwollende Senioritätsstufen ist nicht turbokapitalistisch. Denn Gehaltssysteme in "dieser Republik" sind kein Würfelspiel von ArbeitgeberInnen. Sie werden von einer Sozialpartnerschaft ausgehandelt, die gottseidank darauf achtet, dass Mindestlöhne Menschen ein vernünftiges Leben ermöglichen (auch wenn es an dieser Stelle noch viel zu tun gibt). Gehaltssysteme sind nie losgelöst von einer Gesellschaft und Politik. Und die Abkehr vom ewigen Senioritätsprinzip hat gerade für unterprivilegierte Gruppen erhebliche Vorteile mit sich gebracht: Lebenswerte Mindestlöhne und bessere Jobchancen für ältere Kolleginnen und Kollegen. Und ja, das bedingt eine geringere Lohnschere zwischen jung und alt – sofern man vorhat, auf ewig den gleichen Job zu machen.

    Damit kommen wir zur Ursache dieser Replik zurück. Dass sich "Leistung nicht mehr auszahle". Es ist genau umgekehrt: Nicht mehr Sesselkleben wird belohnt, sondern die Übernahme komplexerer und verantwortungsvollerer Stellen – und dafür winkt auch ein höheres Gehalt. (Stefan Waschmann, 12.3.2019)

    • Die Abkehr vom ewigen Senioritätsprinzip hat gerade für unterprivilegierte Gruppen erhebliche Vorteile mit sich gebracht: Lebenswerte Mindestlöhne und bessere Jobchancen für ältere Kolleginnen und Kollegen.
      foto: getty images

      Die Abkehr vom ewigen Senioritätsprinzip hat gerade für unterprivilegierte Gruppen erhebliche Vorteile mit sich gebracht: Lebenswerte Mindestlöhne und bessere Jobchancen für ältere Kolleginnen und Kollegen.

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