Doping: Spritzennation statt Spitzennation

    8. März 2019, 18:43
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    Spitze im Doping, punkto Leistung – mit wenigen Ausnahmen – im Hintertreffen. So steht Österreichs Sport international da. Ursachen sind vielleicht weniger in der Psyche der Täter denn in den Strukturen zu suchen

    "Eine Schnitzel- und Spritzernation." So wurde Österreich von seinem erfolgreichsten Olympiasportler vor kurzem beschrieben. Der Nordische Kombinierer Felix Gottwald, der dreimal Gold, einmal Silber und dreimal Bronze gewann, hatte dem STANDARD das Interview wohlgemerkt schon vor der WM in Seefeld gegeben. Nun, nach dem Skandal um die gedopten Max Hauke, Dominik Baldauf und Johannes Dürr, würde Gottwald zur Nation vielleicht noch mehr einfallen.

    Wie konnten sie nur? So beginnen die meisten Sätze über die drei Langläufer. Sie setzen sich fort mit: so dreist, so schlecht beraten oder so dumm sein zu glauben, damit davonzukommen? Das Kopfschütteln bezieht sich speziell auf Dürr. Dieser hatte sein Auffliegen ja selbst herbeigeführt, indem er jenen Sportmediziner anzündete, der ihm bis vor kurzem noch selbst beim Eigenblutdoping geholfen hatte.

    Die bessere Leistung

    Hauke, Baldauf und Dürr bringen in der Opferrolle bessere Leistungen als auf der Loipe. Alle sprechen sie vom "größten Fehler des Lebens". Mittlerweile gibt es etliche, an denen man sich ein Beispiel nehmen kann, wenn man als Doper aufgeflogen ist. Ex-Radprofi Bernhard Kohl ragt da heraus, er hatte die Tour de France 2008 vermeintlich auf Rang drei beendet. Wenig später gab er Epo-Doping zu, er wurde gesperrt, trat zurück, gab den reuigen Sünder und betreibt ein gutgehendes Radgeschäft. Eine drohende Haftstrafe, hat Kohl gesagt, hätte ihn davon abgehalten zu dopen.

    Die sollen einmal ordentlich trainieren. Auch das hat Felix Gottwald vielen heimischen Sportlern ins Stammbuch geschrieben. Und da hakt Horst Nussbaumer ein, der Präsident des Ruderverbands (ÖRV). "Die sportwissenschaftliche Begleitung von Sportlerinnen und Sportlern ist in Österreich absolut suboptimal", sagt Nussbaumer dem STANDARD. Für den Oberösterreicher, der ab 1992 dreimal olympisch ruderte und 1998 WM-Dritter im Doppelvierer war, ist die Situation "deutlich schlechter" als zu seiner Aktivenzeit. Österreich hinke weit hinterher bei Themen wie Sportmedizin, Ernährung, Biomechanik, Sportpsychologie, Leistungsdiagnostik oder Physiotherapie.

    Unterstützung

    Nussbaumer vermisst eine zentrale Einrichtung, ein "nationales Leitinstitut", in dem Know-how gebündelt und zugänglich gemacht wird. Er nennt Canberra mit dem Australian Institute of Sport als Ideal, seit seiner Gründung 1981 ist es Garant für Medaillen. Sporterfolge in Österreich werden von Einzelnen (Dominic Thiem) und von wenigen Verbänden verantwortet, die diesbezüglich auf eine echte Tradition verweisen können – neben dem Ski- wären der Rodel- und der Segelverband zu nennen.

    "Derzeit fragt sich niemand, wie Sportler optimal unterstützt werden können, sondern die Sportler müssen sich überlegen, wie und wo sie sich Unterstützung holen können." Im besten Fall wird der Sportler dabei von seinem Verein oder Verband unterstützt. Dabei wird laut Nussbaumer "unglaublich viel Geld und Zeit für etwas verschwendet, was von Haus aus angeboten sein sollte".

    Hoffnung IMSB?

    Ins selbe Horn stößt der renommierte Anti-Doping-Aktivist Wilhelm Lilge. "Es gibt ganz große Reserven in der Sportwissenschaft", sagt Lilge dem STANDARD. "Da ist sehr viel nicht ausgereift. Und es ist kein Wunder, wenn sich der eine oder andere Sportler alleingelassen fühlt und versucht, mit Doping eine Abkürzung zu nehmen." Laut Leichtathletiktrainer Lilge gibt es etwa kaum Kooperationen zwischen den Sportuniversitäten und den Verbänden. "Die Sportwissenschaft hat sich von der Praxis entfernt."

    Das 1982 gegründete IMSB (Institut für Medizinische und Sportwissenschaftliche Beratung) in der Südstadt hätte eine zentrale Rolle einnehmen sollen. "In den letzten Jahren hatte der Spitzensport kaum etwas vom IMSB", sagt Lilge. Dass IMSB-Leiter Hans Holdhaus und sein gleichnamiger Sohn kürzlich durch einen Dreiervorstand ersetzt wurden, sei "zum Teil eine parteipolitische Umfärbeaktion". Lilges Hoffnungen auf das "neue" IMSB sind nicht allzu groß. Holdhaus senior und junior klagten gegen ihre fristlosen Entlassungen. Lilge meint zudem, man hätte die Posten ausschreiben müssen.

    Lilge rudert zurück

    In der Südstadt hat oder hätte das IMSB neben dem Bundessport- und Freizeitleistungszentrum einen idealen Standort. Die sieben Olympiazentren indes stehen anderswo, in Innsbruck, Linz, Salzburg, St. Pölten, Dornbirn, Klagenfurt und Wien. Know-how-Transfer gestaltet sich zäh. Ruderverbandspräsident Nussbaumer nennt ein Beispiel. "In Klagenfurt gibt es eine ausgezeichnete Ernährungsberaterin, sie ist im Olympiazentrum Kärnten angestellt. Ich wollte aber, dass sie sich um alle österreichischen Ruderer kümmert, und das ist uns dank gemeinsamer Anstrengung der Olympiazentren auch gelungen."

    Was seine Annahme betrifft, den ÖSV-Verantwortlichen hätten die Doper auffallen müssen, rudert Lilge übrigens zurück. "Seit ich weiß, dass es nicht einmal im erfolgreichsten heimischen Sportverband eine zentrale Leistungsdiagnostik gibt, wundert mich nichts mehr." So ist die Spritzernation der Spritzennation näher als der Spitzennation. (Fritz Neumann, 8.3.2019)

    • Lilge sieht Reserven in der Sportwissenschaft
      foto: privat

      Lilge sieht Reserven in der Sportwissenschaft

    • : Nussbaumer wünscht sich ein Leitinstitut
      foto: privat

      : Nussbaumer wünscht sich ein Leitinstitut

    • Dürr gibt Rätsel auf.
      martin huber / expa / picturedes

      Dürr gibt Rätsel auf.

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