KHM zeigt Mark Rothko: Was bringt der Dialog zwischen Alt und Neu?

    10. März 2019, 12:00
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    Am Montag startet die Ausstellung zum US-Maler. Der moderner Meister trifft dabei auf die Klassiker der Kunstgeschichte

    Als der amerikanische Maler Mark Rothko 1950 seine langersehnte Pilgerfahrt nach Europa antrat, kniete er vor den künstlerischen Ikonen der Alten Welt nicht einfach nieder. Der geborene Russe unterschied sehr genau, welche Werke für ihn jene Aura verströmten, die er auch seinen Farbfeldmalereien verleihen wollte. Von Paris war Rothko enttäuscht, aber in Florenz fand er schließlich Bilder, die ihn tief berührten. Die Gelassenheit und Ruhe, die von den diffus beleuchteten Freskos des Dominikanermönchs Fra Angelico ausgehen, sollte Rothko nie wieder vergessen.

    Wenn das Kunsthistorische Museum (KHM) am Montag die erste österreichische Retrospektive des 1970 verstorbenen Malers eröffnet, steht dessen Bewunderung für die Alten Meister im Zentrum. Eine seiner typischen Kompositionen schwebender Rechtecke war bereits 2018 in der KHM-Schau The Shape of Time zu sehen. Der Kurator Jasper Sharp hängte damals einen dunkelfarbigen Rothko neben ein Selbstporträt des reifen Rembrandts. Ziel der Ausstellung war ein "Dialog" zwischen Alt und Jung, wie es im Kunstsprech so gerne heißt.

    Aber wie soll die Zwiesprache zwischen Werken, die 300 Jahre trennen, überhaupt funktionieren? Was hat der Kunstbegriff eines Niederländers des Goldenen Zeitalters mit den Krisen eines abstrakten Expressionisten im New York der Fifties gemein? Auf alle Fälle ist Kunst nach 1945 heutzutage ein Must-have für Altmeistersammlungen. Bereits der ehemalige KHM-Direktor Wilfried Seipel sprang auf den publikumswirksamen Trend auf und zeigte 2003 den britischen Malerstar Francis Bacon zusammen mit Werken des Hauses. Zehn Jahre später organisierte Kurator Sharp dann eine vielbeachtete Ausstellung zu Bacons Freund, dem Maler Lucian Freud.

    Moderne als Jungbrunnen

    Die Moderne soll als Jungbrunnen wirken, für einen "frischen Blick" sorgen: durch Bacons schreiende Päpste eine Gänsehaut vor Velázquez’ Porträts von Innozenz X. bekommen, mit Freuds üppigen Frauenakten Rubens verstehen und an Rothkos Hand vor Rembrandts Licht erschauern. Schließlich weiß ein jüngeres Publikum mit Madonnen, mythologischen Szenen und Fürstenporträts herzlich wenig anzufangen. Seit der Jahrtausendwende haben die Museen vor dem Markttrend kapituliert, dass nicht mehr Bildung, sondern das Besuchererlebnis zählt.

    Auch am Kunstmarkt stellt die Sparte "Modern & Contemporary" die Alten Meister in den Schatten: Auf der Liste der 100 weltweit teuersten Kunstwerke entstanden nur fünf Bilder vor 1800. Wenn heute so gerne Zeitgenossen eingeladen werden, eine subjektive Auswahl aus den Sammlungsdepots zu treffen, dann bleibt der Erkenntnisgewinn in der Regel gering. Im Gegensatz dazu übernahmen die Künstlerinnen und Künstler der sogenannten "Institutionskritik" ab den 1970er-Jahren eine aufklärerische Rolle. Sie arbeiteten sich an den Machtstrukturen, Ideologien und blinden Flecken historischer Sammlungen ab.

    Lange vor den Restitutionsdebatten recherchierte etwa Hans Haacke 1974 die Provenienz eines Stilllebens von Édouard Manet. Der Konzeptkünstler deckte dabei nicht nur die jüdischen Vorbesitzer des Bildes, sondern auch die NS-Vergangenheit eines Museumsmäzens auf. "Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?", fragte eine Plakataktion der Performancegruppe Guerilla Girls, die 1985 mit Affenmasken den Künstlerinnanteil im Musentempel anprangerten. Vom Stachel im (Sitz)Fleisch des Museums blieb aber wenig übrig, ganz im Gegenteil: Die zeitgenössische Intervention wurde so populär, dass sie mittlerweile zum fixen Repertoire von Ausstellungsformaten zählt.

    Marketing mit Wes Anderson

    Allerdings laufen diese Projekte nicht immer friktionsfrei ab, denn der unwissenschaftlich-persönliche Zugang vergrämt nicht selten die hauseigenen Spezialisten. In Wien gingen zuletzt die Wogen hoch, als sich der Filmregisseur Wes Anderson und seine Frau Juman Malouf über die KHM-Sammlungen hermachten. Die noch bis 28. April gezeigte Schau Spitzmaus Mummy in a Coffin and other Treasures zieht neue Besucherschichten an, wurde medial aber auch als Marketingevent verdammt.

    Der Übergang von Kritik zu Unterhaltung lässt sich bestens an dem Projekt ablesen, das Franz West 1989 im Kunsthistorischen Museum realisierte. Der für seinen ironischen Humor bekannte Künstler möblierte die Säle der Gemäldegalerie mit Liegen aus Altmetall, auf denen das Publikum lümmeln und die Alten Meister aus der Horizontalen betrachten durfte.

    West, der schon mit seinen Passstücken Skulpturen zum Tragen und Fühlen erfunden hatte, bot so ein Erlebnis musealer Relaxtheit – Spott über steifes Bildungsbürgertum inklusive. Schade, dass Franz West nicht auch Betstühle zum Niederknien produziert hat, sie würden bestens in die kommende Rothko-Schau passen. Der Künstler hat zeitlebens auf die spirituelle Kraft seiner Malerei gepocht.

    Rothko verstand Kunst als eine Art Ersatzreligion, als Schmerzmittel gegen innere Leere, und tatsächlich sollen vor seinen Großformaten viele Tränen vergossen worden sein. Wem der Glaube für eine derartige Gefühlsaufwallung fehlt, der kann ja immer noch über das Licht in Rothkos Farben meditieren oder zumindest eine Stunde ohne Handy genießen. (Nicole Scheyerer, 9.3.2019)

    • Dialog oder Zusammenstoß? Peter Paul Rubens' "Das Pelzchen" trifft auf einen Akt von Maria Lassnig.
      foto: khm-museumsverband

      Dialog oder Zusammenstoß? Peter Paul Rubens' "Das Pelzchen" trifft auf einen Akt von Maria Lassnig.

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