Leistung zahlt sich für das Gehalt immer weniger aus

    Gastkommentar9. März 2019, 09:00
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    Gehaltsexperte Conrad Pramböck hat die Einstiegsgagen zusammen getragen – und sieht kaum Möglichkeiten für klassische Gehaltssteigerungen

    Bis etwa 2015 lag das Gehaltsniveau für die meisten junge Menschen in der Altersgruppe Anfang Zwanzig recht einheitlich zwischen 25.000 und 30.000 Euro brutto pro Jahr. Dies galt sowohl für Mitarbeiter mit abgeschlossener Lehrausbildung als auch für Maturanten mit einem Bürojob als auch für junge Akademiker mit Bachelorabschluss beim Karriereeinstieg. Es galt außerdem für Beamte, für junge Lehrer und selbst für Kindergärtnerinnen.

    In den letzten Jahren hingegen sind die Einstiegsgehälter in einigen Berufsgruppen recht deutlich gestiegen: Der Großteil der Masterabsolventen mit einer wirtschaftlichen oder juristischen Ausbildung verdient heute beim Karriereeinstieg im Bereich von 35.000 Euro brutto pro Jahr, die Techniker sogar rund 40.000 Euro.

    Mehrere Einflüsse sind für diese Entwicklung ausschlaggebend:

    1) Die Wirtschaft boomt und hat eine steigende Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern.

    2) Es gibt immer wenige junge Menschen in der Bevölkerung.

    3) Die Anforderungen der Unternehmen an junge Mitarbeiter werden immer höher, etwa hinsichtlich Englischkenntnissen und Auslandserfahrung.

    4) Das durchschnittliche Niveau in den Schulen sinkt tendenziell.

    5) Die Work-Life-Balance für junge Menschen hat immer größere Bedeutung, wodurch ihre Leistungsbereitschaft geringer wird.

    Durch diese Einflüsse gibt es immer weniger junge Menschen, die qualifiziert und leistungsbereit sind, bei einer gleichzeitig steigenden Nachfrage der Unternehmen. Alle möglichen Alternativen, wie insbesondere das Outsourcing von Jobs nach Osteuropa oder Asien, haben die Unternehmen bereits durchgeführt. Bis Digitalisierung und künstliche Intelligenz den Jobmarkt noch einmal gründlich umkrempeln werden, braucht es noch ein wenig Zeit. In der Zwischenzeit werden junge, qualifizierte Mitarbeiter zu steigenden Gehältern vom Markt aufgesaugt.

    Wer profitiert und wer nicht

    Dieser Trend betrifft jedoch nicht alle Akademiker. Manche Ausbildungen, wie insbesondere Sozialwissenschaftler, sind nach wie vor nicht besonders am Markt gefragt. Bei der Wahl einer Ausbildung ist auch der Blick auf zukünftige Gehaltszettel wichtig. Die Einstiegsgehälter für den ersten Job unterscheiden sich recht deutlich voneinander, je nachdem, welche Ausbildung ein Mitarbeiter abgeschlossen hat.

    Die meisten Akademiker ohne Berufserfahrung verdienen im Schnitt mehr als junge Mitarbeiter gleich nach der Matura. Doch wenn Akademiker ins Berufsleben einsteigen, haben Mitarbeiter mit Lehrausbildung oder Matura bereits einige Berufsjahre absolviert, und ihre Gehälter sind auf das Einstiegsniveau vieler Akademiker angestiegen. Manche Ausbildungen, wie etwa HTL-Ingenieure, verdienen in der gleichen Altersgruppe sogar mehr als manche Akademiker.

    foto: upstyle/der standard

    Wer also eine höhere Ausbildung mit der Absicht absolviert, von Anfang an deutlich mehr zu verdienen als der Rest, kann also enttäuscht werden. Die Gehaltsschere öffnet sich für viele erst nach ein paar Jahren. Im Alter von 30 Jahren verdienen Akademiker im Schnitt schon rund 20 Prozent mehr als Nicht-Akademiker. Danach haben es Akademiker viel einfacher, in gut dotierte Führungspositionen aufzusteigen, und der durchschnittliche Gehaltsunterschied zu anderen Mitarbeitergruppen wächst weiter an.

    Vergleich mit Inflation

    Die Freude über die steigenden Einstiegsgehälter mag die jungen Akademiker freuen. Der Vergleich zur Inflationsrate zeigt jedoch ein anderes Bild: Während die Inflation seit 2005 im Schnitt rund zwei Prozent betrug, stiegen die Einstiegsgehälter mit deutlich geringen Werten. Im Schnitt steigen erst seit 2018 zum ersten Mal seit langer Zeit die Einstiegsgehälter stärker als die Inflation.

    Damit lassen sich folgende Aussagen treffen:

    1) Die Ansprüche der Unternehmen an die jungen Mitarbeiter sind deutlich höher als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.

    2) Die Einstiegsgehälter blieben über einen langen Zeitraum de facto gleich.

    3) Die Inflation frisst im Schnitt über einen Prozentpunkt des Gehalts auf.

    Besonders augenfällig sind die höheren Preise bei Immobilien, sowohl bei Kauf als auch bei Miete. Durch die Austeritätspolitik seit 2008 sind gewaltige Summen in Immobilieninvestments geflossen, sodass es für junge Menschen fast unmöglich ist, sich aus eigener Kraft ohne finanzielle Unterstützung Wohnungseigentum aufzubauen oder sogar eine attraktive Mietwohnung leisten zu können. Besonders die Jahre nach der Wirtschaftskrise 2008 haben zu deutlichen realen Verlusten bei den Einstiegsgehältern geführt.

    Flachere Einkommenskurve

    Der Anstieg der Einstiegsgehälter führt auch nicht automatisch zu einem höheren Lebenseinkommen, sondern nur zu einer flacheren Gehaltskurve im Laufe des Berufslebens. Während vor 15 Jahren die Einstiegsgehälter bei rund 30.000 Euro lagen und ein gut bezahlter Akademiker gegen Ende seines Berufslebens mit rund 70.000 bis 80.000 Euro rechnen konnte, liegen heute die Einstiegsgehälter bei rund 35.000 Euro. Die höchstbezahlten Spezialisten verdienen allerdings nach wie vor "nur" 70.000 bis 80.000 Euro.

    Die höheren Gehälter beim Berufseinstieg mögen die jungen Menschen freuen. Gleichzeitig haben sie immer weniger Möglichkeiten, ihr Einkommen weiterhin deutlich zu steigern. Leistung zahlt sich somit hierzulande immer weniger aus, denn es fehlen die Gehaltsperspektiven. (Gastkommentar: Conrad Pramböck, 9.3.2019)

    Conrad Pramböck ist Gehaltsexperte, war für verschiedene Personalberatungen tätig und hat nun sein eigenes Beratungsunternehmen Upstyle Consulting

    Serie: Eine Frage des Gehalts

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