Die schwierige Vermessung des Gender-Pay-Gap

    8. März 2019, 12:00
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    Sicher ist: Es gibt einen Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen. Je genauer man hinschaut, desto kleiner wirkt die Lücke

    Jafnlaunavottun soll endlich für Gerechtigkeit sorgen. Nein, wir sind nicht auf der Tastatur eingenickt, der Begriff ist isländisch und heißt übersetzt so viel wie "Zertifikat für gleiche Gehälter". Seit Jahresanfang müssen isländische Unternehmen detailliert darlegen, dass sie Männern und Frauen für gleiche Arbeit den gleichen Lohn zahlen.

    Wer das nicht macht oder die Gehälter nicht belegen kann, zahlt eine Strafe. Durch die Maßnahme will der nordische Inselstaat seinen Gender-Pay-Gap weiter reduzieren. Konkret will man die Einkommenslücke von knapp sechs Prozent zwischen den Geschlechtern schließen.

    Sechs Prozent klingt nach einem vergleichsweise geringen Unterschied. In Österreich ist die Lücke doch deutlich größer. Stehen wir hierzulande bei der Gleichberechtigung tatsächlich so viel schlechter da? Die Antwort ist nicht so klar, wie es die zitierte Statistik nahelegt. Wer über den Gender-Pay-Gap redet, vergleicht allzu oft Kraut und Rüben.

    Um die Situation der Österreicherinnen auf dem Arbeitsmarkt besser einordnen zu können, muss man etwas in die Tiefe gehen. Erst dann lassen sich unterschiedliche Lösungsansätze für die notorische Gehaltslücke, Bildungsmaßnahmen, Kinderkrippenplätze oder Karenzmodelle einordnen.

    Zahlenspiele

    Zahlen sind dabei oft trügerisch. Österreich liegt bei der meist kolportierten Gehaltsschere von 20 Prozent über dem europäischen Schnitt von 16 Prozent. Den kleinsten Gehaltsunterschied verzeichnen Rumänien und Italien. Das macht zu Recht etwa stutzig, sind die beiden Länder doch nicht für feministische Errungenschaften bekannt. Obwohl in Rumänien das Argument der sozialistischen Vergangenheit noch naheliegt, ist man im erzkatholischen Italien weit weg vom skandinavischen Liberalismus.

    Ein Vergleich der Beschäftigungsquoten klärt auf. In Italien sind nur die Hälfte aller Frauen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren erwerbstätig, im EU-Schnitt sind es dagegen zwei Drittel. In Österreich gehen mehr als 70 Prozent der Frauen einer Arbeit nach. In Ländern, in denen Frauen also dem Arbeitsmarkt in viel geringerem Ausmaß zur Verfügung stehen, ist auch der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern weniger ausgeprägt.

    Das ist allerdings ein schwacher Trost für Österreicherinnen. In Island liegt die Erwerbsquote bei 85 Prozent. Warum ist das Land also so viel besser unterwegs? Bei den isländischen Werten handelt es sich um eine noch weiter bereinigte Gehaltslücke. Nicht nur die Arbeitszeit wurde dabei berücksichtigt, sondern auch Faktoren wie Ausbildung, Stellung oder Karrierejahre.

    Wie sieht eine solche Bereinigung in Österreich aus? Der wirtschaftsliberale Thinktank Agenda Austria errechnete einen bereinigten Gender-Pay-Gap in der Höhe von 3,4 bis 11,2 Prozent – je nach Einkommensklasse. Dabei fällt die Lücke bei den untersten Einkommen deutlich niedriger aus als im obersten Einkommendezil. Die Statistik Austria kommt mit einer anderen Berechnungsmethode auf einen bereinigten Gender-Pay-Gap von 13,6 Prozent. Der verbleibende Unterschied legt Diskriminierung auf Betriebsebene nahe.

    Frauen höher gebildet

    Bei der Berechnung des Gehaltsunterschieds zwischen den Geschlechtern spielen also ganz unterschiedliche Komponenten eine Rolle. Jede davon müsste die Politik anders angehen.

    Höhere Ausgaben für die Ausbildung dürften nicht der Lösungsweg sein: Frauen sind hierzulande – zumindest im tertiären Bildungsbereich – besser gebildet: 2016 hatte jede fünfte Frau in Österreich einen Universitäts- oder Hochschulabschluss und 16,2 Prozent der Männer. In den 1980er-Jahren absolvierten noch knapp doppelt so viele Männer wie Frauen eine Universität. Mädchen führen in der Statistik auch bei AHS-Abschlüssen sowie bei berufsbildenden mittleren Schulen.

    Während das Bildungsniveau keine Rolle spielt, ist die Art der Ausbildung ein entscheidender Faktor: Forscher haben berechnet, dass sich Frauen in wohlhabenderen Gesellschaften sogar noch seltener für sogenannte Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) entscheiden. Absolventen dieser Studienrichtungen erzielen im Schnitt höhere Einkommen.

    Beispielgebend für die Art der Ausbildung ist auch die Wahl der Lehrfächer: Bei den – in der Regel eher schlecht bezahlten – Lehrabschlüssen Einzelhandel, Bürokauffrau/-mann und Friseur liegen die Frauenanteile zwischen 68,7 und 94,5 Prozent. In Bereichen wie Kraftfahrzeug- oder Elektrotechnik machen Mädchen hingegen nur einen mittleren einstelligen Prozentsatz aus. Geltende Kollektivverträge würden gerade im Niedriglohnsektor verhindern, dass Frauen mit derselben Qualifikation im gleichen Berufsbild anders entlohnt werden als Männer, sagt die Agenda Austria.

    Hälfte in Teilzeit

    Ein wesentlicher Faktor für die bestehende Gehaltsschere ist das Arbeitspensum. Die Hälfte der Frauen in Österreich arbeitet in einem Teilzeitjob. Als primären Grund für eine Teilzeitbeschäftigung sehen Österreicherinnen die Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen. Nicht einmal fünf Prozent der Männer begründeten ihre Teilzeitbeschäftigung hingegen mit Kinder- oder Erwachsenenbetreuungspflichten.

    Wie gravierend sich Mutterschaft auf das Einkommen auswirkt, hat jüngst eine Studie gezeigt: Auch zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes liegt das Einkommen von Frauen in Österreich durchschnittlich 51 Prozent unter dem Wert von einem Jahr vor der Geburt.

    foto: afp
    Der Gender-Pay-Gap ist ein Faktum, wie groß er ist, bleibt umstritten.

    Um Frauen gleiche Möglichkeiten am Arbeitsmarkt einzuräumen, fordert das WKO-Netzwerk Frauen in der Wirtschaft (FiW) mehr Betreuungsplätze für unter dreijährige Kinder: "Bei der Betreuung in Randzeiten und bei der Betreuung von Kleinstkindern ist noch viel Potenzial nach oben", sagt FiW-Bundesvorsitzende Martha Schultz. Besonders im ländlichen Bereich sei das Angebot an Betreuungseinrichtungen schlecht.

    Agenda Austria will kürzere Karenzzeit

    Dass die Kinderbetreuung in Österreich ausgebaut werden muss, um Frauen den Weg am Arbeitsmarkt zu ebnen, ist eine Forderung, die quer durch die politischen Lager geteilt wird. Auch die Notwendigkeit, Väter stärker zu involvieren, steht weitgehend außer Frage.

    Dabei geht die Agenda Austria noch einen Schritt weiter: Die maximale Karenzzeit sollte auf zwei Jahre gekürzt werden, sagt der Thinktank – je ein Jahr pro Elternteil. Beansprucht ein Partner die Auszeit nicht, verfällt sein Anteil. Doch selbst damit könnte man die Isländer nicht beeindrucken. Nicht zuletzt geht die hohe Gleichberechtigung von Frauen am Arbeitsmarkt auf ein unübertragbares Karenzzeitmodell zurück. Das Motto lautet Väterkarenz: Fæðingarorlof. (Nora Laufer, Leopold Stefan, 8.3.2019)

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