Frauentag in Russland: Nur Festtagsreden und Blümchen

    7. März 2019, 13:18
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    Der Internationale Frauentag hat seinen Ursprung in Russland. Der 8. März ist ein Feiertag, von Gleichberechtigung ist aber wenig zu spüren

    Georgi liebt den Frauentag. "Mit diesem Tag zieht der Frühling in Moskau ein, und die Männer werden großzügig", sagt er. Tatsächlich blüht um Georgi herum alles: Tulpen in allen Farben, Rosen in allen Größen, Chrysanthemen in allen Formen, dazu Mimosen, Nelken und Grünzeug. Denn Georgi hat sich als Blumenhändler natürlich auf den Feiertag vorbereitet. Mit dem Angebot steigen auch die Preise, doch kaum ein Kunde mag jetzt feilschen.

    foto: afp/kirill kudryavtsev
    Gedränge am Blumenstand.

    Männer sind zu wundersamen Metamorphosen fähig. Eine davon vollzieht sich in Russland Jahr für Jahr um den 8. März herum: Knauserer werden großzügig, Machos zu vollendeten Kavalieren. In der Zeit kann man in Moskau tausende Russen mit Tulpen und Mimosen durch den Schneematsch hetzen sehen. Schokolade, Parfum, Kosmetik, Schmuck und seit neuestem auch elektronische Gadgets werden en masse gekauft – und verschenkt. Blumen und Schokolade gehen zumeist an Kolleginnen, Kommilitoninnen und Dozentinnen, die teureren Präsente an Ehefrauen und Geliebte.

    Kampftag Frauentag

    Dabei war der 8. März in seinem Ursprung vor allem ein Kampftag. Entstanden ist der Frauentag aus der Forderung nach einem Wahlrecht für Frauen. So ist es kein Wunder, dass die ersten Initiativen noch vor dem Ersten Weltkrieg dazu aus den USA kamen. In Europa war die deutsche Sozialistin Clara Zetkin eine der Vorkämpferinnen für den Feiertag.

    Russische Feministinnen machen am Frauentag darauf aufmerksam, dass echte Gleichberechtigung auch in Russland nicht existiert.

    Die Entstehung in Russland hängt unmittelbar mit der Revolution – allerdings der bürgerlichen Februarrevolution – zusammen, bei der die Monarchie gestürzt wurde. Am 23. Februar 1917 hatten in Petersburg nämlich Arbeiterinnen und Soldatenwitwen gegen den Krieg und für ihre Rechte demonstriert. Die Aktion weitete sich später in Streiks und revolutionäre Kundgebungen aus. Vier Jahre später beschlossen die Bolschewiki, diesen Tag zu einem Feiertag zu machen. Da nach dem inzwischen neuen Kalender der 23. Februar auf den 8. März fiel, wurde der Frauentag also mit diesem Datum fixiert. Ironie des Schicksals: Am 23. Februar wird heute in Russland der "Tag des Vaterlandsverteidigers" – inoffizieller Männertag – begangen.

    Frühere Selbstständigkeit

    Tatsächlich war die Selbstständigkeit der Frauen in der Sowjetunion größer als in vielen westlichen Staaten dieser Zeit. Kostenlose Kindergärten und Schulen erlaubten es den Frauen, einem Beruf nachzugehen. Auch die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit wurde erfüllt. Bei den Karrierechancen war allerdings schnell Schluss. Von echter Gleichberechtigung war nämlich auch die Sowjetunion noch weit entfernt, und der Selbstverwirklichung setzte der real existierende Sozialismus ohnehin enge Grenzen.

    Auch der Präsident hält am Frauentag jedes Jahr eine Rede zu Ehren der Frauen.

    Spätestens als 1966 der Frauentag zu einem arbeitsfreien Feiertag in der Sowjetunion gemacht wurde, geriet er zum politischen Feigenblatt. Daran hat sich bis heute nichts geändert, womöglich ist die Lage der Frauen im postsowjetischen Russland durch die wirtschaftliche Unsicherheit sogar noch prekärer geworden. Und so werden auf den Betriebsfeiern vor dem Frauentag Lobeshymnen auf das weibliche Geschlecht gesungen und Versprechungen über bessere Karrierechancen gemacht. Zu Hause übernimmt der Mann an diesem Tag ausnahmsweise Frühstück und Abwasch. Wenn Mimosen und Tulpen verblüht sind, ist alles vergessen – bis zum nächsten Jahr. (André Ballin aus Moskau. 7.3.2019)

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