Doku-Essay "Anomalie": Wo psychisches Leid beginnt

    6. März 2019, 16:34
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    Der Film von Richard Wilhelmer stellt die schablonenhafte Sicht auf psychische Krankheiten infrage

    Sackerln schleppend, die Füße in Sandalen, das Haar lang und schlohweiß und unaufhörlich redend. So begegnen wir Fritz Joachim Rudert, dem obdachlosen Philosophen, der in Richard Wilhelmers Anomalie als Lotse dient. Wer Rudert, der seine angepassten Mitbürger wachrütteln möchte, jedoch als Exzentriker bezeichnet, führt im Grunde schon eine jener Distinktionen ein, gegen die der Doku-Essay behutsam antritt.

    Was ist schon normal – und wie viel von dem, was als Abweichung bezeichnet wird, ist durch den Normierungsdruck bedingt? Wilhelmer hat für seinen Film eine Riege von Experten interviewt, die den Begriff der psychischen Erkrankung differenzierter betrachten lehren.

    Behandlungsort USA

    Wie wichtig soziale Hintergründe für die Einschätzung sind, davon weiß etwa der US-Psychologe Arthur Bodin zu erzählen. Mit dem Psychiater Allen Francis weitet der Film die Thesen ins Politische aus: Kein Ort sei schlechter als die USA, wenn es um die Behandlung entsprechender Erkrankungen gehe.

    Insgesamt öffnet Anomalie ein paar Fenster zu viele auf den weiten Zusammenhang von Wahnsinn und Gesellschaft. Doch die schablonenhafte Sicht auf psychisches Leiden infrage zu stellen, gelingt ihm auf jeden Fall. (Dominik Kamalzadeh, 7.3.2019)

    • Obdachloser Philosoph: Fritz Joachim Rudert in "Anomalie".
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      Obdachloser Philosoph: Fritz Joachim Rudert in "Anomalie".


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