20 Jahre RONDO: Das Team erinnert sich

Die eine ist ganz frisch in der Redaktion, der andere seit 5. März 1999 dabei. Damals erschien die allererste RONDO-Ausgabe.

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8. März 2019, 11:57

Nilpferde und Nasenbohrer

Michael Hausenblas

Nr. 572 Freitag, 14. Mai 2010
Damals durfte ich im Tessin den Zündschlüssel einer Giulia Spider (Bj. 1964) drehen und losfahren. Bis heute habe ich das rassige Grummeln meines "Alfa-Tierchens" in den Ohren.

Mit vollen Hosen ist nach 20 Jahren gut stinken. Doch wo anfangen mit dem Blättern bei 1013 RONDO-Ausgaben? Wie wär's mit Filmstar Udo Kier? In einem Interview erzählt er mir, wie ihn Rudolf Nurejew und Luchino Visconti in einem Londoner Nachtclub anmachten und Schampus spendieren.

Michael Hausenblas ist seit der ersten Stunde Teil der RONDO-Redaktions-Sippe.

Auf einer anderen Seite berichtet der Architekt Jean Nouvel, dass er in einer Wohnung ohne Fenster haust, während BMW-Designer Chris Bangle erklärt, warum Menschen an der Kreuzung ungeniert in der Nase bohren. Und Sir Terence Conran? Der verschwindet während des Interviews hinter der Rauchwolke seiner dicken Zigarre in der Bar des Hotel Triest. Weiterblättern?

Ich teste unter anderem Quietscheentchen, Sternspritzer, Tantentäuscher-Parfums und James-Bond-Darsteller. In Paris werden Täubchen verspeist. Und Gomasio-Sandwiches mit 300 Bloggern bei Ikea im schwedischen Älmhult. Der Psychiater August Ruhs referiert darüber, dass Aufräumen triebfeindlicher als Kochen sei, und mit Gerhard Polt lässt sich trefflich über das Design des bayrischen Fluchens parlieren. Ich erkundige mich bei Conchita Wurst nach ihrer Wimpernzange, Stardesigner Konstantin Grcic verwechselt in Portofino Steuerbord mit Backbord, und Philippe Starck gibt zu, dass es Zitronenpressen gibt, die besser funktionieren als seine Design-Ikone.

Viele RONDO später frage ich Anton Corbijn nach seinen Begegnungen mit Johnny Cash und David Bowie, ausgefratschelt werden ferner ein Entwickler von Porno-Games in Innsbruck, ein Schlafwagenschaffner, Schneckerl Prohaska, Greta Gerwig, eine Ministrantin und James Dyson, der exklusiv für uns in der Presidential Suite im Hilton Hand ans Staubsaugerrohr legt.

Bei Tiffany gibt's Frühstück mit der Chefdesignerin. Adele Neuhauser kredenzt Tee. Beinahe ins Hemd mach ich mir wegen einer grantigen Nilpferdmutter auf einer Pressereise am Fuße des Kilimandscharo, und nach dem Schwimmen mit Delfinen vor Neuseeland diagnostiziert der Arzt eine Mittelohrentzündung. Den Schuh-Milliardär und Geox-Erfinder Mario Polegato bringe ich mit der Frage zur Weißglut, ob er wisse, dass ein Fußbad in Tomatensaft gegen Fußschweiß helfe, Wolfgang Joop serviert im Sacher Petit Fours, und Louis-Vuitton-Boss Michael Burke brüllt beim Gespräch, weil der Schiffsmotor seiner Yacht so laut nagelt. Über seine Vergangenheit als Stierkämpfer "El Dandy" schwadroniert der Nachtportier des Ritz in Madrid, und in Liesing darf ich zusehen, wie man Ostereierfarben zusammenpanscht, während sich viele Ausgaben später meine Wangen beim Glasblasen im Tiroler Wattens blähen. Wer meint, das klinge nicht nach Arbeit, kann sich gern den fetten Stapel mit seinen zigtausenden Seiten vorknöpfen.

Die haben Geschmack!

Anne Feldkamp

Nr. 594 Freitag, 15. Oktober 2010
2010 habe ich zum ersten Mal fürs RONDO geschrieben, für mich Inbegriff einer lässigen, weltgewandten Beilage mit Bodenhaftung. Wer könnte sie besser verkörpern als Cordula Reyer?

Es hat in meinem Leben einige Magazine gegeben. Erst einmal, ganz wichtig, als Leserin. Für das Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung habe ich montags mein Taschengeld auf den Kopf gehauen, später dann das Neon-Magazin gelesen, aus dem Frauenmagazin Allegra habe ich die Texte von Sibylle Berg gerissen und die Modestrecken zu Kassetten-Covern verarbeitet.

Anne Feldkamp ist seit 2016 RONDO-Redakteurin.

Damals habe ich das erste Mal eine Ahnung davon bekommen, dass gute Magazine nicht für den Papierkorb gemacht werden. Sie vermitteln ein Lebensgefühl, erweitern den Horizont – und machen den Tag ein bisschen schöner.

Das RONDO habe ich als Deutsche zugegebenermaßen erst in Österreich kennengelernt. Schnell aber war damals klar: Die machen die Beilage hier am besten. Die haben Geschmack, die sehen gut aus, die haben Schmäh. (Witz, hätte ich damals gesagt.)

Es gab also endlich mal wieder einen Grund, freitags eine Tageszeitung mit bunter Beilage zu kaufen. Irgendwann wusste ich: Da will ich rein. Bloß wie?

Wie Gerhard Schröder des Nachts am Zaun zu rütteln war nicht mein Stil. Lieber habe ich meine eigene Strategie entwickelt und gebloggt, für meinen eigenen Modeblog natürlich. Weil: Ich wollte schreiben, unbedingt, auch irgendwann im Print und vor allem im RONDO.

Der Blog ist längst Geschichte, die STANDARD-Beilage aber wurde vom sporadischen zum regelmäßigen Auftraggeber von Modeartikeln. Der erste Beitrag? 2010 übers Kopftuch ("Die Hijabistas" hieß der Text), es folgte ein Interview mit Yvan Rodic, dem Macher des Streetstyle-Blogs Facehunter.

Seither hat sich viel verändert. Yvan Rodic, den "Facehunter", gibt es heute nur noch auf Instagram. Und mich jetzt hauptsächlich im RONDO.

Ungebremstes Rollen in büffeliger Begleitung

Nina Wessely

Nr. 545 Freitag, 23. Okt. 2009
Mein Coverheld Robert Paget war schon zehn Jahre vor mir im RONDO. Das Interview mit ihm und die Bekanntschaft mit seinen Büffelladys markierte eine knappe Dekade danach mein erstes vorsichtiges Stiefeln in Richtung RONDO.

Wenn man auf der Suche nach Büffelmozzarella im Kamptal einem Auto mit nigelnagelneuer Stoßstange inklusive stolzen Besitzers auffährt, der Wuttirade desselben der Rausschmiss bei der Kfz-Versicherung folgt und der der STANDARD einen einstellt: Dann ist das ein guter Tag.

Nina Wessely ist seit Februar 2018 Kulinarik-Redakteurin für das RONDO.

Wenn man an einem Tag in RONDO-Mission drei Mal mehrgängig essen war und drei Pizzawelten in drei unterschiedliche Texte knetet: Auch das ist ein guter RONDO-Moment. Oder wenn man ein Sammelsurium an verwirrten Blicken in diversen Getränkeläden kassiert, weil man im Winter nach Mojito-Fertigmischungen fragt: Auch das ist ein guter RONDO-Tag.

Es ist bemerkenswert, wenn im Redaktionsteam auf der Suche nach dem anderen Blickwinkel alle Ideen gelten – zumindest als Vorschlag. Noch bemerkenswerter ist nur der Mix. Nicht unbedingt der fertige aus Minze, Limette und Rum, sondern jener der RONDO-Menschen. Die sich darüber freuen, wenn andere Nachrichten aus ihrer Welt gerne lesen.

Es ist eine Freude, dass RONDO weiße Flecken aus den Themengebieten der Mode, Design, Uhren und Reisen auf meiner Landkarte auf originelle Weise bunt lackiert. Anders als die Stoßstange, die inzwischen hoffentlich wieder schwarz am Wagen meines damaligen automobilen Gegenübers glänzt.

Als Kulinarik-Redakteurin bemühe ich mich als Beitrag zu diesen RONDO-Welten Bekömmliches auf Papier aufzutischen. Manchmal bekomme ich dafür unverständliche Mojito-Mix-im-Winter-Gesichter, und dann wieder nicht. Das ist dann noch ein guter Tag im RONDO.

Freitags gibt es Grund zum Jubeln

Nr. 413 Freitag, 30. März 2007
Nicht dass ich ein besonders großer Mika-Fan wäre, ganz im Gegenteil. Aber trotzdem hat dieses Cover bleibenden Eindruck hinterlassen. Es ist die erste RONDO-Ausgabe, die ich, damals Publizistikstudent im zweiten Semester, bewusst wahrgenommen habe. Seither bin ich RONDO-Fan.

Am 16. 7. 2018 gab es Grund zum Jubeln: Der erste Tag als Leiter des RONDO. Der Beginn einer neuen beruflichen Herausforderung.

Michael Steingruber leitet seit Juli 2018 das RONDO-Team.

Am 19. 10. 2018 gab es Grund zum Jubeln: der 30. Geburtstag des STANDARD. Das RONDO feiert mit und macht 15 Kollegen und Kolleginnen aus dem Haus zu Models.

Am 23. 11. 2018 gab es Grund zum Jubeln: die 1000. Ausgabe des RONDO. Ein Heft, das in Kilometern, PS, Kalorien und Millilitern zeigt, wie vielfältig die Zahl Tausend sein kann.

Am 8. 3. 2019 gibt es Grund zum Jubeln: Das RONDO wird 20 Jahre alt. Wir freuen uns auf die nächsten 20.

Ziemlich viel Jubel gleich im ersten halben Jahr beim RONDO. Aber in Wahrheit gibt es jeden Freitag Grund zum Jubeln. Denn man sieht immer wieder aufs Neue, was dabei herauskommen kann, wenn viele Leute mit Leidenschaft bei der Sache sind und gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten. Und dieses lautet nun mal nicht, 1000 Ausgaben oder einen runden Geburtstag zu erreichen, sondern, jeden Freitag ein gutes Heft herauszubringen, das unseren Leserinnen und Lesern größtmöglichen Genuss bereitet und auch sie in Jubel versetzt.

Das Schönste zum Schluss

Nr. 797, Freitag, 31. Oktober 2014
Aufregend war das Shooting mit Conchita Wurst. Ein bestelltes Kleid (von Prada!) musste blitzschnell zurück, noch bevor es fotografiert war. Die "Vogue"-Chefin Anna Wintour wollte es sehen! Sofort!

Ich bin eine treue Seele, doch auch für neue Abenteuer bereit. Beruflich konnte ich das gut ausleben, habe ich doch für alle Oscar-Bronner-Zeitungen gearbeitet. Das Abenteuer begann mit dem politischen Profil, gefolgt vom wirtschaftlichen Trend, und zum Schluss kam das Schönste – das RONDO.

Helga Gartner organisiert und verwöhnt seit 2010 im RONDO.

Diese großzügige, bunte, elegante Freitagserscheinung deckt fast alle meinen Lebensthemen ab. Bei den opulenten Reisegeschichten wie etwa der von Sascha Aumüller über seine Iranreise ist die Versuchung groß, sofort in den nächsten Flieger zusteigen. Kindheitserinnerungen weckte das spannende Porträt über den Tiroler Maler Heinz Vielkind. Mit seinen Panoramakarten österreichischer Skigebiete bin ich aufgewachsen.

Die Mode ist nur scheinbar ein leichtes Thema. Man sieht nicht, wie viel Arbeit dahinter steckt. Bei einem Shooting von der ersten Idee bis zur gedruckten Strecke im RONDO dabei zu sein befriedigt meinen Hang zum Abenteuer. Dass wir die Schauspielerin Emily Cox in der Wiener Börse in Szene setzen durften, darauf bin ich besonders stolz. Konnte ich doch die Betreiber überreden, uns in diesem prachtvollen Haus fotografieren zu lassen.

Design hat mich schon immer interessiert. Und der RONDO-Zugang ist besonders spannend. Die Geschichte von Objekten wird oft über Menschen erzählt. Mein Highlight ist Susanne Widl zum Thema Bett.

Meine absoluten Lieblingsseiten sind die über "Essen & Trinken". Hier bin ich zuhause, zu diesen Thema kann ich am meisten beitragen. Als ich vor einigen Jahren begonnen hatte, Brot zu backen, durfte ich meine Erfahrungen niederschreiben. Auch wenn es um Kochbücher geht, ist meine Expertise gefragt. Soll Schokopudding oder Marillenmarmelade getestet werden, bin ich zur Stelle. Es fällt nicht immer leicht, dabei einen Sieger oder einen Verlierer auszumachen. Am Fertiglebkuchenteig wäre ich fast gescheitert. Sowohl die Teige als auch die fertigen Kekse waren weit unter meinem Anspruch an guten Lebkuchen. In der Redaktion wollte sie auch keiner essen. Das war ungewöhnlich, denn selbstgebackene Quiche oder Mohngugelhupf werden ebenso wie Pasta mit Linsenragout restlos verputzt.

Verhältnisse und Beziehungen

RONDO Exklusiv, November 2013
Das erste RONDO Exklusiv: ein Erfolg, und ich mittendrin. Zitat Oscar Bronner: "Ich bin bei fast jeder Geschichte hängen geblieben. Ein Vergnügen!" Da darf man schon stolz sein.

Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Und wie bei vielen Angelegenheiten, aus denen sich eine gute, weil nachhaltige Beziehung entwickelt hat, eine die mal mehr und mal weniger hell glüht, aber nie zu heiß wird, kann ich ad hoc auch gar nicht sagen, wann das mit dem RONDO und mir genau begonnen hat. Hauptsache ist ja immer, dass man überhaupt zusammengefunden hat.

Markus Böhm ist seit 2005 beim STANDARD, seit 2013 fix im RONDO-Team und kümmert sich um alles, was richtig tickt.

Zum ersten Mal gesehen haben müssen wir uns schon während meiner Studienzeit in Wien, da waren wir beide quasi noch minderjährig. Vermutlich landete die Freitagsbeilage der Lieblingszeitung aller Publizistikstudenten aber meist ungelesen im Altpapier.

Für meine Kommilitonen jedenfalls waren Journalisten und Redakteure, die bei dem lachsrosa Blatt arbeiten, Helden. Daher wollten so ziemlich alle Erstsemestrige genau das: Journalisten werden und das – natürlich – beim STANDARD. Ich wollte das nicht. Also nicht unbedingt. Das RONDO? Keine Option, weil de facto nicht auf dem Radar. Aber wie das Leben halt so spielt, landete ich dann, nach einem kurzen Intermezzo bei einer anderen österreichischen Tageszeitung, genau dort. Nämlich in diesem damals noch existenten Riesenressort "Verlagsbeilagen" – zu denen eben auch das RONDO zählte. 2005 war das.

Das RONDO und ich fremdelten zunächst ein bisserl. Und das, obwohl ich unter anderem viele der kleinen Schwestern, die den Zusatz "Spezial" im Titel trugen, geradezu aufopfernd betreute. Aber je länger ich in diesem Betrieb drinnen war und je mehr ich in die Rolle des Uhrenredakteurs hineingewachsen bin, desto größer wurde der Wunsch nach einer Vertiefung der Beziehung. Ein Wunsch, der glücklicherweise auf Gegenseitigkeit beruhte. Man könnte also sagen: Seit 2013 sind wir fix z'samm und haben dieses bis dahin eher schlampige Verhältnis in ein anständiges überführt. Möge es auch die nächsten zwanzig Jahre ein solches bleiben.

Wenn Print und online zusammenkommen

Nr. 164 Freitag, 26. April 2002
Jamie Oliver war damals hierzulande noch relativ unbekannt, sein Kochbuch war gerade auf Deutsch erschienen. Wenige Wochen später bekam ich es zum Geburtstag. Ich hole es immer noch ab und zu hervor.

Es ist etwas mehr als 20 Jahre her. Ich saß in einer Morgenkonferenz der Printausgabe des STANDARD als unauffällige Zuhörerin in einem Winkerl. Ich war Teil der Redaktion von derStandard.at, also der Onlineausgabe von DER STANDARD.

Petra Eder ist seit 1998 beim STANDARD, seit 2013 stellvertretende Ressortleiterin.

Die Kollegen aus der Zeitung fremdelten ein wenig, wir "Onliner" waren geduldete Zuhörer. Genau das tat ich damals: zuhören und an diesem Tag erfahren, dass das neue STANDARD-Lifestyle-Magazin den Namen RONDO tragen sollte. Das stieß in der recht männlich dominierten Redaktionsrunde nicht nur auf Zustimmung: Was sollte das denn, RONDO wäre doch ein Begriff aus der Musik, meinte der Kollege aus der Kultur. Nun, es wurde lebhaft diskutiert, und am 5. März 1999 erschien das erste RONDO.

Die Inhalte waren mir ehrlich gesagt damals noch nicht so wichtig, am ehesten sprachen mich Cover an, die etwas mit Essen und Trinken zu tun hatten. Das änderte sich, als ich Jahre später die Leitung des Lifestyle-Channels auf derStandard.at übernommen hatte – schließlich ging es dann auch darum, gedruckte Texte für die Onlineausgabe zu übernehmen.

Nicht immer einfach, denn Foto- und Autorenrechte mussten für die Webseite extra abgeklärt werden, und die Kolleginnen und Kollegen hatten das meist nicht mitbedacht. Im Jahr 2013 wurden die Redaktionen von der STANDARD und derStandard.at fusioniert, und plötzlich fanden wir uns in einem gemeinsamen Ressort wieder. Zwei Welten prallten aufeinander, und eigentlich wussten wir nichts über die Anforderungen und Aufgaben der anderen.

Es dauerte – wir lernten, auf beiden Seiten. Ein Printtitel kann noch so schön sein, für die Webseite muss die Formulierung verständlich sein. Also muss er geändert werden, selbst wenn das dem Kollegen wehtut. Eine Modestrecke organisieren, das kostet richtig viel Zeit und auch Geld, aber das Ergebnis sieht im großformatigen Printprodukt richtig toll aus – online kann das wohl nie denselben Effekt haben. Jedes Medium hat seine eigenen Stärken. Im vergangenen Jahr leitete ich das RONDO dann einige Monate interimistisch. Das war anstrengend, und es war schön. Seitdem bin ich richtig RONDO.

Wilde-Jahre und Reisen ohne Vorurteile

Nr. 396 Freitag, 17. Nov. 2006
Der Nationalrat ist gerade neu gewählt, Gusenbauer und Schüssel liefern sich eine Schlammschlacht. Und was macht das RONDO? Es titelt mit einer Azoren- Geschichte und fordert: "Endlich Neuwal!"

Ich weiß noch genau, wo ich am 5. März 1999 gewesen bin. Als das RONDO geboren wurde, ließ mir mein studentisches Lotterleben in Paris viel Tagesfreizeit, die mich weit bringen sollte.

Sascha Aumüller ist seit 2001 beim STANDARD, seit 2012 Teil der RONDO-Redaktion.

An diesem Tag von der französischen in die irische Hauptstadt. Flugtickets kosteten kaum mehr als ein Irish Stew, ich konnte es mir also doppelt leisten, Oscar Wilde auf dem Dubliner Merrion Square beim Nichtstun zuzusehen. Seine Statue liegt dort lässig auf einem Stein, er trägt eine krokodilgrüne Weste, im Gesicht ein süffisantes Lächeln. Die Wahrheit ist: Als das RONDO dem lachsrosa Blättchen zum ersten Mal Gewicht verlieh, machte ich es mir möglichst leicht.

Heute glaube ich zu wissen, warum Wilde auf dem Merrion Square frech wie Oscar grinst: Der Bildhauer der Statue hat jenen Moment festgehalten, als der Schriftsteller in The Remarkable Rocket die Weisheit unterbrachte: "Reisen veredelt den Geist und räumt mit unseren Vorurteilen auf." Wilde schrieb das gut 100 Jahre vor der Veredelung des Luftraums durch die irische Ryanair, mit der ich nach Dublin gekommen war. Aber Vorurteile und Reisen, das schien er zu ahnen, sind noch hunderte Jahre ein Thema.

Ab Jänner 2005 durfte ich die neu geschaffenen lachsrosa Reiseseiten am Samstag betreuen. Für die erste Ausgabe plauderte ich mit Schriftsteller Franzobel über Ortswechsel und Essensgewohnheiten. Er sagte mir damals: "Wenn ein Oberösterreicher verreist, nimmt er gefrorenes Essen mit, sein Weltbild ist verankert in Knödel und Schweinsbraten." Wir waren mitten im Thema "Klischees und Vorurteile".

2012 überredeten mich dann die Kollegen vom RONDO zu einer besonderen Form der Pauschalreise: Ich wurde Teil ihrer Redaktion und durfte fortan für die Hochglanz- und die lachsrosa Seiten über Reisen berichten. Völlig vorurteilsfrei versteht sich. Eine meiner ersten RONDO-Recherchereisen führte mich nach Grönland. Gefrorenes gab es dort genug, aber keinen Schweinsbraten mit Knödel, wie ein lieber Kollege von den Oberösterreichischen Nachrichten auf Grönland wiederholt beklagte. Mein liebstes Vorurteil seither: Man bleibt viel zu oft daheim, gerade auf Reisen. (RONDO, 8.3.2019)


foto: der standard/montage: magdalena rawicka
Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Jubiläumsausgabe "20 Jahre RONDO.