Wiederentdeckung des schwermütigen Skeptikers Michail Kalik

    6. März 2019, 11:00
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    Kaliks Filme gehören zu den Meisterwerken der Tauwetter-Zeit im sowjetischen Kino. Das Filmmuseum zeigt eine Retrospektive

    Wird die Bevölkerung nach der Liebe gefragt, dann gibt sie am Ende mehr über den Zustand der Gesellschaft als über private Geheimnisse preis. Die Erfahrung machte Pier Paolo Pasolini in Gastmahl der Liebe (Comizi d’amore), als er sich 1961 landauf, landab nach sexuellen Präferenzen erkundigte. Nicht viel anders erging es dem russischen Filmemacher Michail Kalik, dem das Filmmuseum eine Werkschau widmet, sieben Jahre später. Die meist jungen Sowjetbürger, die einen überraschend mondänen Eindruck machen, lächeln in die Kamera und zeugen vom Selbstbewusstsein einer neuen Generation: "Von der Liebe sollte man erst gar nicht reden, damit schmälert man sie nur."

    Für Kalik wurde Lieben… (Ljubit…) der letzte Film, den er in der UdSSR realisieren konnte. Leonid Breschnew hatte die kurze Tauwetter-Phase unter Chruschtschow bereits beendet, der Staatsapparat griff wieder rigide in die Filmproduktion ein. Kalik hatte seinen Film gerade noch in Moldawien verwirklichen können. In der stärksten der drei inszenierten Episoden von Lieben…, die durch dokumentarische Umfragen voneinander abgegrenzt werden, erzählt er von einem verliebten Pärchen, das eine Nacht lang durch Moskau irrt, ohne einen Schlafplatz zu finden. Je länger sie unterwegs sind, desto mehr scheinen auch die Gefühle zu erkalten, ja langsam zu entschwinden. Wer möchte, kann in der verdichteten Montage auch den Umschwung einer Gesellschaft herauslesen.

    Von Schwermut geprägt

    Michail Kalik, 1927 als Sohn einer jüdischen Familie aus Kiew geboren, bekam die antisemitischen Repressionen unter Stalin bereits kurz nach seiner Aufnahme des Filmstudiums zu spüren und wurde mehrere Jahre in Arbeitslagern interniert. Erst 1954 kam er frei und begann sofort, seine ersten Filme zu drehen. Der Sonne entgegen (Čelovek idet za solncem, 1961) und Auf Wiedersehen, Jungs (Do svidanija, mal’čiki, 1964) zählen heute zu den berühmtesten Werken des Tauwetter-Kinos.

    Nicht nur, weil sie eine formalistisch geprägte Idee von Film mit ironischer Note in anderes Zeitalter retten; auch, weil sie an allen Ecken und Enden von Schwermut eingeholt werden. Die Ahnung, dass der zaghafte Aufbruch kein gutes Ende nehmen wird, hat wohl viel mit Kaliks Skepsis gegenüber nationaler Symbolik und Heroisierung zu tun.

    Moment innerer Einkehr

    In Die Sonne entgegen ist ein kleiner Bub, der sich in das Abenteuer Großstadt begibt, immer der Sonne hinterher, und dabei ein ganzes Leben in komprimierter Form durchläuft. Bereits in diesem Film liefert der Krieg in Person eines beinlosen Mannes einen Moment innerer Einkehr; noch stärker kommt er in Auf Wiedersehen, Jungs zur Geltung, wo Kalik dokumentarische Aufnahme von Schlachten in die Geschichten um drei Freunde einwebt, deren Wege sich mit der Zeit auseinandergabeln.

    Kalik selbst verließ die Sowjetunion und wanderte nach Israel aus, wo er nur einen Film realisieren konnte. Erst 1991 dreht er mit Die Rückkehr des Windes (I vozvraščaetsja veter) eine biografische Collage, die naturgemäß auch eine der uneingelösten Versprechungen seiner ehemaligen Heimat wurde. (Dominik Kamalzadeh, 6.3.2019)

    Bis 15. März

    Filmmuseum

    • Ein Liebespaar, das eine Nacht lang abgewiesen wird: Michail Kaliks "Ljubit ...".
      foto: filmmuseum

      Ein Liebespaar, das eine Nacht lang abgewiesen wird: Michail Kaliks "Ljubit ...".

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