Leopold Kesslers Kunst über Essenslieferanten: Brotlose Zunft

    7. März 2019, 17:22
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    Die Neue Galerie Innsbruck zeigt den Künstler. Eines seiner Werke ist bis April an der Prater-Hauptallee zu erleben

    Wer wie Leopold Kessler den öffentlichen Raum als künstlerischen Handlungsspielraum begreift, hat naturgemäß auch die schleichenden Veränderungen, die sich darin vollziehen, im Blick. Wobei von schleichen eigentlich keine Rede sein kann angesichts der Geschwindigkeit (Zeit ist Geld!), mit der sich eine täglich wachsende Armada von Fahrradboten mit Essenslieferungen durch die Städte bewegt.

    Die Neue Galerie Innsbruck zeigt jetzt Arbeiten des 1976 in München geborenen und in Wien lebenden Künstlers. Er ist bekannt für seine Störaktionen im öffentlichen Raum, rüttelt am Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum, lenkt den Blick auf Normen und Reglements, um diese herrlich dreist zu unterwandern.

    Kehrseite des Geschäftsmodells

    Für seine neueste Arbeit food track hat er sich in ein System eingeschleust, das als Inbegriff neoliberaler Ausbeutungssysteme medial diskutiert wird. Das karge tägliche Brot der Fahrradkuriere ist die Kehrseite eines boomenden Geschäftsmodells, das auf Bargeldlosigkeit und Anonymität basiert. Letztere beginnt nicht erst an der Wohnungstür.

    foto: bildrecht, wien
    Leopold Kessler, food track 1, Videostill, 2019.

    In grellpinker Botenmontur und mit selbstgebastelter Thermobox nimmt Kessler die Verfolgung von "Berufskollegen" auf, sie weisen den Weg zur Abholstation. An der Restauranttheke fallen nur die nötigsten Worte, anstandslos wird Kessler ein Essenspaket ausgehändigt.

    Ihn interessieren, sagt Kessler, die "neofeudalen Strukturen", die in diesem System sichtbar werden. In drei Videos nimmt er unterschiedliche Perspektiven ein: die von Diener und Herr – Bote und Empfänger – sowie die des Beobachters bei einem inszenierten Überfall auf einen Fahrradkurier. Dessen Fracht wird an Ort und Stelle verzehrt. Liegen bleibt am Straßenrand die derangierte Box, man kann sie als Sinnbild sich anbahnender sozialer Verwerfung lesen. Ebenso wie ein von Kessler in der Neuen Galerie aufgebahrtes Stück Brot.

    Wo ist der Bankomat hin?

    foto: bildrecht, wien
    Leopold Kessler, Rekonstruktion/Volkertplatz, Videostill, 2018.

    Zu sehen sind Videodokumentationen der noch bis April an der Prater-Hauptallee befindlichen Installation Kooperativer Dreh-Gong und der Arbeit Rekonstruktion/Volkertplatz. (Ivona Jelcic, 7.3.2019)

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