Schmäh und Gschichtln: Was hinter Wiener Legenden steckt

    8. März 2019, 06:00
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    Wien hat viele Legenden zu bieten. Etliche davon sind frei erfunden. Wer mit einem Fremdenführer loszieht, ist überrascht, wie wenig er über die eigene Stadt weiß.

    Um den Wiener Stephansdom kreisen wie jeden Tag tausende Menschen in einer Prozession namens Tourismus. Paare auf einem romantischen Wochenendtrip, Pensionisten, die nur kurz ihr Flusskreuzfahrtschiff verlassen, und Schulklassen aus aller Herren Bundesländer. Darunter auch eine Tiroler Gymnasiallehrerin, die mit ihren Drittklässlern vor einer kreisrunden Vertiefung im Portal des Doms steht.

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    Vieles, was man über Wien zu wissen glaubt, ist falsch. Das ist nach einer geführten Runde um den Stephansdom klar.

    Der Kreis, erzählt die Lehrerin, habe im Mittelalter die Mindestgröße eines Brotlaibs definiert. Jeder Bürger Wiens hätte hierherkommen und das soeben gekaufte Brot nachmessen können. War es kleiner als vorgeschrieben, sah das Gesetz drakonische Strafen für jene Bäcker vor, die sich des Betrugs schuldig gemacht hatten. Auf Höhe der Roßau wurden sie vor den Augen schadenfroher Zuschauer in einen Käfig gesteckt und per Hebel mindestens einmal ins Donauwasser getaucht. Bäckerschupfen nannte sich diese Bestrafung, die in Wien bis 1773 zulässig war.

    Wiener Geheimnisse

    Die Geschichte kennt so gut wie jeder Schüler, der einmal vor dem Dom stand. Aber ist sie auch wahr? Mehr über die eigene Stadt herauszufinden war noch nie so einfach wie in Zeiten digitaler Portale für Stadtführungen. Eines davon ist das in der Schweiz gegründete Unternehmen Get Your Guide. Gut 60 Stadtspaziergänge durch Wien lassen sich darauf finden, einige bieten auch für Wiener Überraschendes – etwa das Angebot "Wiener Geheimnisse".

    foto: sascha aumüller
    Herbert Stojaspal ist geprüfter Fremdenführer.

    Zum vereinbarten Zeitpunkt erscheint der gebürtige Wiener Herbert Stojaspal vor dem Dom. Seine Mission: auf kurzweilige Art die alten Legenden mit historischen Fakten zu unterfüttern. "Ich war bei einem heimischen Skihersteller im Marketing. Da lernt man, Gschichtln zu erzählen", sagt er. "Vor acht Jahren habe ich mich dann entschlossen, meinen alten Job an den Nagel zu hängen und als Fremdenführer Geschichten über Wien zu erzählen." Also, Herr Stojaspal, wie steht es um jene mit dem Brotlaib am Dom?

    Erstes Gschichtl:

    "Am Dom wurden Brotlaibe nachgemessen."

    "Das Bäckerschupfen existierte tatsächlich 500 Jahre lang in Wien", bestätigt Stojaspal, bloß sei der Abdruck im Domportal kein Brotlaib. Die Deutung wirkt zwar plausibel, weil die beiden Eisenstäbe darunter die alten Längenmaße "Wiener Tuch- und Leinenelle" repräsentieren und Käufern von Stoffen eine Kontrollmöglichkeit geboten haben.

    foto: wikicommons/dietmar rabich
    Die Längenmaße und der vermeintliche Abdruck eines Brotlaibs am Stephansdom

    Die Kreise im porösen Sandstein – es existiert noch ein zweiter rechts vom Portal – sind aber lediglich Abdrücke, die durch das Öffnen des alten schweren Rokoko-Gitters am Eingang verursacht wurden.

    Zweites Gschichtl:

    "Bomben haben 1945 den Brand im Stephansdom verursacht."

    Stojaspal spaziert wenige Schritte vom Dom in Richtung des Hauses mit der auffälligen roten Steinfassade und der Adresse Stephansplatz 2. Er fragt: "Spüren Sie den Wind? Der bläst hier immer. In der Nacht von 11. auf 12. April 1945 brannte das Haus vor uns, und Funken wurden auf das Dach des Doms hinübergeweht." Für einige Stunden ist die Innenstadt damals ohne Besatzung gewesen. Plünderer nützten dies aus und setzten dabei Häuser in Brand.

    foto: wikicommons/dietmar rabich
    Gedenktafel am Stephansdom, die auf die dramatischen Ereignisse in den letzten Kriegstagen hinweist. Der Dom sollte zerstört werden, Wehrmachtshauptmann Gerhard Klinkicht weigerte sich, den Befehl auszuführen.

    Bei einem US-Luftangriff einen Monat zuvor sind lediglich die beiden großen Wasserleitungen im Dom zerstört worden, dadurch konnte der Brand im April nicht rechtzeitig gelöscht werden. Auch die Hypothese eines Artilleriebeschusses des Doms durch die Nazis als Brandursache gilt mittlerweile überholt.

    Drittes Gschichtl:

    "Ein Wiener Palais bezeichnet immer einen früheren Adelssitz."

    Am Stock-im-Eisen-Platz 3 würdigt Stojaspal den namensgebenden Holzstock mit Nägeln, ein Relikt aus der Walz, keines Blickes. Vielmehr lenkt er ihn auf den Adler an der Fassade des feudalen Gebäudes. Es ist das Wappentier der USA, das da auf einem Star-Spangled Banner hockt.

    foto: wikicommons/thomas quine
    Palais Equitable

    "Ende des 19. Jahrhunderts kamen viele amerikanische Geschäftsleute aus den USA nach Wien. Ihre Versicherungsgesellschaft wollten sie mitnehmen", sagt Stojaspal. Also wurde bis 1891 das Palais Equitable als Sitz der gleichnamigen Versicherung errichtet. Das Besondere daran: Als Palais bezeichnet man in Wien nur ehemalige Adelssitze – das Palais Equitable war aber nie ein Herrenhaus.

    Viertes Gschichtl:

    "Die Wiener benannten sogar Plätze und Straßen nach ihrer berühmten Ballsaison."

    Wenn Stojaspal mit Touristen in die Ballgasse einbiegt, denken fast alle von ihnen an den Opernball. Allerdings ist weder die Gasse in der Nähe des Franziskanerplatzes noch der bekanntere Ballhausplatz nach den Tanzveranstaltungen im Fasching benannt.

    foto: wikicommons/böhringer friedrich
    Ansicht der Ballgasse

    Das erste Wiener Ballspielhaus entstand 1520 unter Ferdinand I. nahe der Hofburg, das erste private im 17. Jahrhundert in der Ballgasse. In diesen Häusern wurde eine Frühform von Tennis gespielt.

    Fünftes Gschichtl:

    "Über Mozart weiß man mittlerweile alles."

    Hinter dem Dom deutet Stojaspal schließlich auf einen Punkt am Boden und sagt: "Genau hier wurde 1791 der verstorbene Mozart verabschiedet." Ob das am 6. oder am 7. Dezember war, ist nicht klar, Leichenzüge zum damals neuen Sankt Marxer Friedhof wurden nicht begleitet, weil sich niemand zwei Stunden Fußmarsch antun wollte.

    foto: wikicommons/zyance
    Sankt Marxer Friedhof

    Bekanntermaßen fand man im berühmten Grab von Mozart zwar alle möglichen Gebeine, nur nicht seine. Deshalb ist auch die Todesursache nicht endgültig geklärt. Auf Mozarts Totenschein steht "hitziges Frieselfieber". "Heute wissen wir", sagt Stojaspal, "dass diese ,Krankheit' inflationär vermerkt wurde." Immer dann nämlich, wenn die Todesursache unklar war. (Sascha Aumüller, 8.3.2019)

    Wien für Wiener

    Wer seine Stadt – oder zumindest seine Hauptstadt – gut zu kennen glaubt, findet in Wien ein hervorragendes Angebot an vertiefenden Führungen vor. Neben dem erwähnten Anbieter Get Your Guide ist vor allem der Verein Wiener Stadtspaziergänge zu empfehlen. Die Touren finden ab drei vollzahlenden Personen statt. Lohnend sind auch die Grätzel-Touren des Teams rund um die Wiener Historikerin Brigitte Timmermann. Die meisten finden nach Vereinbarung statt.

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