Dreh in Echtzeit: "Klassentreffen" mit Konfliktpotenzial

    Ansichtssache6. März 2019, 09:00
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    17 Schauspieler arbeiteten ohne Drehbuch, nur mit Rollenprofilen – Regisseur Schütte verdichtete 130 Stunden Material zu einem spannenden Drama über verpasste Chancen

    "Dieses Leben hatte ich nicht bestellt": Bis am Ende des Abends alle ein T-Shirt mit diesem Spruch überziehen, dauert es einige Stunden, die es in sich haben. 25 Jahre nach der Matura lässt Regisseur Jan Georg Schütte in "Klassentreffen" (Mittwochabend, 20.15 Uhr, ARD) 17 ehemalige Klassenkameraden aufeinandertreffen. Die Feier findet in einem heruntergekommenen Gasthaus mit Extraräumen und Kegelbahn statt. Genau dort haben die damals 20-Jährigen ihre Schulende begossen.

    Die Schauspieler bekamen kein Drehbuch, arbeiteten lediglich mit Biografien und Rollenprofilen, die ihnen Schütte zuvor beschrieben hat. Mit dabei sind u. a. Annette Frier, Charly Hübner, Kida Khodr Ramadan, Fabian Hinrichs, Nina Kunzendorf, Anna Schudt, Anja Kling.

    Schütte hat Erfahrung mit diesem Genre. Schon in "Wellness für Paare" gab es kein fertiges Drehbuch, mit "Altersglühen – Speed Dating für Senioren" – ebenfalls ein Improvisationsprojekt – wurde er 2015 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

    Gedreht wurde in Echtzeit. Rund vier Stunden dauerte der Dreh, 24 Kameras waren im Einsatz, 2.600 Meter Kabel wurden unsichtbar verlegt. 7.800 Minuten Material verdichtete Schütte dann zu einem 90-minütigen Spielfilm und in der Folge zu einer sechsteiligen Serie (8. März, ab 21 Uhr auf dem ARD-Sender One), in der man einige Figuren und weitere Szenen näher kennenlernen kann.

    foto: wdr

    Da ist zum Beispiel der Angeber Sven (Fabian Hinrichs, unten links im Bild). Früher war er der "Arsch" der Klasse, war so richtig fies. Jetzt hat er eine Kanzlei in Los Angeles, hat Geld, entschuldigt sich für früher, gibt sich geläutert. Er wird noch bereuen, aus Amerika zum Klassentreffen angereist zu sein. "Alles so klein hier", wird er sich noch ärgern.

    Organisiert haben die Feier Gesa (Annette Frier) und Thorsten (Oliver Wnuk), die beiden haben gleich nach der Matura geheiratet, wirken ein wenig bieder. Die Streber von einst wurden Lehrer, haben ein Kind adoptiert. Aber bei ihnen ist auch nicht alles eitel Wonne, wie es zu Beginn den Anschein hat.

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    Eiskalter Krischi

    Jeanette Hain spielt die etwas verhuschte Marion ("Die hatte immer einen Schuss"). Sie war damals (und nicht nur damals) der Schwarm der Buben. Elfen gleich bewegt sie sich durch die Szenerie, reißt alte Wunden auf und fügt manchen neue zu. Neben Christian (sagen Sie niemals Krischi zu ihm!) – verkörpert von Charly Hübner – ist sie eine der stärksten Figuren des Films.

    Christian hat einen Bauernhof, produziert Schuhe, ist verheiratet, hat vier Kinder. Und ein rechtes, konservatives Weltbild. Von Zuwanderern fühlt er sich in seiner traditionellen Welt bedroht. Das bekommt auch sein früherer bester Freund Ali (Kida Kohdr Ramadan) zu spüren. Krischi lässt ihn eiskalt abblitzen. Ebenso wie Ulli (Guido Renner), Spitzname: H-Milch, der sich als schwul outet.

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    Es geht um Lebenswege, vor allem um verpasste Chancen, die diesen Weg pflastern, und nach Bussi-Begrüßungen sowie mehr oder weniger herzlichen Umarmungen zunächst um Fragen nach dem Job, nach Kindern.

    Grund zum Kotzen

    Je länger der Abend dauert, sprich je mehr Alkohol im Spiel ist, desto vehementer werden frühere Lebensentwürfe abgeglichen mit dem Jetztzustand. Träume von früher treffen auf die Realität. Der Aufprall ist für einige der Protagonisten recht hart. Und für manche auch ein Grund zum Kotzen.

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    In Schüttes Improvisationsprojekt gibt es , die sich eher im Hintergrund halten – wie etwa Nina Kunzendorf als Sozialpädagogin Katharina, sie sind deshalb aber nicht weniger präsent. Astrid wiederum (Anna Schudt) ist wie schon früher kein Kind von Traurigkeit ("ich war nicht mit jedem zusammmen, ich hab nur mit jedem rumgemacht") lässt ein Vierteljahrhundert später nichts anbrennen.

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    Die Schauspieler haben sichtlich Freude an der auch für sie ungewohnten Situation. Das fehlende Drehbuch sorgt für eine ganz besondere Authentizität, die ein klassischer Spielfilm mit seinen vorgegebenen Dialogen nicht leisten kann.

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    "Ich war so geflasht nach Drehschluss, als hätte ich meinen Beruf noch einmal ganz neu kennengelernt", sagt Annette Frier. Aurel Manthei – er spielt Andi, der darunter leidet, die Matura damals nicht geschafft zu haben – drückt es so aus: "Das war mal eine besondere Aufgabe. Ich habe noch nie so viele Profis gesehen, die sich vor dem Anstoß so die Hose vollpinkeln." Ein Glück für uns Zuschauer, dass sie sich dieser Aufgabe gestellt haben. (Astrid Ebenführer, 6.3.2019)

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