Bis 2070 könnten 1.700 Tierarten durch Landwirtschaft aussterben

    5. März 2019, 08:36
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    Monokulturen, Pestizide und vor allem die Zerstörung natürlicher Lebensräume durch intensive Landnutzung gefährden Wirbeltier-Artenvielfalt

    Bienensterben, Hummelschwund, Schmetterlingsverlust: Vor allem der Rückgang an Insektenbeständen hat in den vergangenen Jahren das öffentliche Bewusstsein für die negativen Folgen intensiver Landnutzung geschärft. Tatsächlich sind Insekten durch die industrielle Landwirtschaft besonders gefährdet, wie Studien in jüngster Vergangenheit vor Augen führten.

    foto: picturedesk / patrick pleul
    Der Flächenverbrauch von Homo sapiens wächst rasant.

    Monokulturen, Pestizide und vor allem die Zerstörung natürlicher Lebensräume machen aber längst nicht nur Insekten in zunehmendem Ausmaß zu schaffen. Wissenschafter der Universität Yale wagen nun eine düstere Prognose: Wie sie im Fachblatt "Nature Climate Change" berichten, könnten bis zum Jahr 2070 weltweit rund 1.700 Wirbeltierarten allein durch steigenden menschlichen Landverbrauch zusätzlich auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten landen.

    Schwierige Prognosen

    Für ihre Studie modellierten Ryan Powers und Walter Jetz die Habitatabhängigkeit von insgesamt 19.400 Amphibien-, Vogel- und Säugetierarten rund um den Globus. Diese wurden dann, ähnlich wie bei Modellen zur Entwicklung des Klimawandels, mit unterschiedlichen sozioökonomischen Entwicklungsmodellen kombiniert – die Forscher sprechen dabei von "Shared Socioeconomic Pathways". Darin wurden etwa das zu erwartende Bevölkerungswachstum eingerechnet und unterschiedliche Szenarien zu wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen berücksichtigt.

    foto: apa/afp/emmanuel dunand
    Die Bewohner natürlicher Lebensräume geraten in Bedrängnis.

    Aus den unterschiedlichen Entwicklungspfaden leiteten die Autoren künftige regionale Änderungen in der Landnutzung ab und bewerteten den Einfluss auf die Aussterberisiken der dort heimischen Tierarten. "Unsere Analysen ermöglichen es, zu verfolgen, wie politische und wirtschaftliche Entscheidungen – durch die damit verbundenen Änderungen der globalen Bodenbedeckung – zu einem Rückgang natürlicher Lebensräume weltweit führen", sagte der Ökologe Jetz.

    Das Ergebnis: Bei einem mittleren Szenario wären fast 1.700 der berücksichtigten Tierarten (darunter 886 Amphibien, 436 Vögel und 376 Säugetiere) deutlich stärker vom Aussterben bedroht als heute. Die Forscher nehmen für diese Spezies einen Lebensraumverlust von 30 bis 50 Prozent in den kommenden fünf Jahrzehnten an. Am stärksten betroffen wären demnach Regionen in Südamerika, Südostasien und Ostafrika. Dort ist heute nicht nur die Artenvielfalt besonders hoch, auch die Landnutzung ist einem starken Wandel unterworfen.

    Fehlende Faktoren

    Wie aussagekräftig die Studienergebnisse im Detail sind, ist allerdings fraglich. Wie die Wissenschafter selbst zu bedenken geben, seien einige Annahmen für die Prognosen unabdingbar gewesen. Zudem wurden weder Interaktionen zwischen Arten berücksichtigt noch andere Faktoren, die stark zur Gefährdung der Biodiversität beitragen können – etwa Umweltverschmutzung, invasive Arten oder Bejagung durch den Menschen.

    "Auf jeden Fall spielen hier auch zwischenartliche Beziehungen wie Nahrungsnetze und Anpassungsfähigkeit eine Rolle", sagte Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, die nicht an der Studie beteiligt war. Auch die Folgen des Klimawandels seien in den Modellen zu kurz gekommen. Die Verluste an Lebensräumen könnten demnach sogar noch schlimmer ausfallen, so Thonicke.

    foto: apa/dpa/armin weigel
    Die Symmetrie des Spargels: Plantage in Deutschland.

    Für Holger Kreft von der Universität Göttingen ist die Aussage der Studie vor allem eine qualitative: "Niemand wird wohl davon ausgehen, dass solche Abschätzungen genau zutreffen und am Ende 1.700 Arten gefährdet sein werden. Aber die Ergebnisse zeigen eine mögliche Entwicklung auf – und es besteht überhaupt kein Zweifel, dass der Landnutzungswandel derzeit die Hauptursache für das Aussterben von Arten ist."

    Beispiel Vogelvielfalt

    Das untermauert auch eine zweite Studie, die zeitgleich im Fachmagazin "Nature Ecology & Evolution" erschienen ist: Ein niederländisch-deutsches Forscherteam untersuchte darin, wie sich die wachsende Nachfrage nach landwirtschaftlichen Nutzflächen im Zeitraum von 2000 bis 2011 auf Vogelbestände und die Fähigkeit der weltweiten Ökosysteme, CO2 aus der Luft zu binden, auswirkte.

    foto: apa/afp/xavier bourgois
    Statt Regenwald wachsen hier künftig Ölpalmen (Aufnahme aus Gabun).

    Im Laufe der zwölf analysierten Jahre sei die Zahl der durch intensive Landwirtschaft vom Aussterben bedrohten Vogelspezies auf 121 Arten angewachsen, so das Fazit der Forscher. Betroffen sind vorwiegend Spezies in Mittel- und Südamerika, Afrika und Asien. Als Hauptursachen für den wachsenden Landverbrauch identifizierten die Wissenschafter die Rinderzucht, aber auch den zunehmenden Anbau von Ölsaaten.

    Dass Agrarflächen weniger Kohlenstoff einlagern als natürliche Ökosysteme, wirkte sich im Untersuchungszeitraum ebenfalls drastisch aus: Unser Planet verlor demnach sechs Prozent seines Potenzials, CO2 zu binden. (David Rennert, 5.3.2019)

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