Von Kreisky zu Kickl

Kolumne6. März 2019, 12:09
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Wenn man lange lebt, erlebt man alles und auch das Gegenteil

Was sich in Österreich bei den Debatten um Flüchtlinge, Migranten und Asylwerber abspielt, erinnert mich an die Worte Ernst Jüngers 1982 bei der Entgegennahme des Goethe-Preises: "Wenn man lange lebt, erlebt man alles und auch das Gegenteil. Der Rückschlag kommt in einer Weise, die niemand geplant oder auch nur vorausgesehen hat. Es geschehen Dinge, die man bis vor kurzem für unvorstellbar hielt." Ich wurde als politischer Flüchtling, zusammen mit beinahe 180.000 Ungarn, vor fast 62 Jahren aufgenommen und bin mit 15.000 Asylwerbern auch in Österreich geblieben. Die unvergesslichen Tage, die wir alle damals erlebt haben, versuchte ich im Buch "Mein Österreich – 50 Jahre hinter den Kulissen" zu beschreiben. Weder ich noch die übrigen Ungarnflüchtlinge waren ein Ausnahmefall. Auch die zigtausenden Tschechen und Slowaken 1968/69, die Polen 1980/81, die Bosnier und Kosovo-Albaner in den Neunzigerjahren haben ohne viel Federlesens die Möglichkeit bekommen, in Österreich zu leben und hier zu arbeiten.

Bruno Kreisky, der bekanntlich selber als Flüchtling über zwölf Jahre in Schweden verbracht hatte, sagte in einem "Profil"-Interview: Was für die Schweiz das Rote Kreuz und für Schweden der Nobelpreis ist, das solle für Österreich seine Rolle als Asylland sein. Diese Haltung war keinesfalls eine "linke" Einstellung. Während meiner engen, langjährigen Beziehungen mit Alois Mock, Erhard Busek und Josef Taus habe nicht nur ich, sondern unzählige Polen und Kroaten, Serben und Slowenen deren offene und humane Einstellung schätzen gelernt. Wir alle, gläubige Katholiken oder Protestanten, jüdische Orthodoxe oder Agnostiker, moslemische Bosnier oder Albaner, haben hier eine neue Heimat gefunden.

Keine simplen Antworten

Für mich persönlich war der größte Vertrauensbeweis, als die Innenministerin Johanna Mikl-Leiter am 3. 4. 2014 mich, den Flüchtling, zum Vorsitzenden des neu geschaffenen, unabhängigen Migrationsrats für Österreich zur Koordination von zehn Arbeitskreisen aus Wissenschaftern und Experten bestellt hat. Den Endbericht des Migrationsrates erhielt am 7. 12. 2016 der neue Innenminister Walter Sobotka. Die während zweieinhalb Jahren nach zahlreichen Sitzungen, Recherchen und konstruktiven Debatten, von herausragenden Wissenschaftern und Fachleuten (unter ihnen auch der gegenwärtige Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsminister Heinz Faßmann und der neu ernannte Sektionschef für Fremdenwesen, Peter Webinger) ausgearbeiteten Folgerungen und Richtlinien haben in dem 92 Seiten langen Dokument unter anderem festgestellt: "Der gesamtstaatliche Charakter der Migrations- und Asylpolitik erfordert die Zusammenarbeit aller relevanten staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteure", da es "in diesem komplexen Politikfeld keine simplen und raschen Antworten gibt".

Ich weiß nicht, ob Herbert Kickl dieses von seinen beiden Vorgängern bestellte beziehungsweise akzeptierte, von den Autoren einhellig befürwortete Dokument überhaupt gelesen hat. Damals hieß es nämlich, durch diesen Bericht soll in einer oft politisierten Asyl- und Migrationsdebatte ein Beitrag zur Sachlichkeit geleistet werden. (Paul Lendvai, 4.3.2019)

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