Missbrauchsopfer klagen in Doku "Leaving Neverland" Michael Jackson an

    4. März 2019, 16:14
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    Der vierstündige Zweiteiler lief im Jänner beim Sundance-Filmfestival und wurde mit stehenden Ovationen bejubelt. Nun zeigte sie HBO

    New York – Anfangs klang es wie ein Traum, erzählt Wade Robson: "Ich war sieben Jahre alt, und Michael fragte mich, ob ich zu ihm nach Neverland wollte." Klar wollte Wade, und es war ein Kinderparadies: magische Spiele, fantastische Abenteuer, Filme schauen und Junkfood essen, so viel man wollte. Es gab einfach alles, wovon Kinder träumen. Inklusive picksüßer Geburtstagsglückwünsche per Video: Michael loves you.

    hbo

    Glaubt man den Erzählungen Wade Robsons (36) und James Safechucks (40), die in den 1980er- und 1990er-Jahren Kinder im Reich Michael Jackson waren, wartete hinter dem Paradies die Hölle. In der Dokumentation Leaving Neverland von Dan Reed sprechen die beiden Männer zehn Jahre nach Jacksons Tod öffentlich über Erlebnisse, die den Missbrauch des immer wieder beschuldigten Popstars endgültig belegen sollen. Der vierstündige Zweiteiler lief im Jänner beim Sundance-Filmfestival und wurde mit stehenden Ovationen bejubelt. Sonntag und Montag zeigte ihn HBO.

    Tagsüber Spieleonkel

    Gezeichnet wird das Bild eines Täters, der am Tag den Spieleonkel mimte, des Nachts die Kinder zu Oralverkehr und Selbstbefriedigung zwang. Als Belohnung gab es Geschenke, erzählen die beiden Männer und sparen nicht mit Details: Der Weg zu Jacksons Schlafzimmer sei mit Glocken und anderen Alarmsignalen ausgestattet gewesen, um sicherzustellen, dass niemand das Geschehen stören konnte. Jackson habe ihnen auch gedroht: Sollte jemals jemand von ihrem "Geheimnis" erfahren, würden sie gemeinsam ins Gefängnis gehen. Gott habe sie zusammengeführt, und die Berührungen seien Zeichen, "wie wir unsere Liebe zeigen". Auch posthum gilt die Unschuldsvermutung.

    "Was uns passiert ist, können wir nicht ändern", sagt Robson, der heute Choreograf und Produzent ist. "Er ist tot. Das ist weg. Was passiert ist, ist passiert. Das Gefühl ist, was können wir jetzt damit machen?"

    foto: apa/afp/timothy a. clary

    Robson ist im Zuge der jahrelangen Vorwürfe gegen Jackson eine wichtige Figur mit wechselnden Positionen. 2005 sagte er vor Gericht aus, dass kein Missbrauch stattgefunden habe. Medien spekulierten damals, Jackson habe Schweigegeld bezahlt, was Robson stets bestritt. Die Aussage trug wesentlich dazu bei, dass das Verfahren eingestellt wurde. 2013 widersprach sich Robson selbst und klagte auf Schadenersatz aus dem Nachlass.

    Regisseur Dan Reed sieht die Doku im Lichte von #MeToo. Die Debatte zeige, "dass sexueller Missbrauch kompliziert ist und die Stimmen der Überlebenden gehört werden müssen". Er habe keine Zweifel an den Berichten der beiden Männer.

    Medienrummel

    Erst vor zwei Monaten löste die TV-Dokumentation Surviving R. Kelly eine öffentliche Debatte über den Missbrauch seitens eines Popstars aus. Der Medienrummel rund um den Jackson-Film ist wieder beträchtlich. In sozialen Medien geht es drunter und drüber. Ein Sender der BBC verspricht, keine Jackson-Lieder mehr zu spielen. Hundertprozentige Unschuld beteuert die Jackson-Familie für ihren verstorbenen Verwandten in einer Erklärung auf Facebook. Fans stimmen in den Kanon ein, die ihren Liebling als Opfer einer Verfolgungsjagd sehen.

    Mittlerweile geht es um viel Geld. Die Nachlassverwalter von Jackson verklagten die HBO-Mutter Time Warner auf Schadenersatz in Höhe von 100 Millionen Dollar. Der Medienriese hat die Rechte an Leaving Neverland bereits an 130 Länder verkauft. (prie, 4.3.2019)

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