Bessere Work-Life-Balance und Leistung durch Viertagewoche

    4. März 2019, 15:45
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    Kürzere Wochenarbeitszeit steigert Produktivität und Wohlbefinden der Mitarbeiter, zeigt eine Evaluation in Neuseeland

    Wien – 30 Stunden in der Woche arbeiten bei vollem Gehalt: Acht Wochen lang hat die neuseeländische Fondsgesellschaft Perpetual Guardian die Viertagewoche getestet. Die Produktivität soll sich laut Geschäftsführer Andrew Barnes durch die neuen Arbeitsbedingungen um 20 Prozent erhöht haben. Der Profit und die Zufriedenheit der Mitarbeiter sind gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Selbststudie des Unternehmens über die Auswirkungen der Arbeitszeitverkürzung.

    Weniger Stress, mehr Ausgeglichenheit

    Trotz gleicher Arbeitsmenge in weniger Arbeitszeit ist der Stresslevel laut der Evaluation durch die Einführung der kürzeren Arbeitswoche von 45 aus 38 Prozent gesunken. Gleichzeitig sei die Work-Life-Balance von 54 Prozent auf 78 Prozent gestiegen. Die Studienergebnisse wurden in Zusammenarbeit von Perpetual Guardian mit der Universität Auckland und der Auckland University of Technology erhoben.

    In einem TEDX-Talk erläuterte Barnes Ende Jänner seine Überlegungen zum Test der kürzeren Wochenarbeitszeit der Öffentlichkeit. Er gehe davon aus, dass bei einer 40-Stunden-Woche die Arbeitszeit wenig effizient genutzt wird. Durch die Viertagewoche soll die Produktivität während der Zeit am Arbeitsplatz steigen und konzentrierter sowie innovativer gearbeitet werden. Die veröffentliche Studie zeigt, dass trotz 30-Stunden-Woche keine Arbeit unerledigt blieb – die Produktivität stieg sogar.

    tedx talks
    Perpetual-Guardian-Chef Andrew Barnes erzählt über seine Vorstellungen der Viertagewoche.

    Mehr Produktivität bei kürzeren Arbeitszeiten

    Das Thema Arbeitszeitverkürzung beschäftigt weltweit viele Menschen. Auch beim diesjährigen Treffen des Weltwirtschaftsforums im Jänner wurde über die Viertagewoche diskutiert. Die Wirtschaftsstiftung bezog sich auf Daten der OECD, die zeigen, dass Länder mit längeren Arbeitszeiten oft schlechte Ergebnisse bei der Produktivität pro Woche aufweisen. Das würde sich durch kürzere Arbeitszeit ändern. In Österreich herrscht ebenso reges Interesse an der Fragestellung. Mehrere österreichische Unternehmen haben bereits eine Viertagewoche eingeführt. Zuletzt war die Reduktion des Arbeitspensums zudem beim Frauenvolksbegehren auf der Agenda.

    Unter anderen startete das Start-up Bike Citizens aus Graz im Sommer 2014 mit einem Test des Modells. Seit 2015 ist es für alle Mitarbeiter umgesetzt. Auch ein Tiroler Naturkosmetikhersteller hat seit zwei Jahren eine kürzere Arbeitswoche eingeführt. Dieser konnte sogar ein Umsatzplus nach der Einführung verzeichnen, berichtete der ORF. Bei Emagnetix, einer Online-Marketingfirma aus dem Mühlviertel wurde am 1. Oktober 2018 ebenfalls ein 30-Stunden-Arbeitsmodell bei gleichem Gehalt eingeführt. Mittlerweile ist die Zahl der Mitarbeiter von 22 im Vorjahr auf 30 gewachsen.

    Mehr Gleichberechtigung durch Viertagewoche

    Der Ansatz des Frauenvolksbegehrens legt neben der Frage der Produktivität Wert auf die Vorteile einer Viertagewoche bei der Vereinbarkeit von Familien und Beruf. Frauen sind deutlich öfters in Teilzeit beschäftigt als Männer. Von diesem Gehalt allein könnten viele kaum leben. Durch weniger Wochenarbeitszeit könnten familiäre Betreuungsaufgaben besser verteilt werden und die finanzielle Ungleichheit zwischen Männern und Frauen gesenkt werden. Das Frauenvolksbegehren fordert daher eine "schrittweise Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden pro Woche". Der Soziologe Jörg Flecker von der Universität Wien teilt die Argumentation des Frauenvolksbegehrens. Er weist zusätzlich darauf hin, dass ab der siebten Arbeitsstunde das Unfallrisiko steige und ausreichend Erholungszeiten wichtig seien. Zudem nehme die Arbeitsleistung mit langen Arbeitszeiten ab.

    Die Arbeitszeiten sinken seit langem – nicht selten musste dies gegen massive Widerstände durchgesetzt werden.

    Die Arbeitszeit ist in Österreich seit dem 19. Jahrhundert immer weiter gesunken. Seit 1975 gilt die 40-Stunden-Woche. Mit dem türkis-blauen Regierungskurs scheint dieser Trend zu einem Ende zu kommen, wenn an Zwölfstundentage und 60-Stunden-Wochen gedacht wird. 2019 steht für die Arbeiterkammer und die Gewerkschaft daher die Forderung nach einer Viertagewoche auf dem Programm. (jugi, 4.3.2019)

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    • Kürzer heißt nicht weniger Arbeiten: Die Viertagewoche soll die Produktivität steigern.
      foto: apa/georg hochmuth

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