Ernst Ludwig Kirchner als Fotograf: Exoten aus der Dunkelkammer

    4. März 2019, 08:00
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    Der Maler und Bildhauer nützte die Fotografie als PR-Mittel. Sie war ihm aber auch Experimentierfeld, zeigt eine Schau in Salzburg

    Einer fehlte verlässlich, wenn Ernst Ludwig Kirchner Künstlerkollegen und Weggefährten, Musen und Modelle, dunkelhäutige Artisten und später auch die Älpler seiner Wahlheimat Davos abgelichtet hat. Er hieß Louis de Marsalle und war zwangsläufig kamerascheu: Kirchner hatte die Figur des französischen Dichters, Arztes, weltläufigen Sohnes eines haitianischen Revolutionärs und Kunstkritikers erfunden, um sich selbst zu promoten. Unter dem Pseudonym Louis de Marsalle verfasste er eine Reihe von Würdigungen des eigenen Werks. Und kassierte unter der Vorgabe, sie an den vielbeschäftigten Globetrotter weiterzuleiten, zudem dessen Honorare.

    Logisch also, dass es kein fotografisches Zeugnis von dem Mann gibt – obwohl Kirchner andererseits penibel alles dokumentierte, was mit seiner Kunst zusammenhing. Rund 1300 Glas- und Zellulose-Negative hat er hinterlassen, zudem ein großes Konvolut an Vintage-Prints, Alben mit Aufnahmen seiner Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen sowie Ausstellungsansichten.

    Experimentierfeld

    Das fotografische Werk des deutschen Expressionisten wurde erst vor wenigen Jahren erschlossen, damals war Thorsten Sadowskys Direktor des Kirchner-Museums in Davos. In seiner Einstandsausstellung Der Maler als Fotograf im Salzburger Museum der Moderne will er nun zeigen, dass die Fotografie für den PR-Strategen Kirchner bei weitem nicht nur ein Instrument zur Inventarisierung des eigenen Werks war. Sondern auch künstlerisches Experimentierfeld.

    Man nehme eine Aufnahme der jungen Tänzerin Nina Hard als Rückenansicht im Baströckchen. Sie zeigt die (fast) nackte Nymphe an der von den lebensgroßen Skulpturen Adam und Eva flankierten Schwelle zu Kirchners erstem Wohnhaus bei Davos. Kirchner inszenierte die Menage à trois zwischen ihm, seiner Lebensgefährtin Erna Schilling und Hard als Szene aus dem exotischen Paradiesgarten der Lüste.

    Kreatives Chaos und Pose

    Zufälliger, spielerischer wirken frühe Aufnahmen, die in Kirchners Ateliers in Berlin und Dresden entstanden sind. Freilich lenkte den Amateurfotografen auch da schon die Lust an der Fremd- und Selbstinszenierung. Mit betont blasierter Miene über dem gestärkten Hemdkragen posiert er im knittrigen Atelier-Ambiente.

    Noch krasser wird der Gegensatz zum kreativen Chaos, wenn der Künstler darin in Uniform eine schneidige Soldatenpose einnimmt – nur das Gesicht bleibt geisterhaft verschwommen.

    Manches ist absichtslos verwackelt, vieles absichtsvoller Effekt. Kirchner hat die Glasplatten mitunter wie Druckstöcke bearbeitet, er spielt mit Doppelbelichtungen, Unschärfen, in der Dunkelkammer ausgereizten Kontrasten. Das zeigt etwa ein Porträt von Henry van de Velde. Alfred Döblin oder Oskar Schlemmer posierten ebenso für Kirchner, der seine Besucher im Wildbodenhaus bei Davos später konsequent im Zwielicht vor dem Sprossenfenster der Veranda fotografierte.

    Untergeordnetes Hilfsmittel

    Auch daran zeigt sich, dass er das junge Medium Fotografie als ein Experimentierfeld betrachtete, das weit mehr zu bieten hatte, als die "sichere Gewähr der geschauten Form", wie Kirchner in seinem Skizzenbuch 1913 schrieb.

    Fraglos blieb die Fotografie ein der Malerei und Bildhauerei klar untergeordnetes Hilfsmittel, in ihrer Nutzung erwies sich Kirchner aber als höchst modern – und zwar nicht nur als sein eigener PR-Manager, der genau festlegte, welche Aufnahmen für welche Zwecke verwendet werden durften. Die Aufnahme einer am Wildboden versammelten Skulpturengruppe öffnet auch Räume für mythische Erzählungen.

    Auch drei Gemälde Kirchners sind in Salzburg zu sehen. Sie stammen allesamt aus seinem Spätwerk, in dem der Maler am "Neuen Stil" experimentierte, der die expressive Spontaneität hinter sich ließ, flächiger, amorpher, sichtlich von Anleihen an Picasso geprägt war. Und den Kirchner auch aus fotografischen Studien heraus entwickelte, um etwa in seinem Gemälde der Reiterin unterschiedliche Bewegungszustände in eine Fläche zu bringen.

    Den ihm so gewogenen Kunstkritiker Louis de Marsalle hatte der Künstler da schon das Zeitliche segnen lassen. Der Schweizer Fotograf Stephan Bösch lässt ihn als dunkelhäutigen Dandy auf Spurensuche in Davos wiederkehren. (Ivona Jelčić, 4.3.2019)

    • Eine Aufnahme des Bildhauerateliers neben dem Wildbodenhaus von 1924 zeigt Ernst Ludwig Kirchners Skulptur "Die Freunde" (rechts) neben Arbeiten seines Schülers Hermann Scherer.
      foto: ernst ludwig kirchner; kirchner museum davos - schenkung nachlass ernst ludwig kirchner 1992

      Eine Aufnahme des Bildhauerateliers neben dem Wildbodenhaus von 1924 zeigt Ernst Ludwig Kirchners Skulptur "Die Freunde" (rechts) neben Arbeiten seines Schülers Hermann Scherer.

    • Selbstporträt Ernst Ludwig Kirchners, um 1928.
      foto: ernst ludwig kirchner; kirchner museum davos - schenkung nachlass ernst ludwig kirchner 1992

      Selbstporträt Ernst Ludwig Kirchners, um 1928.

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