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4. März 2019, 07:00

Vor wenigen Tagen wurde das bisher kleinste jemals geborene Baby gesund aus einem japanischen Spital entlassen. Der kleine Bub wurde mit 268 Gramm in der 24. Schwangerschaftswoche per Notkaiserschnitt geboren und über sechs Monate lang im Brutkasten aufgepäppelt. Das Kind hatte im Mutterleib einfach aufgehört zu wachsen, es war in Lebensgefahr gewesen.

In der westlichen Welt haben Extremfrühchen, also Babys, die zwischen der 22. und 25. Schwangerschaftswoche geboren wurden, derzeit gute Überlebenschancen. Die Grenze der Überlebensfähigkeit hat sich in den letzten Jahrzehnten durch den technologischen Fortschritt rasant verschoben. Und sie könnte künftig noch weiter verrückt werden.

ctv news
Im April 2017 ging die Nachricht über den "Biobag" um die Welt.

US-amerikanische Forscher haben vor zwei Jahren das sogenannte Biobag präsentiert. Dieser Beutel ist nicht weniger als eine Art künstliche Plazenta. Mittels Kanülen verbanden die Mediziner die Nabelschnur zu früh geborener Lämmer mit dem Beutel. Die Tiere blieben knapp vier Wochen im Biobag – ohne erkennbaren Schaden zu nehmen, wie die Forscher erklärten.

Die verstörenden Bilder vom Lamm im Biobag gingen um die Welt und befeuerten die Debatte, ob eine künstliche Gebärmutter auch für Menschen denkbar wäre. Zumal die Forscher prognostizierten, dass der Beutel in etwa zehn Jahren bei zu früh geborenen Babys zum Einsatz kommen könnte.

foto: nature communications
Alan Flake, Neonatologe an einem Kinderspital in Philadelphia, entwickelte mit seinem Team im Jahr 2017 den "Biobag" – eine Art künstliche Plazenta. Darin konnten zu früh geborene Lämmer heranreifen und sich entwickeln. "Das ethische Dilemma entsteht durch unangemessene Anwendung der Technologie zur Erweiterung der Grenzen der Lebensfähigkeit", sagte Flake damals. "Kandidaten" für eine künstliche Gebärmutter seien für ihn "Säuglinge, die zu früh geboren und derzeit nicht wiederbelebt werden können".

Auch am "anderen Ende der Schwangerschaft", bei der künstlichen Befruchtung, werden derzeit die Grenzen des bisher Möglichen überschritten: Ende 2018 haben US-Wissenschafter zum ersten Mal menschliche Embryonen zwei Wochen lang im Labor heranwachsen lassen, sie reiften ganz ohne Einfluss einer Mutter. "Die Reproduktionsmedizin hat sich seit dem ersten in vitro gezeugten Kind im Jahr 1978 fundamental weiterentwickelt", sagt die Bioethikerin Christiane Druml von der Universität Wien. "Es wird an künstlichen Samen und künstlichen Eizellen geforscht. Die künstliche Gebärmutter steht da in einer Reihe mit anderen Entwicklungen." Nikola Biller-Andorno, Professorin für Biomedizinische Ethik an der Universität Zürich, glaubt, dass die Forschung in diese Richtung weitergehen wird. Auch wenn nicht alles von der Idee eines konkreten Nutzens, sondern eher vom Interesse der Grundlagenforschung getrieben sei.

Feministische Forderung

Eine, die die Entwicklung in Richtung künstlicher Gebärmutter begrüßt, ist die britische Feministin Laurie Penny: "Wieso ist eine technische Alternative zum Mutterleib so undenkbar? Schon in den Siebzigern haben Feministinnen über künstliche Gebärmütter nachgedacht", sagte sie 2016 der Süddeutschen Zeitung. Tatsächlich denkt der Mensch schon länger über Ektogenese, also die Zeugung und Reifung eines Embryos in einem künstlichen Uterus, nach. Der Begriff dafür wurde 1924 vom britischen Evolutionsbiologen J. B. S. Haldane geprägt. Er ging davon aus, dass im Jahr 2074 nur noch 30 Prozent der Geburten natürlich erfolgen würden. Die Bioethikerin Druml glaubt nicht, dass die Entwicklung so rasch geht: "Ich weiß nicht, ob unsere Zeit dafür reif ist – oder jemals reif sein soll."

Bioethikerin Christiane Druml: "Radikale Gedanken sind immer wichtig, um das Denken in der Gesellschaft voranzutreiben. Man darf in jede Richtung denken. Wir müssen uns aber klar darüber sein, was unsere menschlichen, ethischen, kulturellen und emotionellen Grundlagen sein sollen."

Skeptisch ist auch Angelika Berger, Neonatologin an der Universität Wien. Die Forschung sollte nicht fragen: "Was geht noch?", sondern: "Wie verbessern wir die Überlebensmöglichkeiten von Frühgeborenen an der Grenze der Lebensfähigkeit?", so Berger. In der Reproduktionsmedizin und bei der Überlebenschance von Frühchen haben oft Eltern oder Menschen mit Kinderwunsch ein Interesse daran, dass schnell weitergeforscht wird.

foto: science photo library / pictured
Bioethikerin Nikola Biller-Andornp: "Die Umtriebigkeit und die Bemühungen Kontrolle zu gewinnen, scheint etwas zu sein, was uns als Menschen charakterisiert. Es gibt aber auch das Beispiel des Tabus des reproduktiven Klonens, bei dem man sieht, dass die lange Überlegung zu einem breiten Konsens geführt hat: Ächtung in einer internationalen Deklaration."

Aber die Gesellschaft müsse bei so extremen Grenzüberschreitungen die Chance haben, zu bestimmten Entwicklungen befürwortend oder kritisch Stellung zu nehmen, gibt die Bioethikerin Biller-Andorno zu bedenken. "Wenn die extreme Variante der künstlichen Gebärmutter realisiert würde, gäbe es sehr viele Fragen, die die Gesetzgebung regeln müsste. Etwa jene, wer welche Schutzpflichten hat und wer die Verantwortung übernimmt, wenn etwas in diesem Biobeutel schiefgeht." Außerdem könnte es dann Stimmen geben, die sagen: "Es ist völlig unverantwortlich, dass du dein Kind noch natürlich austrägst und nicht im Biobeutel, wo doch die optimalen Bedingungen herrschen." Damit wäre aber aus einer Möglichkeit eine Pflicht entstanden. (Olivera Stajić, 4.3.2019)

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