Elfjähriges Vergewaltigungsopfer bringt Kind zur Welt

    1. März 2019, 14:38
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    Einem Mädchen, das vergewaltigt wurde, wurde in Argentinien das Recht auf Abtreibung verweigert. Die behandelnde Ärztin spricht von Folter durch die Behörden

    Ein elfjähriges Mädchen hat in Argentinien ein Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Aufgrund des Alters der Mutter ist das schon eine Meldung, die für Stirnrunzeln sorgt. Der Fall birgt aber noch mehr Brisanz: Die Elfjährige war schwanger geworden, nachdem sie vergewaltigt worden war. Doch auch das ist noch längst nicht alles.

    Begonnen hat alles, nachdem das Mädchen, unter dem Pseudonym "Lucía" bekannt, in die Obhut ihrer Großmutter übergeben wurde, weil ihre beiden älteren Schwestern vom Lebensgefährten der Mutter missbraucht worden sein sollen. Lucía war damit aber nicht außer Gefahr. Sie soll vom 65-jährigen Partner der Großmutter mehrfach vergewaltigt worden sein.

    "Entfernen Sie das"

    Am 23. Jänner erfuhr das Mädchen, das in der nordargentinischen Provinz Tucumán lebt, dass es schwanger ist. Sie befand sich in der 19. Schwangerschaftswoche, wurde in ein Spital eingeliefert und verlangte mehrmals eine Abtreibung. Zuvor hatte sie schon mehrere Suizidversuche hinter sich. Laut "Guardian" soll sie einem Psychologen im Krankenhaus gesagt haben: "Entfernen Sie das, was der alte Mann in mich reingesteckt hat."

    Abtreibungen sind in Argentinien strafbar. Es gibt aber zwei Ausnahmen: wenn sich die Schwangere in Lebensgefahr befindet oder im Fall einer Vergewaltigung. In besonders konservativen Provinzen ist es aber bereits vorgekommen, dass man sich an die Ausnahmeregelung nicht gehalten hat.

    Bei Lucía traf zumindest zweiter Ausnahmegrund zu, doch zu einer Abtreibung kam es vier Wochen lang nicht. In dieser Zeit forderten Abtreibungsgegner, den Kaiserschnitt hinauszuzögern, um die Überlebenschancen des Babys zu erhöhen.

    Erzbischof verrät Lucías richtigen Namen

    In der 23. Schwangerschaftswoche schließlich entschieden die Ärzte, dass eine Abtreibung gesundheitlich zu riskant für die Elfjährige wäre. Stattdessen wurde am Dienstag ein Kaiserschnitt durchgeführt. Der Mutter gehe es nun gut, hieß es, dem Neugeborenen werden nur geringe Überlebenschancen eingeräumt. Der Erzbischof von Tucumán, Carlos Alberto Sánchez, rief am Mittwoch auf, "alles menschliche Leben" zu schützen. Dabei enthüllte er auch Lucías richtigen Namen.

    Der Gesundheitsminister von Tucumán, Gustavo Vigliocco, sagte, die Elfjährige habe keine Abtreibung gewollt. Das sehen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch anders. Die NGOs sprachen einerseits davon, dass die Rechte des Mädchens schwer verletzt worden seien, und andererseits von einem "widerlichen Machtmissbrauch" der regionalen Behörden.

    Die Ärztin Cecilia Ousset, die den Kaiserschnitt durchgeführt hat, sagte dem "Guardian": "Wir haben das Leben einer Elfjährigen gerettet, die einen Monat lang von den Behörden gefoltert wurde." Sie warf dem Gouverneur von Tucumán, Juan Manzur, vor, das Kind für politische Zwecke missbraucht zu haben.

    Liberalere Gesetze abgelehnt

    Abtreibungen sind in Lateinamerika ein heikles Thema. In vielen Ländern gibt es dazu äußerst restriktive Gesetze. In Argentinien hatte der Senat erst vor sechs Monaten mit knapper Mehrheit ein liberaleres Abtreibungsrecht abgelehnt. Es hätte Abtreibungen innerhalb der ersten 14 Schwangerschaftswochen erlaubt. Somit bleibt es beim Verbot mit den zwei Ausnahmen. Frauen, die sich nicht daran halten, drohen bis zu vier Jahre Haft. Dagegen gibt es in Argentinien immer wieder Proteste. (ksh, 1.3.2019)

    • 20. Februar: Proteste in Buenos Aires für eine Legalisierung der Abtreibung.
      foto: ap photo/natacha pisarenko

      20. Februar: Proteste in Buenos Aires für eine Legalisierung der Abtreibung.

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