Frauendings-Literatur: Nicht Reizthema, sondern Randthema

    Glosse4. März 2019, 13:00
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    Bitte nicht gleich hysterisch werden. Wer soll sowas lesen? Ihr Frauen?

    Entschuldigen Sie, dass wir Sie so lange vor der Tür haben warten lassen. Wir sind hier alle sehr beschäftigt. Also. Ich will ehrlich sein. Wir haben es gelesen, natürlich. Der Plot ist gut, die Sprache super, eigentlich gibt es kaum etwas auszusetzen. Wir können Sie trotzdem nicht reinlassen. Es liegt am Thema. Frauendings. Nicht Reizthema, Randthema. Bitte nicht gleich hysterisch werden. Wer soll sowas lesen? Ihr Frauen? Haha. Schon lustig, wie ihr euch gleich wieder aufpudelt.

    Was Frauendings bedeutet? Das heißt, in den Büchern geht's vorrangig um Frauen, die Frauenprobleme haben. Die rumjammern, weil sie betatscht worden sind, zu wenig Geld kriegen oder weil sie ach so unterdrückt sind. Oder um die schreckliche Last von Kindern und Haushalt, die sie ganz allein stemmen müssen. Gähn.

    Über die weltbewegenden Themen schreiben eben nur Männer. Politik, Europa, Welt, Kriege! Ja, da haben Sie recht, der Knausgård hat strenggenommen auch viel Frauendings beschrieben. Aber eben auch Penisdings. Das ist ein Unterschied! Und außerdem ist der bitte ein Genie! Knausgård kann übers Häuselputzen schreiben, und es ist genial.

    Die Hälfte der Bevölkerung? Ach, kommen Sie, nicht einmal die Frauen interessiert das Frauendings. Davon haben sie eh im Alltag genug. Ihr lasst euch von Männern regieren, ernähren und eben auch unterhalten. Und jetzt mal ehrlich. Goethe, Schiller, Knausgård. Klingelt's? Die Literaturwissenschaft in unserem Betrieb beweist es uns stündlich. Jetzt kommt wieder das Gesuder mit dem Literaturkanon. Den gibt's halt nicht in Sopran, da können Sie leider nicht mitsingen!

    Immer dieses Gekeppel!

    Jetzt dürft ihr schon seit 100 Jahren alles und bringt trotzdem nix weiter. Na, wo sind sie denn, die Büchnerpreisträgerinnen? Die Literaturnobelpreisträgerinnen, hm? Für euren Hormonschmus und euer wehleidiges Menstruationsgesülze gibt's eben keine großen, fetten Preise! Warum wohl? Die Jurys, na, das war ja klar. Die werden bei uns ganz objektiv bestellt, ja, klar, auch von Kapazundern! No na sind die meisten eher älter und eher Männer und eher weiß. Aber Kapazunder sind halt so!

    Warum sind denn die Frauen keine Kapazunder, hm? Oder Schwarze? Oder all die Migranten? Wenn ihr euch doch ein bissl anstrengen würdet, anstatt zu jammern. Mal was schreiben, bei dem wir älteren, weißeren Männer nicht mit Füßen getreten werden. Immer dieses Gekeppel, das uns in den Ohren brennt. Nehmt euch ein Beispiel an denen von euch, die das richtig gut können und nebenbei auch noch was fürs Auge sind!

    Aber spielen wir es mal durch. Angenommen, wir lassen Sie rein. Ihnen gelingt zufällig ein gutes Buch, Sie kriegen Ihre gute Kritik und vielleicht auch ein paar Preise und dürfen auch Expertenrunden und Lesebühnen behübschen. Und dann kriegen Sie Kinder und werden unansehnlich und garstig und schreiben erst recht wieder Frauendings.

    Das Feuilleton quillt eh schon über vor lauter Glitzerproblemen. Da ist nie Platz, und für Frauendings noch weniger. Die meisten Literaturkritiker und Berufsdenker sind eben Männer, und die besprechen am liebsten Männer, also: Literatur ohne Dings. Frauen bleibt das Frauendings und das Kinderdings.

    Und wehe, wenn die Feministinnen es in die Klauen kriegen. Dann fliegen wieder die Fetzen! Den einen ist es zu wenig feministisch, weil die Figur nicht bis in die Haarspitzen durchemanzipiert ist, die anderen finden es zu utopisch, zu patriarchal, zu wenig dekonstruiert, zu wenig trans, zu viel hetero, was weiß ich. Dann kriegen sie sich in die ungefärbten Haare, denn Streiten und Keifen ist das, was sie am besten können. Und keiner redet mehr von der Literatur, sondern alle halten sich die Ohren zu. Und wir, der Literaturbetrieb, müssen das aushalten, weil wir so eine wie Sie reingelassen haben!!

    Und dann kriegen Sie Kinder!

    Es wuseln eh schon genug von euch bei uns herum! Zugegeben, viele schreiben nicht gerade Frauendings. Und viele fliegen so schnell, wie sie gekommen sind, wieder raus. Aber die Grandes Dames haben wir ja eh kanonisiert. Auch wenn uns vor ihrem Frauendings graust. Die setzen wir trotzdem in die Auslage, da kann uns keiner was vorwerfen.

    Jetzt mal unter uns: Glauben Sie wirklich, Sie können mit Ihrem "Ich bin so arm"-Scheiß meine Liebe gewinnen? Mit einem Thema, bei dem ich wie der Arsch dastehe? Würden Sie sich, wenn Sie ich wären, das "Die Männer sind so böse"-Thema eintreten? Würden Sie auch freiwillig in einen Hundehaufen hineinsteigen und danach in Ihrem Haus herumspazieren?

    Was, Ihre Paranoia soll belegbar sein? Nina George, Veronika Schuchter, Katy Derbyshire? Nie gehört. Worum ging's denn in Ihrem Buch noch mal? Ehrlich? Ich hab's gar nicht gelesen. Und jetzt drehen Sie sich mal um. Während wir hier schwafeln, warten zehn Neue hinter Ihnen. Alle schöner, jünger und origineller als Sie und Ihr Frauendings. Nicht weinen! Wären Sie halt vor zehn Jahren gekommen, oder besser vor 20.

    Für Krimi ist es aber noch nicht zu spät. Oder Unterhaltungsliteratur! Oder leichte Strandlektüre. Bisschen Sex, bisschen Liebe, bisschen Chaos und dazwischen Messages wie: Liebe dich selbst! Glaub an deine Träume! Finde deinen Traummann! Haben wir gerade als Sachbuch verlegt. Schönes Cover, dezentes Violett ... Wo laufen Sie denn hin? Diese Weiber. Immer in der Opferrolle. Ich brauch jetzt einen Kaffee.

    Puppi, einen Espresso! (Gertraud Klemm, 2.3.2019)

    Gertraud Klemm ist eine österreichische Schriftstellerin. Im August 2019 erscheint ihr Roman "Hippocampus" bei Kremayr & Scheriau.

    Link:

    frauenzählen.de

    • Gertraud Klemm: "Worum ging's denn in Ihrem Buch nochmal?"
      foto: apa / herbert neubauer

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