Warum der Ärztemangel keiner ist

    1. März 2019, 12:00
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    Steht Österreich vor einem Ärztemangel? Ja, sagen Opposition und Standesvertretung. Experten widersprechen: Es fehlt an Pflegepersonal, nicht an Medizinern

    foto: apa/fohringer

    Zu viele und zu wenige Ärzte zugleich

    Warnungen vor einem akuten Ärztemangel versteckt die Ärztekammer nicht unbedingt in einem Beipackzettel. Seit Jahren trommelt die Standesvertretung, dass es zu wenige Ärzte in Österreich gebe. Im Dezember belegte sie das auch mit Zahlen: In zehn Jahren werden die Hälfte aller niedergelassenen und mehr als die Hälfte aller Ärzte mit Gebietskrankenkassenvertrag in Pension gehen. Jährlich würden daher laut Standesvertretung 938 Ärzte fehlen, um den Status quo aufrechtzuerhalten. Nicht mit einberechnet sind das Bevölkerungswachstum und die immer älter werdende Bevölkerung. Auch die SPÖ hat sich der Frage angenommen und im Jänner eine Sondersitzung zum Thema Ärztemangel einberufen. Parteichefin Pamela Rendi-Wagner, immerhin auch ehemalige Gesundheitsministerin, kritisierte die türkis-blaue Regierung dafür, dass keine Maßnahmen gegen den drohenden Versorgungsnotstand getroffen werden. Ein Vorwurf, den die kritisierte Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) sofort zurückgab: Sie sprach von einem Versagen der sozialdemokratischen Politik.

    Doch gleichzeitig verfügt Österreich über eine sehr hohe Anzahl an Ärzten. Nur in Griechenland gibt es laut OECD mehr Ärzte pro tausend Einwohner. Kann es trotz hoher Ärztedichte zu wenige Ärzte geben?

    Ja, sagt Thomas Czypionka. Der IHS- Experte sieht dann ein Problem auf Österreich zukommen, wenn der gegenwärtige Zustand bei der ärztlichen Versorgung aufrechthalten wird. Denn aktuell gibt es "ungewöhnlich viele Einzelpraxen". International sei es üblich, dass ein bis drei Ärzte mit zusätzlichem medizinischen Personal zusammenarbeiten. Würde man so ein Versorgungsmodell auf Österreich umlegen, könnte man die Kapazität deutlich erhöhen.

    Gleichzeitig sieht Czypionka auch ein Verteilungsproblem: Die Zahl der Kassenärzte stagniert seit den 1960er-Jahren. Die Zahl der Wahlärzte steigt. "Es gibt durchaus niederlassungswillige Ärzte, sie sind aber kaum versorgungswirksam, weil sie nur indirekt für das öffentliche System arbeiten", dadurch bestünden noch Reserven.

    foto: picturedesk/fischinger

    Immer mehr Wahlärzte

    Die Entscheidung, zu einem Wahlarzt zu gehen, treffen Patienten nicht unbedingt freiwillig, sondern notgedrungen. Lange Wartezeiten für einen Termin beim Kassenarzt oder intensivere Betreuung sind meist die Gründe, warum Kranke das Honorar für einen Arztbesuch vorstrecken, auch wenn sie dafür einen geringen Anteil von der Kasse erstattet bekommen.

    Auch die Sicht der Mediziner hat sich gewandelt: War früher ein Kassenvertrag erstrebenswert, können heute auch in Ballungszentren Stellen nicht nachbesetzt werden. Wahlärzte haben mehr Zeit für ihre Patienten und sind nicht auf den vorgegebenen Leistungskatalog angewiesen. Genau hier liegt laut Thomas Czypionka, Ökonom am Institut für Höhere Studien, das Problem: Gesamtverträge mit ärztlichem Stellenplan und Honorarordnung, die von Sozialversicherungen und Ärztekammer ausverhandelt werden, seien rigide. Hier müsste man den Ärzten entgegenkommen, ist der IHS-Experte überzeugt.

    Für private Krankenversicherungen ist der Wahlarztboom durchaus willkommen. Sie bieten Produkte an, die auf den Wahlarztsektor abzielen. Außerdem fordern sie, dass Ärzte direkt mit ihnen abrechnen können. Teilweise ist das bereits möglich.

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    Bitte warten!

    Wer in den vergangenen Wochen zwischen Vorarlberg und Wien krank war, musste beim Hausarzt vor allem genügend Geduld mitbringen, die Grippe hat Hochsaison. Doch zeigt das nicht auch, dass es zu wenige Hausärzte gibt?

    Österreichweit sind derzeit 68 Kassenstellen für Allgemeinmediziner nicht besetzt. Am meisten fehlen in Oberösterreich, dort sind es 16, in Niederösterreich und der Steiermark 14 und in Wien elf. Während der Hauptverband beruhigt und betont, dass 99 Prozent der relevanten Kassenstellen besetzt seien, sieht Czypionka auch ein Imageproblem: "Der Verdienst ist besser als bei Spitalsärzten." Das habe er mit einer Studie erhoben.

    Es wachse eine neue Generation an Ärzten heran, die eine bessere Work-Life-Balance fordern. Außerdem werde in der Ausbildung noch immer verabsäumt, die allgemeinmedizinischen Kompetenzen zu stärken, die gerade im ländlichen Bereich entscheidend sind. "Die notwendigen Fähigkeiten werden nicht vermittelt." Die Ausbildung im niedergelassenen Bereich – Stichwort Lehrpraxen – sei nur für ein halbes Jahr angesetzt. Das sei zu kurz. Rektor Müller sieht einen Flaschenhals, er kritisiert die fehlenden Lehrpraxisstellen.

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    Wo es im System krankt

    "Wir bilden genug Absolventen aus", sagt Markus Müller, Rektor der Med-Uni Wien. Jahrelang sei von einer Ärzteschwemme gesprochen worden, bis es nahtlos in die Warnung vor einem Ärztemangel gekippt sei. "Diese Diskussion hinkt", sagt Müller, Skepsis sei angebracht. "Ärzte sind eine teure Ressource, die ineffizient eingesetzt wird", erklärt der Mediziner. Immerhin kommen 5,15 Ärzte auf tausend Einwohner. Eindeutig fehlen würden Pflegekräfte. "Was machen Ärzte in Österreich, was machen Ärzte in anderen Ländern?", fragt sich Müller. Viele der ärztlichen Routinetätigkeiten würden international vom diplomierten Pflegepersonal ausgeführt. Doch in Österreich kommen 1,6 Krankenpfleger auf einen Arzt. Das Verhältnis stimme nicht. Doch lange seien hierzulande Ärzte in Überfluss vorhanden gewesen, sie haben Blut abgenommen und Infusionen gesetzt. Viele Engpässe in Spitälern und im niedergelassenen Bereich könnten dadurch gelöst werden, dass diese Aufgaben an das Pflegepersonal übertragen werden können – vorausgesetzt, es gibt mehr diplomierte Fachkräfte.

    Dem stimmt auch IHS-Ökonom Czypionka zu: Sowohl in der Langzeitpflege als auch im ambulanten Bereich fehlen Pflegekräfte. Viele würden nach wenigen Jahren aus dem Beruf ausscheiden, weil er körperlich anstrengend sei: "Wir müssen Perspektiven für sie schaffen."

    Das sei auch dem bettenlastigen System geschuldet, sagt Müller. Lange wurden Kleinspitäler als Wirtschaftsfaktor auf dem Land gesehen.

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    Rezepte für die Zukunft

    Auch wenn der Ärztemangel im Auge des Betrachters liegt: Konzepte, wie die wohnortnahe Versorgung von Patienten besser organisiert werden kann, sind dringend notwendig. Rezepte gibt es, die Umsetzung läuft aber schleppend. Der Ausbau von Primärversorgungseinheiten, bei denen Ärzte gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufen zusammenarbeiten, ist für Czypionka das richtige Ziel. Entscheidend sei aber, dass die eigenen Interessen der zahlenden Länder und Sozialversicherungen nicht dominieren, sondern das Gesamtinteresse stärker im Fokus steht, nur dann könne es funktionieren.

    Müller sieht auch die Spitalsträger gefragt: "Wartezeiten für einen Platz für die Basisausbildung sind inakzeptabel". Damit Absolventen nicht sofort nach dem Studium ins Ausland abwandern, sollen Träger stärker um sie werben. Außerdem sollen die Möglichkeiten für Teamarbeit in Gruppenpraxen oder Primärversorgungseinheiten verbessert werden, damit Absolventen ihre Zukunft besser planen können. Auch stärkere Anreize für Jungmediziner, eine Landarztpraxis zu übernehmen, fordert der Rektor von den Ländern.

    Sowohl Müller als auch Czypionka setzen große Hoffnungen in die Telemedizin. Skype-Visiten, wie es sie etwa in Ostdeutschland gibt, seien eine Möglichkeit, um Langzeitpatienten zu betreuen. Auch Telemonitoring sollte vermehrt bei chronischen Krankheiten wie Diabetes oder der Lungenkrankheit COPD eingesetzt werden. (Marie-Theres Egyed, 1.3.2019)

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