Biotope-City: Wenn die Stadt zum Dschungel wird

    1. März 2019, 09:00
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    Die üppig bepflanzte Biotope-City auf den ehemaligen Coca-Cola-Gründen auf dem Wienerberg soll dem Klimawandel entgegenwirken

    Im Jahr 1886 erfand der US-amerikanische Apotheker John Stith Pemberton einen braunen Sirup, den er aus Kolanüssen und Extrakten aus dem Kokastrauch zusammenbraute. Der mit Sodawasser verdünnte Dicksaft, der kurz darauf als Coca-Cola in die Geschichte eingegangen ist, galt als medizinisches Wundermittel gegen Müdigkeit und Depression. 55 Jahre lang wurde Coca-Cola auch in Wien produziert. Doch als sich der Standort an der Triester Straße vor sieben Jahren als zu klein erwiesen hatte, wurde die Produktion ins Burgenland verlagert. Auf einen Schlag standen 5,4 Hektar Betriebsfläche für dringend benötigten Wohnbau zur Verfügung.

    visualisierung: schreinerkaslter.at
    Die "Renaturierung der Stadt" ist für die Stadtplanerin Helga Fassbinder die Mission der Biotope-City auf den ehemaligen Coca-Cola-Gründen.

    Glaubt man den Visionen der Projektinitiatoren, des 2016 verstorbenen Architekten Harry Glück und der niederländischen Stadtplanerin Helga Fassbinder, so könnten die Coca-Cola-Gründe schon bald ein Wundermittel gegen die Müdigkeit und Depression des globalen Klimas werden. Denn die sogenannte Biotope-City mit insgesamt 900 geförderten und freifinanzierten Wohnungen, ein Kooperationsprojekt von Arwag, Gesiba, Wien Süd, Österreichischem Siedlungswerk (ÖSW) und etlichen gewerblichen Bauträgern, soll ein Exempel grünen und ökologisch nachhaltigen Bauens und Wohnens statuieren.

    "Anders als in bisherigen Stadterweiterungs- und Stadtverdichtungsprojekten spielt die Grünraumplanung hier nicht eine nur untergeordnete, sondern eine zentrale, ja sogar essenzielle Rolle", so Fassbinder. "Man könnte sagen, das Grün legt sich als größter gemeinsamer Nenner über alle 13 Bauplätze. Es geht um die Renaturierung der Stadt."

    Wie einst Harry Glück

    Geplant sind Gartenflächen mit 25, bereits groß angewachsenen Bäumen (Stammdurchmesser 30 Zentimeter), Urban Gardens in den Innenhöfen und auf dem Dach, begrünte Fassaden mit Veitschi und Glyzinien sowie Loggias und Balkone mit baulich integrierten Pflanzentrögen, wie dies Harry Glück bereits in seinen Wohntürmen in Alt-Erlaa in den Siebzigerjahren angewandt hatte. Die Planung dafür stammt von Auböck+Kárász sowie von Studierenden der Boku Wien.

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    166 Wohnungen sollen auf dem Wienerberg entstehen.

    Doch nicht nur klassische Begrünungsmethoden werden zum Einsatz kommen. Auch ungewöhnliche, im Wohnbau bisher unerprobte Maßnahmen sind geplant. So soll ein Teil des Wohnparks etwa als unberührte Gstätten bepflanzt und sich selbst überlassen werden. Andernorts wiederum werden sogenannte Rain-Gardens angelegt. Während sie bei Trockenheit grüne Wiese sind, sollen sie bei starken Regenfällen als Auffang- und Sickerflächen dienen. Auf diese Weise wird der Wasserabfluss reduziert und das städtische Kanalnetz entlastet. Die Biotope-City ist zugleich ein Forschungsprojekt, das von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) mit 100.000 Euro gefördert wird.

    "Die gesunde Stadt der Zukunft zeichnet sich nicht nur durch viel Grün aus, sondern auch durch eine gewisse städtische Dichte", sagt Architekt Rüdiger Lainer, der mit dem ÖSW einen langen, schmalen Wohntrakt mit zwölf Geschoßen und 35 Meter Höhe errichtet. "Um die große Baukubatur optisch zu strukturieren, ist das Gebäude an mehreren Stellen geknickt. Auf den Balkonen sind zudem Zierelemente mit einer strukturieren Betonoberfläche vorgesehen, die von Stockwerk zu Stockwerk hin und her und vor- und zurückspringen." Auf diese Weise, so der Architekt, soll an der Fassade ein lebendiges Licht-und- Schatten-Spiel entstehen.

    Zentrale Bewässerung

    "Wichtig ist auf jeden Fall, die Pflanzentröge auf den privaten Freiräumen zentral zu bewässern", meint ÖSW-Vorstand Michael Pech, "denn meine Erfahrung ist, dass man die regelmäßige Grünpflege im großvolumigen Wohnbau nicht den Mieterinnen und Mietern überlassen darf." Zwar müsse diese technische Maßnahme in den Betriebskosten berücksichtigt werden, so Pech, doch dafür entsteht auf dem gesamten Areal ein angenehm kühlendes, befeuchtetes Mikroklima.

    Das Programm umfasst 131 geförderte und 35 freifinanzierte Mietwohnungen zwischen 49 und 102 Quadratmetern Nutzfläche. Die Miete liegt bei 7,50 Euro pro Quadratmeter (10,80 Euro im freifinanzierten Bereich), der einmalige Finanzierungsbeitrag beläuft sich auf 500 Euro pro Quadratmeter. Hinzu kommen 66 günstige Smart-Wohnungen mit einem stark reduzierten Finanzierungsbeitrag (60 Euro pro Quadratmeter). Derzeit baut man noch am Kellergeschoß. Die Fertigstellung des ÖSW-Bauteils ist für Ende nächsten Jahres geplant. (Wojciech Czaja, 1.3.2019)

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