Einstellungen zu Abtreibung: Mehr Akzeptanz, aber nicht mehr Konsens

Blog4. März 2019, 09:00
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Die Einstellungen zur Abtreibung sind heute deutlich liberaler als vor 30 Jahren. Einen gesellschaftlichen Konsens gibt es aber genauso wenig

Das Thema Abtreibung hat im österreichischen politischen Diskurs oft nur in der Rückschau auf die Vergangenheit Platz. Die Fristenlösung, die die SPÖ Mitte der 1970er-Jahre beschloss, war damals zwar Gegenstand heftigster politischer Kontroversen, blieb seither aber unangetastet und verschwand mit den Jahren fast völlig von der politischen Bildfläche.

Die spärlichen Versuche, an der bestehenden Gesetzeslage etwas zu ändern, kamen zumeist von linker Seite: Kostenübernahme durch die Krankenkassen oder Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen in öffentlichen Spitälern etwa. Jüngst gab es aber auch von konservativer Seite einen Vorstoß für eine Reihe an Reformen, darunter auch ein Verbot von Spätabtreibungen von Kindern mit schweren Behinderungen (eugenische Indikation).

Dies alles geschieht vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Wertewandels. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Einstellung zur Abtreibung in Österreich massiv verschoben. Die europäische Wertestudie erhebt seit 1991 auch in Österreich die Akzeptanz von Abtreibung. Auf einer Skala von 1 ("unter keinen Umständen in Ordnung") bis 10 ("in jedem Fall in Ordnung") hat sich der Mittelwert über die Jahre deutlich verschoben: Lag er 1991 noch bei 3,8, betrug er 2017 schon 5,8.

Die Grafik unten zeigt, welcher Anteil der Befragten sich am "konservativen" Ende der Skala (Skalenpunkte 1 bis 3), in der Mitte (4 bis 7) oder am "liberalen" Ende (8 bis 10) einordnet. Der "konservative" Anteil halbiert sich zwischen 1991 und 2017 von 53 auf 27 Prozent, während sich der "liberale" von 12 auf 35 Prozent verdreifacht. Die Mittelgruppe bleibt über die Jahre in etwa gleich groß.

Diese Daten zeigen also eine klare Verlagerung hin zu liberaleren Einstellungen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich in der öffentlichen Meinung ein größerer Konsens herausgebildet hätte. Die Standardabweichung (ein Maß für die Streuung der Antworten um den Mittelwert) beträgt in sämtlichen vier Erhebungsjahren zwischen 2,7 und 3,1 Skalenpunkte – und das ohne erkennbaren Zeittrend.

Es ist daher wichtig, zwei Dinge auseinanderzuhalten: Abtreibung ist heute deutlich stärker akzeptiert als vor 30 Jahren, polarisiert aber noch immer in ähnlichem Ausmaß. Das Lager der Gegner ist geschrumpft, jenes der Befürworter gewachsen, ohne dass sich ein echter gesellschaftlicher Konsens herausgebildet hätte. Dieser Fall würde wohl erst dann eintreten, wenn eine der beiden Gruppen zu einer vernachlässigbaren Größe schrumpft – wovon wir derzeit noch weit entfernt sind. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 3.3.2019)

Laurenz Ennser-Jedenastik ist Politikwissenschafter am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien.

In eigener Sache: Der Autor dieser Zeilen legt berufsbedingt von Anfang März bis Ende Oktober 2019 eine Pause ein. Statt ihm werden andere Kolleginnen und Kollegen bloggen, ab November 2019 steigt er dann wieder ein.

  • Abtreibung ist heute deutlich stärker akzeptiert als vor 30 Jahren, polarisiert aber noch immer in ähnlichem Ausmaß.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Abtreibung ist heute deutlich stärker akzeptiert als vor 30 Jahren, polarisiert aber noch immer in ähnlichem Ausmaß.

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