Mikroplastik belastet Lebewesen am tiefsten Meeresgrund

    28. Februar 2019, 06:00
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    Forscher weisen Kunststoffpartikel in Krebstieren aus fast elf Kilometer Tiefe nach und sehen "sämtliche Ökosysteme" betroffen

    Newcastle upon Tyne – Die Verschmutzung der Meere mit Kunststoffabfällen hat ungeheure Ausmaße erreicht. Selbst die entlegensten Regionen der Ozeane sind nicht mehr vor unseren Hinterlassenschaften sicher: Mikroplastik, also winzige Kunststoffpartikel, die durch den Zerfall von Plastikprodukten entstehen, ist inzwischen bis an die Pole und in die tiefsten Tiefen der Meere vorgedrungen. Da wie dort gelangen die Rückstände in den Nahrungskreislauf von Meerestieren – mit teils dramatischen Folgen.

    foto: ap/noaa pacific islands fisheries science center
    Plastikmüll ist inzwischen in allen Regionen und Schichten der Weltmeere anzutreffen.

    Eine aktuelle Studie zeigt auf, wie weit das Problem bereits nach unten fortgeschritten ist. Das Team um Alan Jamieson und William Reid von der britischen University of Newcastle untersuchte Lebewesen, die in den tiefsten Schichten der Meere leben. Wie die Forscher im Fachblatt Royal Society Open Science berichten, findet sich Mikroplastik selbst in den Verdauungssystemen von Krebstieren, die fast elf Kilometer unter der Wasseroberfläche zuhause sind.

    Krebstiere aus Tiefseerinnen

    "Unsere Ergebnisse zeigen, dass es wahrscheinlich keine marinen Lebensräume mehr auf der Erde gibt, die nicht von Plastik belastet sind", sagte der Ökologe Reid zum STANDARD. "Es ist eine Schande, dass wir Material wie PVC in den Mägen von Tieren finden, die so weit von uns entfernt sind."

    foto: alan jamieson / newcastle university
    Der kleine Flohkrebs Hirondellea gigas lebt am tiefen Grund des Marianengrabens. Nicht einmal dort bleibt er von Plastikmüll verschont.

    Für ihre Studie analysierten die Wissenschafter Flohkrebse aus sechs pazifischen Tiefseerinnen, darunter der Marianengraben, der Boningraben und der Kermadecgraben. Die millimeter- bis zentimetergroßen bodenbewohnenden Krebstiere wurden mithilfe von Tauchrobotern in Tiefen zwischen 7000 und 10.800 Metern eingesammelt und unter speziellen Bedingungen untersucht.

    Plastikrückstände weit verbreitet

    Das Ergebnis: In Flohkrebsen aus allen sechs Regionen fanden sich Plastikpartikel, insgesamt waren 72 Prozent der Tiefsee-Flohkrebse betroffen. Die Detailauswertung ergab Überraschendes: Je tiefer der Lebensraum, desto mehr Flohkrebse hatten Plastik im Verdauungstrakt. Im Marianengraben wurde in sämtlichen Exemplaren zumindest ein Partikel gefunden.

    Die identifizierten Materialien reichten von Polyester über Viskosefasern bis hin zu Polyvinylchlorid (PVC). "Die Lebensräume dieser Tiere sind extrem schwierig zu beobachten. Wir wissen nicht, wie lange es dort schon Mikroplastik gibt und welche Folgen es hat", so Reid. "Aber die Auswirkungen können nicht positiv sein."

    foto: alan jamieson / newcastle university
    Alle untersuchten Flohkrebse aus dem Marianengraben waren betroffen.

    Grundsätzlich sei zu befürchten, dass neben einer möglichen Kontamination mit chemischen Schadstoffen auch der Verdauungstrakt der Tiere durch die Plastikteilchen blockiert werden könnte, so die Forscher. Und für Nachschub ist gesorgt: Letztlich dürfte ein erheblicher Teil des Mikroplastiks im Lauf der Zeit auf den Meeresgrund sinken.

    Unbekannt und kontaminiert

    Wissenschafter nehmen an, dass Algen und Mikroorganismen zum Absinken beitragen, indem sie die Partikel besiedeln und sie dadurch schwerer machen. "Letztlich erreichen Kunststoffe die großen Weiten der Tiefsee und verschmutzen ein Ökosystem, über das wir noch wenig wissen", schreiben die Studienautoren.

    Jamieson hat in der Vergangenheit mehrere unbekannte Tiefseearten entdeckt. Inzwischen stehe man vor dem Problem, neue Spezies zu finden, die bereits mit Plastik kontaminiert sind, so der Forscher: "Es gibt keine Daten über ihren ursprünglichen Zustand. Je mehr man darüber nachdenkt, desto deprimierender ist es." (David Rennert, 28.2.2019)

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