ÖSV-Dopingskandal: Wieder sollen es nur einzelne Dummköpfe gewesen sein

Kommentar27. Februar 2019, 17:40
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Der Skiverband muss sich in Sachen Doping endlich seiner Verantwortung stellen

Jetzt ist schon wieder etwas passiert, und mit einem Schlag sind sie nur noch Makulatur, die vielen schönen Bilder vom Wintermärchen in Seefeld, von der vom österreichischen Skiverband tadellos mitorganisierten nordischen Skiweltmeisterschaft mit ihren grandiosen Sprüngen, heroischen Läufen und entfesselten Fans aus aller Herren Länder im Tiroler Frühlingsschnee.

Seefeld steht seit Mittwoch in einer Reihe mit Salt Lake City (2002), Turin (2006) und Sotschi (2014), den olympischen Schauplätzen der großen österreichischen Dopingskandale der vergangenen Jahre. Auch Seefeld wird ein Synonym für Sportbetrug sein, für blutige kriminelle Machenschaften im Namen des Erfolges. Obwohl dieser Erfolg nur relativ ist, obwohl er nicht zu vergleichen ist mit dem der echten nordischen Nationen. Aber über die wird ohnehin gerne pauschal, und den ÖSV-Präsidenten Peter Schröcksnadel paraphrasierend, gemunkelt, dass sie eben nicht zu klein seien für gutes Doping.

Auch da folgt Seefeld einem klassischen Muster. Wieder sollen es, was die Österreicher betrifft, nur einzelne betrügende Dummköpfe unter Unschuldsvermutung gewesen sein, die sich ausländischen Mächten ausgeliefert und so den Ruf des glorreichen ÖSV in den Schmutz gezogen haben. Wieder, wie schon im Fall des Langläufers Johannes Dürr vor fünf Jahren, hat der verantwortliche Sportdirektor nicht gewusst, was seine Athleten so treiben abseits des Teams, ausgerechnet unter den Augen der WM-Öffentlichkeit.

Dopingkalamitäten

Ahnungslosigkeit ist diesem Sportdirektor Markus Gandler allerdings sicher nicht zu unterstellen. Der Langlaufstaffelweltmeister von 1999, der ehemalige Schützling des Skandaltrainers Walter Mayer, der Teamkollege zweier später wegen Dopings gesperrter Läufer, schupft seit 2003 den Langlauf- und Biathlonladen für den Skiverband. Nach dem Turiner Skandal war er von einem italienischen Gericht, wie auch sein Präsident Schröcksnadel und andere, vom Vorwurf der Begünstigung von Dopingpraktiken freigesprochen worden. Auch das hat in jedem Fall verbunden. Bei den folgenden Dopingkalamitäten im Langlauf kamen die Freisprüche nur noch von Gandler selbst – und von Präsident Schröcksnadel.

Der hat seine nach Turin ausgestoßene Drohung, dem österreichischen Langlauf und Biathlon den Geldhahn zuzudrehen, nicht wahr gemacht. Im Zuge der Debatte über Missbrauch im österreichischen Skisport hat Schröcksnadel aber nach langer Anlaufzeit immerhin davon gesprochen, dass eben auch eine moralische Verantwortung zu tragen sei – zunächst von anderen. Denn sicher hat der auch von Sportminister Heinz-Christian Strache als bester Sportfunktionär Österreichs Gepriesene nicht sich selbst gemeint. In Aufarbeitung des ÖSV-Anteils am Seefelder Schlamassel kann es allerdings nicht mehr genügen, einen längst fälligen Spartenchef zu entfernen und sich darüber hinaus auf den Standpunkt zurückzuziehen, dass das Haus Skiverband bis auf einige Schmuddelecken, die aber jetzt wirklich ausgewischt werden, bestens bestellt ist.

Es ist auch die moralische Verantwortung für die Versäumnisse von fast zwei Jahrzehnten zu übernehmen, die letztendlich dazu geführt haben, dass viele der in das Seefelder Wintermärchen investierten Millionen verbrannt sind – und mit ihnen Reste von sportlicher Glaubwürdigkeit. (Sigi Lützow, 27.2.2019)

  • ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat seine nach dem Dopingskandal in Turin ausgestoßene Drohung, dem österreichischen Langlauf und Biathlon den Geldhahn zuzudrehen, nicht wahr gemacht.
    foto: apa/barbara gindl

    ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat seine nach dem Dopingskandal in Turin ausgestoßene Drohung, dem österreichischen Langlauf und Biathlon den Geldhahn zuzudrehen, nicht wahr gemacht.

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