Wie uns die Süßigkeiten unserer Kindheit begleiten

    11. März 2019, 11:30
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    Die Fizzers von der großen Schwester, das Kaugummiblasentraining mit dem Nachbarn: Wir alle haben sie – die Geschichte mit der Süßigkeit aus unserer Kindheit. Nur wie sehr sie uns als Erwachsene noch begleitet, fragen wir uns selten

    Hans ist sechs Jahre, drei Monate und sieben Tage alt. Heute hat ihm Mama erlaubt, die neue Badehose ins Freibad anzuziehen. Die mit den coolen Streifen in Orange und Silber. Hans hält das Twinni weiter vom Körper entfernt als sonst. Schließlich soll die Hose nicht schmutzig werden, als Lisa, das Mädchen aus der Parallelklasse, vom Nebenhandtuch aus meint: "Coole Hose." Na bumm.

    Das ist heute ein guter Tag. Das Twinni tropft in Hans’ Handflächen. "Magst du eine Hälfte?" – "Gerne. Ich mag die grüne lieber. Und du?" – "Orange", sagt Hans und bricht das Wassereis entzwei. "Bitte." Na dann. Hans wischt sich die Hände in die Badehose, streckt Lisa selbige entgegen und meint: "Auf ewige Freundschaft?" – "Ja, sicher. Du hast mir ja die grüne Hälfte gegeben."

    Zeitmaschine

    Heute sind Badehosen in Orange und Silber nicht mehr ganz so modern, und Hans kann sich so viele Twinnis kaufen, wie er will. Er ist erwachsen. Und doch: Jedes Mal, wenn er ins Regal greift, um seinen beiden Buben Twinnis mitzubringen, denkt er an Lisa und an tropfende orange und grüne Twinni-Hälften …

    Karin Lobner, Ernährungswissenschafterin und Psychotherapeutin in Wien, wundert das kein bisschen: "Süßigkeiten sind das kleine große Glück unserer Kindheit. Und ich hätte noch nie eine Geschichte gehört, in der nicht noch ein Zweiter mitspielt. Essen ist Beziehung." Dem kann Bestsellerautorin Bee Wilson aus Großbritannien nur beipflichten: "Essen ist keine Liebe. Aber es kann sich wie eine solche anfühlen. Eltern und Bezugspersonen vermitteln ihren Kindern mit Süßem Liebe."

    Wilson ist der Geschichte des Menschen und seines Umgangs mit Lebensmitteln in ihrem Buch The First Bite auf den Grund gegangen. Sie ist der Meinung: "Es ist immer die Erinnerung, die uns Gerichte und Produkte lieben lässt." Wobei es nicht zufällig so wenige Lieblingsgeschichten zu Brokkoli gebe.

    Thomas Vilgis vom Institut für Polymerforschung in Mainz, bekannt als Übersetzer zwischen Wissenschaft und Gastronomie, weiß auch, warum: "Süß signalisiert dem Großhirn Sicherheit. Etwas, was süß ist, ist in der Regel nicht giftig. Das hat uns die Evolution gelehrt."

    Regionale Süßigkeiten

    Seine Geschichte aus der Kindheit hat mit Bärendreck zu tun. Bei uns bekannt als Lakritzschnecken, die sich in Österreich nicht unbedingt größter Beliebtheit erfreuen. Weil wir keine Lakritzkultur haben. Manche sprechen vom sogenannten "Lakritzäquator". Darüber konsumiert man das schwarze Süßholzgeraspel gerne in Süß und Salzig.

    Darunter besetzt die schwarze Gumminascherei aus Süßholz gerade einmal eine Nische. Der Grund für die Verbreitung von Lakritze in den Niederlanden, Skandinavien, Großbritannien und dem Norden Deutschlands liegt an der Reise der Grundzutat Süßholz nach Europa. Denn es gelangte seinerzeit mit den Seefahrern aus dem vorderen Orient in die Küstenregionen des Kontinents.

    "Süßigkeiten aus der Kindheit, die wir lieben, sind immer Dinge, die wir kennen", sagt Lobner. Sie sind ein wichtiger Teil unserer Esskultur. Eltern geben Präferenzen an ihre Kinder weiter. "Wir naschen zum Beispiel relativ konservativ. Ich habe wie verrückt Schwedenbomben gekauft, als es geheißen hat, Niemetz ist pleite", meint die Wiener Psychologin. Süßigkeiten aus der Kindheit möchte man so haben, wie man sie kennt. Ohne Rezeptveränderungen oder Verpackungsneuauflagen.

    Süßliche Muttermilch

    "Wenn das Baby auf die Welt kommt, teilt es die erste Nahrung mit der Mama. Und schon Muttermilch schmeckt süßlich", sagt Lobner. "Alle Kinder, ganz gleich, wo auf der Erde, schauen nicht umsonst so verzückt, wenn man ihnen einen Tropfen Zucker auf die Zunge gibt." Und: Naschen gehört reglementiert. Schließlich ist der Nährwert von Hubba Bubba und Co dann doch überschaubar. Auch das macht Süßigkeiten zu etwas Besondererem.

    Das sieht auch Lisa, die aus dem Freibad, so, die heute ganz entzückt dabei zusieht, wenn ihre beiden Mädchen Verhandlungen mit ihren alten Pez-Figuren aus Kindheitstagen führen und Pu der Bär mit Snoopy über die verschiedenen Pez-Geschmäcker konferiert. Die grüne Twinni-Hälfte mag sie immer noch lieber und denkt dabei gerne an den Buben aus der Nachbarklasse zurück, dessen Namen sie vergessen hat. (Nina Wessely, 11.3.2019)

    • Mit wem haben Sie Ihr Twinni geteilt? Und: orange oder grün? Fragen, die die Kindheit prägten und es noch heute tun.
      foto: lukas friesenbichler

      Mit wem haben Sie Ihr Twinni geteilt? Und: orange oder grün? Fragen, die die Kindheit prägten und es noch heute tun.

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