Missbrauch, der Papst und "Fifty Shades of Gay"

    Kommentar der anderen27. Februar 2019, 16:22
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    In der Debatte geht es auch um die dunkle Seite des Erbes von Johannes Paul II

    Wie lässt sich die verbreitete Vertuschung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche erklären – außer durch Einfluss des Teufels (© Papst Franziskus)? Das Treffen mit den Präsidenten aller Bischofskonferenzen zuletzt im Vatikan war ein Großereignis, auch wenn es die Opfer tief enttäuscht haben mag. Vor allem in Frankreich war das mediale Echo riesig.

    Kurz davor war ein Film von François Ozon ("Grâce à Dieu", "Gelobt sei Gott") in die Kinos gekommen. Er handelt von einem Priester, der dutzende Kinder missbraucht hat. Fast zeitgleich erschien ein Buch von Frédéric Martel, "Sodoma", in dem der Soziologe nach vierjähriger Recherche und 1500 Interviews (u. a. mit 41 Kardinälen) behauptet, dass aktive Homosexualität gang und gäbe in der kirchlichen Hierarchie sei.

    Einige Äußerungen darin mögen als provokant erscheinen (der Vatikan sei "Fifty Shades of Gay", behauptet Martel in der Wochenzeitung "Le Point"), sein Buch wird aber von seriösen Fachleuten sehr ernst genommen.

    Politik der Vertuschung

    Eine These Martels ist, dass die Kirche Aggressoren oft geschützt hat, um die homosexuelle Praxis Verantwortlicher zu decken. Solche ist in westlichen Ländern inzwischen erlaubt, bleibt aber für katholische Priester verboten.

    Diese These scheint auf den Fall von Kardinal Hermann Groër zuzutreffen. Der Wiener Erzbischof wurde 1995 vom Vatikan ins Abseits gedrängt. Damals wusste die Kirche, wie man derartiges elegant unter den Teppich kehrt. Erst 2010 sprach Groërs Nachfolger Christoph Schönborn die negative Rolle des damaligen Staatssekretärs im Vatikan, Angelo Sodano, an: Der Italiener hat die Untersuchungskommission über den Fall verhindert, die sich Kardinal Josef Ratzinger, der Präfekt der Glaubenskongregation, wünschte. Laut Martel stützte Sodano diese Politik der Vertuschung, um die eigene Homosexualität zu verbergen. Dieser Konflikt soll auch ein Grund für den Rückzug Papst Benedikts im Jahr 2013 gewesen sein.

    Fall Maciel in Mexiko

    Sodano und Ratzinger findet man auch im Fall Marcial Maciel in entgegengesetzten Lagern wieder. Die Verbrechen Maciels gehen allerdings weit über die der Pädophilie hinaus – es geht um Inzest, Drogensucht, Fälschung, Macht- und Geldmissbrauch, Korruption. Die Causa bringt auch die Schutzmechanismen ans Licht, die es Maciel erlaubten, der Justiz zu entkommen und das Vertrauen der Päpste zu gewinnen.

    Maciel konnte Johannes Paul II. davon überzeugen, dass die Kirche in Mexiko wie im kommunistischen Polen unterdrückt war. Das war nicht ganz falsch. Da die Kirche stets reaktionäre Positionen vertreten hatte, unterstützten sie die Erben der 1910er-Revolution wenig. Ein Bürgerkrieg war die Folge. Zwischen 1926 und 1929 griffen katholische Bauern und Großgrundbesitzer zu den Waffen. Ein Onkel Maciels war ein General der sogenannten Cristeros. Maciel wusste das schlechte Gewissen des Vatikans auszunützen, der die Aufständischen damals zur Aufgabe gedrängt hatte.

    Mexiko ist für die Kirche von zentraler Bedeutung: Mit Millionen Migranten in die USA ist das Land eine Drehscheibe des Katholizismus in Lateinamerika. Die erste Reise des Papstes 1979 ging dorthin, die Legion bereitete ihm ekstatische Begegnungen mit dem Kirchenvolk, die zum Markenzeichen seines Pontifikats wurden.

    Gestürzte Ikone

    Maciels einziger Feind in der Kirchenhierarchie war Ratzinger. Ende 2004, nachdem der kranke Papst ihn schon wieder gelobt hatte, gab der der Kurienkardinal den Auftakt zu einem internen Verfahren gegen den Mexikaner, das er lang zurückgehalten hatte. Anfang 2005 musste Maciel seine führende Position in der Legion aufgeben, 2006 wurde ihm untersagt, die Sakramente zu spenden.

    So geht es heute auch um dunkle Seiten des Erbes Johannes Pauls II. Auch in dessen Geburtsland. Gerade als die Krisenkonferenz in Rom begann, haben drei Männer in Danzig die Statue des Priesters Henryk Jankowski entfernt. Er war eine Ikone von Solidarność und Beichtvater Lech Walesas, ist aber zum Symbol eines systemischen Problems geworden. Franziskus wurde ein Bericht überreicht, der zeigt, wie 24 Hierarchen der polnischen Kirche über Jahrzehnte den Kinderschänder Jankowski gedeckt haben. (Joëlle Stolz, 27.2.2019)

    • 2004 im Vatikan: Papst Johannes Paul II. segnet Marcial Maciel.
      foto: ap/plinio lepri

      2004 im Vatikan: Papst Johannes Paul II. segnet Marcial Maciel.

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