Verbraucher als Stromerzeuger: Wohnen im Kraftwerk

    27. Februar 2019, 14:58
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    Häuser könnten bald ernst zu nehmende Stromerzeuger sein. Pilotprojekte mit Begrünung, Bauteilaktivierung und intelligenter Planung sollen den Weg weisen

    Gebäude können mithelfen, das Klima zu retten. Mit Passiv-, Niedrigenergie- und sogar Plus-Energie-Häusern trägt die Branche schon einiges dazu bei. Ihre Vertreter dachten beim STANDARD-Wohnsymposium aber noch ein paar Schritte weiter. Die Palette der diskutierten Innovationen der Praktiker und Planer reichte von simplen, aber äußerst effektiven Vorschlägen bis hin zu überraschenden Ansätzen.

    Haus wird zum Kraftwerk

    "Ich rede nicht über die Möglichkeiten, ich setze sie um", meinte Michael Pech, der seine ÖSW-Unternehmenszentrale gerade in ein Kraftwerk umbauen lässt. Er will den auf den Hausdächern mit Photovoltaik (PV) erzeugten Strom weiterverkaufen können. Derzeit seien die Einspeistarife ins Netz wenig lukrativ. "Ich habe die Vorstellung, mit einem Partner vielleicht sogar eine eigene Stromfirma zu gründen." Seine Vision: In Zukunft sogar Kernkraftwerke vom Netz nehmen. Auch die Speicherung des Ökostroms mit Batterien müsse noch weiterentwickelt werden, damit Bewohner dann auf ihren selbsterzeugten Strom zugreifen können, wenn sie ihn brauchen. Die Idee der klimafreundlichen Energieerzeugung auf lokaler Ebene mit Smart Grids propagierte auch Robert Korab vom Innovationsbüro Raum & Kommunikation: "Der Gebäudesektor soll sich an der dezentralen Energieerzeugung beteiligen." Er wies darauf hin, dass die Erneuerbaren weltweit boomen, und zwar nicht nur wegen der verordneten Energiewende, sondern weil sie ein riesiges neues Geschäftsfeld seien. Die Rentabilität werde steigen, wenn auch Elektrofahrzeuge im Haus aufgeladen werden. Als Beispiel für erste praktische Ansätze nannte er die aktuelle PV-Initiative von Wien Energie oder das Strombankmodell in Deutschland.

    Aktive Bauteile

    Auf die Speicherfähigkeit der Bauteile eines Gebäudes wies Andreas Pfeiler vom Fachverband Steine-Keramik der WKÖ hin: "Das Gute liegt so nah, nämlich erneuerbare Energie in Bauteilen, kombiniert mit Wärmetauschern und Flächenheizung." Die in der Gebäudehülle aufgenommene Energie könne zum Heizen und Kühlen verwendet werden. Das funktioniere maximal sieben Tage lang. Ein Pilotprojekt entsteht derzeit im niederösterreichischen Sommerein. Bis Ende 2019 werden dort Reihenhäuser und Mehrgeschoßwohnungen gebaut, in den Bauteilen soll Überschussstrom des benachbarten Windparks gespeichert werden.

    Grün fürs Quartier

    Doris Damyanovic vom Institut für Landschaftsplanung an der Uni für Bodenkultur plädierte für eine flächendeckende Gebäudebegrünung der Stadt, auch wenn das im Altbestand herausfordernder sei als im Neubau. Sie betonte einmal mehr den Mehrwert solcher relativ einfacher Maßnahmen: Beschattung, Kühlung, Lärmreduktion und soziale Aspekte. "Langfristig schafft Begrünung eine kostenlose Klimaanlage", so Damyanovic, die das Projekt Biotope City in Wien begleitet und Bauträger bei der Begrünung berät.

    Höheres Bauen

    Architekt Oliver Gerner vom Architektenbüro Gerner und Partner ZT führte vor Augen, dass der Weg zu energiesparendem Wohnraum auch über nichtnachhaltige Materialen führe, zum Beispiel thermische Styropordämmhüllen, die schlussendlich nichts anderes als aufgeschäumtes Erdöl seien. Er kritisierte auch den hohen Flächenverbrauch. Die Versiegelung heize die Städte auf; täglich würden in Österreich im Schnitt 12,9 Hektar Boden versiegelt, davon allein 5,8 ha durch die Bauindustrie. Lösungen könnten ein etwas höheres Bauen (Ausnutzen der Bauklassen) sowie das Zusammenfassen von Bauflächen sein. Als Beispiel nannte Gerner Kopenhagen: Die Stadt baue nur noch Hochgaragen. Der Vorteil: Man kann die vorhandene Struktur bei Bedarf für Büro- und Wohnbauten verwenden.

    Lebendige Labors

    Der Klimaexperte und Ökonom Stefan Schleicher vom Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel lobte zwei Leuchtturmprojekte in der Schweiz: Eines davon heißt das Nest, ein Demogebäude, dessen Fassade Strom und Warmwasser liefert. Mit dem Projekt werden unterschiedliche Wohnungstypen und Materialien getestet. Die austauschbaren Einheiten dienen als lebendiges Labor und zur Erforschung von Bau- und Dämmstoffen, Energiesystemen sowie neuen Wohn- und Arbeitsformen. "Die Energiesysteme sollen nicht von der Erzeugung her, sondern im Hinblick auf den Output aufgerollt werden", so Schleicher. Über die Kosten und die Finanzierung müsse man sich aus seiner Sicht keine allzu großen Sorgen machen. Es gehe um die Nutzungskosten über die gesamte Lebensdauer.

    Leerstand nutzen

    Alfred Kollar, Chef der Oberwarter Siedlungsgenossenschaft (OSG), meinte zwar, man könne nicht bei jedem Projekt die Klimaeffizienz prüfen, er sehe aber die Notwendigkeit, als Gemeinnütziger einen Beitrag zu leisten. Im Burgenland hat die Genossenschaft schon 62 kleine Biomasse-Hackschnitzelheizungen errichtet, zehn weitere seien in Bau. Auch Solarenergie komme im Südburgenland bei Passiv- und Mehrgeschoßbauten zum Einsatz, zudem teste man ein Pufferspeichermodell, die Evaluierung folgt im Sommer. Kollar verwies auch auf die rege Nachnutzungsaktivität der OSG, die aus leerstehenden Gebäuden wie Gasthäusern und Schulen neuen Wohn- und Arbeitsraum schafft. (adem, 27.2.2019)

    • Wenn Verbraucher zu Ökostromerzeugern werden, könnte das eine Revolution am Strommarkt bedeuten und Österreich den Klimazielen näherbringen.
      foto: reuters/kimberly white

      Wenn Verbraucher zu Ökostromerzeugern werden, könnte das eine Revolution am Strommarkt bedeuten und Österreich den Klimazielen näherbringen.

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