CO2-Strategie: Vier Wände und ein Klimaziel

    27. Februar 2019, 14:55
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    Damit Österreich seine Klimaziele erreichen kann, sind Wohnwirtschaft und Politik massiv zu Taten aufgerufen. Die Ideen und Grenzen der Planer und Praktiker.

    In wenigen Wochen wird sich zeigen, ob die Quecksilbersäule heuer wieder bereits im April 30 Grad zeigen wird. Urbane Hitzeinseln ließen im Vorjahr die Google-Suchanfragen für "Klimaanlage" in die Höhe schnellen und Zu-spät-Entschlossene mit 29 Grad im Wohnraum zurück. Dass etwas für den Klimaschutz getan werden muss, leugnet so schnell niemand mehr. Österreich hat sich dazu verpflichtet, seinen Treibhausgasausstoß bis 2020 im Vergleich zu 2005 um 16 Prozent und bis 2030 um 36 Prozent zu reduzieren. Nachhaltigkeitsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) setzt dabei weiter auf Anreize statt Verbote oder Steuern.

    Damit Österreich seine Ziele auch erreichen kann, sind neben dem Sorgenkind Mobilität auch die Wohnwirtschaft und -politik massiv gefordert. Den dabei entstehenden Schwierigkeiten, innovativen Technologien und Strategien zur Anpassung an den Klimawandel widmete sich vergangene Woche das 63. STANDARD-Wohnsymposium in den Räumlichkeiten der Sky Conference der Raiffeisen Bank International in Wien. Bei der vom Fachmagazin Wohnen Plus mitorganisierten Veranstaltung dachten Branchenkenner und gemeinnützige Wohnbauträger darüber nach, den "ökologischen Fußabdruck" weiter zu verkleinern, stellten aber auch Forderungen an die Politik.

    karikatur: oliver schopf

    Kritik an der Regierung

    Der Klimaexperte und Ökonom Stefan Schleicher vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel in Graz kritisierte die Energie- und Klimastrategie der Regierung als wenig ambitioniert: Man habe "bewusst Grenzen gesetzt". Was in den Regierungsdokumenten drinstehe, sei "in jedem Fall ungeeignet". Er verwies auf das darin angepriesene PV-Anlagen-Projekt auf 100.000 heimischen Dächern, das zu den rund 70 Terawattstunden Strom, den Österreich jährlich verbraucht, "maximal 0,5 bis 0,6" beitragen würde. "Wo sollen all die Dächer herkommen, um die Energiezahlen zu schaffen?", fragte er.

    Immer wieder war auf der Veranstaltung die Rede davon, dass der Anteil des Gebäudesektors an den heimischen Treibhausgasemissionen nur zehn Prozent ausmache. Der Gebäudesektor hätte seine Aufgaben in Sachen Klimaschutz demnach bereits sehr gut erledigt. In Relation zum Verkehr stimmt das auch. Allerdings muss man auch bedenken, dass die Einteilung der einzelnen Sektoren laut Klimaschutzgesetz dazu führt, dass ein Teil der Emissionen, die in Gebäuden anfallen bzw. Gebäuden zuzurechnen sind, im Sektor Energie und Industrie und nicht im Sektor Gebäude bilanziert werden. Es sind dies vor allem Strom und Fernwärme. Die verringerten ausgewiesenen Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor sind daher zum Teil der Art der Bilanzierung geschuldet und zu einem Teil nicht absolut gesunken, sondern noch vorhanden – darauf wies die Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik (Ögut) hin.

    Gesetze und Leistbarkeit

    Einer der anwesenden Wohnbauchefs, der mit dem Österreichischen Siedlungswerk (ÖSW) seit Jahren die Nutzung der Sonnenenergie im geförderten Wohnbau pionierhaft vorantreibt, Michael Pech, zeigte sich erfreut über die kleine Ökostromnovelle, die seit vergangenem Jahr in Kraft ist. Sie macht es möglich, den am Dach erzeugten Ökostrom an die Mieter im mehrgeschoßigen Wohnhaus weiterzugeben. Vorher war dies nur für Gemeinschaftseinrichtungen zulässig. Pech ging aber noch einen Schritt weiter und forderte die Politik zu weiteren legistischen Änderungen auf: "Gut wäre, wenn die Gemeinnützigen den auf den Dächern erzeugten Solarstrom nicht nur in den eigenen Bauten verwenden, sondern auch an Dritte verkaufen könnten", so der Aufsichtsratschef im Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen (GBV). "Wir sollten mit den Stromunternehmen Partnerschaften im Stromhandel eingehen können. Ich bin optimistisch, dass uns das ermöglicht wird", so Pech weiter.

    Nicht nur auf die Möglichkeiten, sondern auch auf die Grenzen des Klimaschutzes im Wohnbausektor ging Alfred Kollar von der Oberwarter Siedlungsgenossenschaft (OSG) und Obmann des GBV Burgenland ein: "Die Leistbarkeit der Wohnungen steht bei uns an erster Stelle." Die Kosten seien auch in den kleinen Strukturen im Burgenland gestiegen, und man könne nicht bei jedem kleinen Projekt wissenschaftliche Studien zu den Effekten fürs Klima anstellen.

    Eine Lanze für das ökologische Engagement im geförderten Wohnbau brachen zuletzt die beiden Politiker auf dem Podium. Der Innsbrucker Bürgermeister Georg Willi (Grüne) betonte, dass die Tiroler Gemeinnützigen trotz strenger Kostendeckel mit PassivhausStandard, Gebäudebegrünung und dem Fünf-Euro-Wohnen (pro Quadratmeter, inklusive Betriebskosten) für den Klimaschutz am meisten weiterbringen würden. Auch der niederösterreichische Wohnbaulandesrat Martin Eichtinger (ÖVP) kündigte an, die Begrünung im Wohnbau vorantreiben zu wollen. (Marietta Adenberger, 27.2.2019)

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