Der Stoff, aus dem das Wissen ist

    2. März 2019, 15:00
    2 Postings

    Jeden Augenblick kommen zu den ohnehin überbordenden Mengen digitaler Information neue Daten dazu. Wie kann daraus Wissen gemacht werden und was kann dabei schieflaufen?

    Data Loam – das klingt nach der nicht ganz ernst gemeinten Kooperation zwischen einem IT-Start-up mit der benachbarten Töpferwerkstatt. Tatsächlich beschreibt die Mesalliance dieser in zwei sehr unterschiedlichen Sphären beheimateten Begriffe eine Ausstellung über die Zukunft von Wissenssystemen.

    Co-Kurator und Initiator des zugrundeliegenden Forschungsprojekts Martin Reinhart erklärt: "Der uralte Baustoff Lehm ist im Rohzustand weich, gebrannt aber fast unzerstörbar. Er ist damit ein optimales Sinnbild für den Übergang von Daten zu Wissen." Die gigantischen Mengen an digitalen Daten, die seit Jahrzehnten produziert werden, sind der weiche Rohstoff, aus dem sich Wissen verdichten kann.

    "Und wir Künstler sind es gewohnt, mit Materie zu spielen – warum also nicht auch mit diesem Datenlehm?", meint Reinhart, der Regisseur und Filmtechniker ist. Die Ergebnisse dieses Spiels mit dem wachsenden Datenberg aus formbarem Lehm ist eine Schau über die "Stofflichkeit von Information", die eine Reihe brisanter Fragen über unseren Umgang mit Daten aufwirft.

    Ab 26. Februar ist dieses von Virgil Widrich geleitete künstlerisch-wissenschaftliche Kooperationsprojekt der Universität für angewandte Kunst Wien mit dem Royal College of Art in London und dem Wiener Institute for Arts and Technology (RIAT) zwei Wochen lang im Innovation Laboratory der Angewandten zu sehen.

    Interessanterweise bedienen sich die Künstler in ihrer Auseinandersetzung mit dem technischen Thema der Wissenssysteme meist traditioneller Ausdrucksformen. "Was die sehr unterschiedlichen künstlerischen Positionen verbindet, ist das Ringen um Ordnung und Zuordnung", erklärt Martin Reinhart. "Was lässt sich beschreiben, wie lässt es sich beschreiben, und wie verändert die Beschreibung das Wesen des Beschriebenen?"

    Auflösende Gesichtszüge

    In der Installation der Künstlerin Laura Stoll etwa lösen sich vier ungebrannte Tonabgüsse eines menschlichen Gesichts unter der Einwirkung des sprichwörtlichen steten Tropfens langsam auf. Das, woraus sich Identität hier zusammensetzt, wird sich bis zum Ausstellungsende in sein Ausgangsmaterial zurückverwandelt haben.

    Welche Spur diese sich auflösende Identität des Einzelnen im unüberschaubaren, sich verändernden und immer weiterwachsenden Ozean der Daten hinterlassen wird, bleibt offen. "Was die Kunst hervorbringt, ist oft widersprüchlich, vieldeutig oder kontextabhängig und entzieht sich dadurch den vorgegebenen Kategorisierungen", weiß Reinhart. "Deshalb kann sie auch als Ideenlabor für ein erträumtes, zukünftiges Wissenssystem genutzt werden, das ohne die rigide Ordnung von Bibliotheken und Datenbanken auskommt."

    Wie man eine "rigide Ordnung" durch nichthierarchische Ordnungssysteme ersetzen kann, wird im Forschungsteil des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten PEEK-Projekts mithilfe von Algorithmen erkundet. Dabei sollen Daten nicht mehr wie bisher in bestehende Kategorien unterteilt werden, sondern sich programmgesteuert selbst ihren optimalen Platz in einer mehrdimensionalen Wissensmatrix suchen.

    So kann sich das gesammelte Wissen laufend selbst organisieren. Das sei deshalb wichtig, weil jede neu hinzukommende Information die bisherige Ordnung des Systems verändert und sich viele Informationen zudem nicht eindeutig zuordnen lassen und damit in keiner Kategorie zu finden sind, also verlorengehen.

    Wer aber hat das Recht und die Macht zu entscheiden, ob und wie Informationen dargestellt werden? Zurzeit liegt zumindest die Macht zu einem großen Teil bei Google, das bereits über eine Milliarde Menschen für ihre Informationssuche nutzen. Dystopische Visionen von einer Welt, in der Wahrheit und Manipulation ununterscheidbar ineinanderfließen, sind hier nicht weit.

    "Das neue Ordnungssystem, an dem wir arbeiten, kann komplexe Bedeutungszusammenhänge abbilden und uns vom Korsett bestehender Hierarchien befreien", sagt Martin Reinhart. "Die mathematischen Grundlagen dieser Selbstorganisation beruhen zum Teil auf dem physikalischen Verhalten von Materie." Womit wir wieder beim Datenlehm wären. Der Prototyp eines solchen offenen und flexiblen Ordnungssystems ist bei der Ausstellung übrigens zu sehen. "Die Besucher können auf einem Monitor beobachten, wie sich die einzelnen Partikel des Systems selbst in eine optimale Ordnung bringen."

    Physikalische Gleichungen

    Dabei sieht man, welche Partikel einem anderen besonders nahe oder fern sind, wie groß also die Anziehungskraft zwischen den beiden Bedeutungsfeldern ist. "Die Basis dieser Bezüge sind physikalische Gleichungen", so der Künstler und IT-Experte. "Der Austausch mit den Londoner Kollegen vom Royal College of Art hat gezeigt, dass deren philosophische Überlegungen unseren mathematischen Modellen überraschend nahe kommen."

    Ein ganzer Ausstellungsraum wird den Möglichkeiten der Blockchain-Technologie gewidmet. "Mit dieser Technologie können Änderungen sozusagen in den Text eingeschrieben werden", erläutert Reinhart. "Damit ist immer nachvollziehbar, wer wann welche Änderung daran vorgenommen hat."

    Das wichtigste Ausstellungsstück aber sei die Ausstellung selbst. Denn erst langsam werde dem Besucher klar, dass die kleinen Displays, die statt der üblichen Objektbeschriftungen angebracht sind, permanent ihren Inhalt ändern. "Man kann nie sicher sein, welcher Wahrheit sie entsprechen."

    Eine Verunsicherungsstrategie, mit der die Kuratoren ihre gewöhnlich nicht hinterfragte Deutungshoheit abgeben und den einzelnen Besucher sowie die Kunstwerke selbst zur letzten Instanz machen. "In diesem Ansatz zeigt sich letztlich die Hoffnung auf jenes Wissenssystem der Zukunft, an dem wir arbeiten", so Reinhart. "Es soll leiten, aber nicht bevormunden. Ordnen, aber ohne Hierarchien zu schaffen." (Doris Griesser, 2.3.2019)


    Data Loam. Sometimes Hard, Usually Soft. Über die Zukunft der Wissenssysteme und die Stofflichkeit von Information.
    26. Februar bis 8. März
    im Angewandte Innovation Laboratory.
    Franz-Josefs-Kai 3
    1010 Wien

    • Die Installation "tx-mirror" ist ein Spiegel mit Kamera: Man kann sich selbst betrachten und die Gesetze eines Universums erforschen, in dem Zeit und Raum vertauscht sind.
      foto: angewandte

      Die Installation "tx-mirror" ist ein Spiegel mit Kamera: Man kann sich selbst betrachten und die Gesetze eines Universums erforschen, in dem Zeit und Raum vertauscht sind.

    • In den "Surveillance Studies" untersucht Julian Palacz mit Hilfe eines Algorithmus bewegte Objekte auf Videos von Überwachungskameras und illustriert die Daten mit schwarzen Linien auf Transparentpapier.
      foto: angewandte

      In den "Surveillance Studies" untersucht Julian Palacz mit Hilfe eines Algorithmus bewegte Objekte auf Videos von Überwachungskameras und illustriert die Daten mit schwarzen Linien auf Transparentpapier.

    Share if you care.