Das "ungute Gefühl" beim Rechtsabbiegen: Lkw-Fahrer erzählen

    26. Februar 2019, 07:40
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    Sie sind 80.000 im Land, und sie stehen nach dem Tod eines Neunjährigen besonders im Fokus: Lkw-Fahrer. DER STANDARD hat mit drei von ihnen geredet

    Na sicher, sagt Sascha, wäre der Lkw-Abbiegeassistent eine große Hilfe. Denn er habe stets ein "ungutes Gefühl", wenn er im Stadtgebiet rechts abbiegen muss. "Ich versuche immer, das im Schritttempo zu machen. Aber wenn du einen Stress hast, geht das nicht jedes Mal." Auch die Rushhour, in der Früh von sechs bis neun und nachmittags von drei bis sechs, sei eine Herausforderung. "Da ist so viel los. Es kann immer sein, dass ein Radfahrer rechts an dir vorbeifetzt."

    Sascha, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung stehen haben will, ist seit etwa 15 Jahren haupt- oder nebenberuflich als Lkw-Fahrer tätig. Mal europaweit, aber auch mal ausschließlich auf Österreichs Straßen. Derzeit fährt der Mittdreißiger vor allem im Großraum Wien und hat gelegentlich Aufträge in die Bundesländer oder nach Deutschland.

    Lkw aus dem "Jahre Schnee"

    Den Tod des Neunjährigen, der in Wien-Landstraße im toten Winkel von einem abbiegenden Lkw erfasst wurde, hat Sascha mitbekommen. Genauso die darauffolgenden Diskussionen über einen verpflichtenden Lkw-Abbiegeassistenten. "Zum Glück", sagt er, sei er nie in so eine Situation verwickelt gewesen. Auch wenn ihm eine Abbiegehilfe in seinen 15 Jahren nicht untergekommen ist. Sein aktueller Lkw, sagt Sascha, ist aus dem "Jahre Schnee". Aber derzeit hat er keinen großen Zeitdruck. "Bei einem früheren Job war das anders. Da hat schon mal der Disponent fünfmal in der Stunde angerufen und gefragt, wo ich bin."

    Zeitdruck, das belegt der jüngste Österreichische Arbeitsklimaindex, ist eine Belastung, der Kraftfahrer überdurchschnittlich ausgesetzt sind. 33 Prozent der Befragten gaben an, darunter zu leiden. In anderen Berufen waren es 21 Prozent. Auch Karl Delfs von der Gewerkschaft Vida sagt, dass das ein generelles Problem sei bei den etwa 80.000 Berufskraftfahrern im Land. Schließlich gilt es, die vorgeschriebenen Ruhezeiten einzuhalten.

    "Kein Thema bei den Kollegen"

    Vom Neunjährigen oder dem Lkw-Sicherheitsgipfel vergangene Woche hat Mustafa Inanç nichts mitbekommen, es sei "auch kein Thema bei den Kollegen". Es ist elf Uhr an einem Wochentag. Inanç, geschätzt Mitte 30, hat seine dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Soeben hat er seinen Lastzug ohne Probleme rückwärts eingeparkt. Nun wartet er, an einem Red Bull nippend, an der Rückseite eines Wiener Supermarkts darauf, dass er abgefertigt wird und nach Hause darf.

    Seit 2005 arbeitet er als Lkw-Fahrer, für die Supermarktkette ist er seit sieben Monaten tätig. Um vier Uhr früh geht es bei ihm los. Drei Filialen beliefert er, zu Mittag ist er fertig. Zeitdruck hat er nicht, er wirkt auch alles andere als gehetzt. Dafür muss er die ganze Zeit durch die Stadt fahren. Ein Problem? Inanç zuckt mit den Schultern: "Ist halt so."

    Mit dem neuen Job fährt Inanç nun einen neueren Lkw, Baujahr 2013. Der ist am hinteren Ende des Anhängers mit Kameras und vorn am Lastzug mit Bewegungssensoren ausgestattet. In früheren Jobs gab es das nicht – Unfälle hatte er keine. "Da hab ich halt in den Spiegel geschaut, das reicht", sagt er.

    Sechs Spiegel Pflicht

    Sechs Spiegel sind gesetzlich vorgeschrieben, ein toter Winkel lässt sich trotzdem nicht ganz vermeiden. Die rund 300 Lastwagen der Wiener Müllabfuhr sind noch mit einem zusätzlichen ausgerüstet. Auch finden sich standardmäßig zwei Bildschirme in der Fahrerkabine. Sie geben den Blick hinter das Müllauto frei. Sie sollen auch den Trittbrettfahrern Sicherheit geben.

    "Ich sehe rund um das Auto", sagt Goran Petrovic, der seit 15 Jahren für die MA 48 fährt. "Ich hatte zum Glück noch nie eine Gefahrensituation", erzählt er und demonstriert seine gute Sicht, indem er auf wenige Zentimeter an einen Zaun heranfährt. Auch das Einbiegen in schmale Gassen ist kein Problem, er schiebt schnell zurück und schlägt noch einmal ein.

    Da die 48er meist nicht allein fahren, kommt ein zusätzliches Augenpaar dazu, das Gefahrensituationen überblicken kann. Und: Die Müllabfuhr eilt nicht durch die Stadt, sondern hält alle paar Meter. Bei Dienstantritt um spätestens sechs Uhr morgens sind die Straßen auch noch wenig befahren. Einen Abbiegeassistenten sieht Petrovic trotzdem positiv. "Zusätzlich ist das sicher gut. Aber er muss halt auch funktionieren", sagt er. Derzeit testet die MA 48 verschiedene Typen, keiner ist für die Orangen optimal.

    Beifahrer statt Abbiegeassistent

    Mit technischen Unzulänglichkeiten hatte FPÖ-Verkehrsminister Norbert Hofer nach dem von ihm einberufenen Sicherheitsgipfels auch begründet, dass keine Verpflichtung für einen Abbiegeassistenten kommen werde. Karl Delfs von Vida war beim Gipfel dabei. Bis die Technik bereit sei, schlägt er vor, dass im Stadtgebiet Beifahrer mitzufahren haben, die den toten Winkel überblicken.

    Auch für die SPÖ ist die Sache noch nicht durch. Am Mittwoch will sie im Nationalrat in der Aktuellen Stunde Antworten von Hofer zum Thema Verkehrssicherheit erhalten. Der Titel: "Tun Sie alles für die Sicherheit unserer Kinder im Straßenverkehr, Herr Minister?!" (Kim Son Hoang, Oona Kroisleitner, 26.2.2019)

    • 80.000 Berufskraftfahrer gibt es in Österreich.  Viele von ihnen leiden unter Zeitdruck.
      foto: imago/blickwinkel

      80.000 Berufskraftfahrer gibt es in Österreich. Viele von ihnen leiden unter Zeitdruck.

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