Remain in Light #5: Schlüpfriges von Nancy & Lee

    Blog26. Februar 2019, 12:00
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    Die Schöne und, na ja, der Typ mit der Rotzbremse: Diese Paarung bescherte der Popmusik Ende der 1960er-Jahre einen vergleichslosen Evergreen

    Mit 30 Jahren ging er in Pension. Zum ersten Mal. Er hatte mehr Geld verdient, als er zählen konnte; wenn er sich nicht ganz blöd anstellen würde, hätte er den Rest seines Lebens Whiskey trinken und der Sonne beim Untergehen zuschauen können. Aber es kam anders.

    Zwar hatte Lee Hazlewood als Produzent von Sanford Clark und Duane Eddy in den 1950ern Millionen verdient, gegen den eigenen Ehrgeiz war aber kein Kraut gewachsen. Blöde Sache. Also begann er Anfang der 1960er so etwas wie eine Solokarriere. 1963 erschien Trouble Is a Lonesome Town.

    Schräge Stories, schräge Vögel

    Das ist ein tolles Country-Album, dessen Geschichten in einer fiktiven Stadt namens Trouble angesiedelt sind. Tatsächlich beginnt Hazlewood jeden Song mit einer kleinen Erzählung: schräge Storys über schräge Vögel, die in Trouble solchen anzetteln oder kriegen. Diese fiktiven Typen hatte er sich früher schon ausgedacht, als der 1929 in Mannford, Oklahoma, Geborene noch Radio-DJ in Phoenix war.

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    Von Lee Hazlewoods Solodebüt 1963: Run Boy Run.

    Seine Solokarriere fand eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, andererseits blieb man nicht ganz unentdeckt, wenn man als Hitproduzent plötzlich selbst Platten veröffentlichte. Damit verließ er seine angestammte Rolle: der Mann im Schatten zu sein. Und dann passierte noch das mit Nancy.

    So einem Mann widerspricht man nicht

    Der Legende nach bat Frank Sinatra Hazlewood zu sich und legte ihm nahe, seine Tochter zu produzieren. So einem Mann widerspricht man nicht, soll Hazlewood sich gedacht haben. Nancys Karriere dümpelte vor sich hin, Hazlewood sollte das ändern, das hat er getan.

    1966 erschien ihr Album Boots. Das bot mit Hazlewoods These Boots Are Made for Walkin' einen Smash-Hit, Nancy wurde ein Superstar. These Boots Are Made for Walkin' war die nächste Alterssicherung für Hazlewood. Ein Welthit, hunderte Male gecovert, in Filmen im Einsatz, in der Werbung, überall. Geschrieben hat er ihn in wenigen Minuten in einem Diner, in dem ein Mann über seine Alte schimpfte und sagte: "One day these boots are gonna walk all over her." Das war's.

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    So geht Welthit: These Boots Are Made for Walkin'.

    Zwei Jahre später ließ sich Hazlewood zu einer Duettplatte hinreißen: Nancy & Lee. Es wurde ein Klassiker der späten Sixties und schlägt verwandte Projekte wie Sonny & Cher um Längen.

    Schweinigeln und Unschuld

    Der Stratege Hazlewood überzeichnete dafür eine von der Realität unterstützte Rollenverteilung: die Schöne und das Biest. Nancy als blonde Barbie und Lee als, nun ja, der Mann mit der Rotzbremse. Hazlewood gab mit seinem Bariton den verschwörerischen und schweinigelnden Erzähler, Sinatra hielt mit der hellen Stimme reinster Unschuld dagegen.

    Die Musik war eine zeitgeistige Mischung aus Folk mit Country-Einflüssen. Zwar eröffnet das Album mit der waidwunden Die-Liebe-wird-weniger-Ballade You've Lost that Lovin' Feelin', der große Rest verströmt aber eine fröhliche Frühlingsstimmung — allerdings unterbrochen von seltsamen Songs wie Some Velvet Morning. Sie verleihen dem Album eine nachgerade mythische Aura im Sinne von: Worüber singen die da eigentlich?

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    Wenn die Liebe langsam ausrinnt: You've Lost that Lovin' Feelin'.

    Das Thema von Some Velvet Morning wurzelt wohl in der damaligen Zeit der sexuellen Revolution. Doch nicht explizit, wie man heute sagt, sondern verklausuliert.

    Blümchen am Hügel

    Es ist eine erotisch aufgeladene Ballade, die nach dem fröhlich hüpfenden Let's-get-married-Song Jackson in die Schlüpfrigkeit abbiegt. Hazlewood stellt Nancy mit "I'm gonna open up her gate" ein vage umrissenes Ereignis in Aussicht, sie singt treuherzig von den Blümchen am Hügel. Man ahnt, dass das mit der Unschuld bald ein Ende haben wird. Diese Rolle brachte Nancy die Unterstellung ein, sie habe oft gar nicht gewusst, was Hazlewood sie da singen lässt.

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    Eines samtenen Morgens wird es passieren ... Some Velvet Morning.

    Einen großen Teil seiner Klasse bezieht das Album aus der Produktion. Hazlewood war neben Phil Spector und Jack Nitzsche einer der großen Innovatoren seiner Zeit. Duane Eddy ließ er seine Gitarre in einem leeren Getreidesilo aufnehmen, um den notwendigen Hall für dessen Twang zu bekommen. Seine Produktionen räumen der Stille so viel Platz ein, dass der Rest besonders wirken kann.

    Hof halten in Berlin

    Zudem verleiht die Wechseldynamik der Stimmen den Songs ihre Magie: Summer Wine, alleine gesungen? Das wäre nur der halbe Song. Jackson nicht im Duett? Vergiss es.

    Ich habe Hazlewood 2002 in Berlin interviewt. Das war weniger ein formelles Interview, Lee hat richtig Hof gehalten, das Interesse an ihm genossen und die uns zugedachte Gesprächszeit weit überzogen. Er hat Marlboro geraucht und Cola getrunken — ohne Jack. Er erwies sich als die Anekdotenschleuder, die ich erhofft hatte. Er sagte damals, dass der Erfolg von Nancy & Lee mehr Fluch als Segen gewesen sei. Plötzlich habe man ihn auf der Straße erkannt, ein Albtraum.

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    Das Lied vom Summer Wine – ein Klassiker von vielen.

    Da schwang sicher eine gewisse Koketterie mit, dennoch ging er bald darauf nach Schweden, wo er gewissermaßen in der Obskurität verschwand. Er veröffentlichte einige Platten, dann passierte lange nichts.

    Junkie-Ballade

    Doch die zeitlose Klasse von Nancy & Lee sorgte anhaltend für Interesse an Hazlewood. Zunehmend auch an seinem weniger kommerziell erfolgreichen Solowerk. Immerhin hat er bis Ende der 1970er 20 Alben veröffentlicht. In den 1980ern interpretierte der vom Hazlewood-Virus infizierte Rowland S. Howard mit Lydia Lunch als Downtown-Schlampe Some Velvet Morning als kranke Junkie-Ballade.

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    Sand. Noch so ein mysteriöser Song.

    Zu originell waren Hazlewoods Songs, um nicht immer wieder entdeckt zu werden. Sein schwarzer Humor – "I've been down so long (it looks like up to me)" – konvenierte mit jenem von Gestalten wie Nick Cave oder Blixa Bargeld, der mit den Neubauten das ebenfalls von Nancy & Lee stammende Sand coverte. Ansonsten liefen diese Songs damals längst in den Evergreens-Sendern.

    Verschlafenen Faulheit

    An die Originale kam nichts heran. Die verschlafene Faulheit von Songs wie Sundown (hat Kim Salmon gecovert), das verliebte Elusive Dreams, das verknallte Lady Bird — das kann man vielleicht nachbauen, aber nicht nachempfinden.

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    "Lady Bird I'll treat you good."

    Drei Jahre später legten die beiden mit Nancy & Lee Again nach, an die Klasse des Debüts reichte das nicht heran, Charme besitzt es dennoch. Nicht nur, wenn sich die beiden im Song Got It Together gegenseitig versichern, dass sie brav waren. Am Ende fragt Lee: "Nancy?" Sie: "Hmmm?" Er: "Are we through?" Nancy: "Mhm." Lee: "Can I go back to Sweden now?" So ungefähr. Dann hört man eilige Schritte — und Lee ist aus der Tür.

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    Das finale Stück von Nancy & Lee Again. Danach bog Lee ab, zurück nach Schweden.

    Der Vollständigkeit halber muss man erwähnen, dass 2004 Nancy & Lee 3 erschien, mehr muss darüber aber nicht gesagt werden. (Karl Fluch, 26.2.2019)

    • Nancy Sinatra als Barbie, Lee Hazlewood als Mann mit Erfahrung. Verführung, Drama, und eine Autofahrt runter nach Jackson ergeben einen Klassiker der Sixties.
      foto: reprise

      Nancy Sinatra als Barbie, Lee Hazlewood als Mann mit Erfahrung. Verführung, Drama, und eine Autofahrt runter nach Jackson ergeben einen Klassiker der Sixties.

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