Die Falthandys sind da – doch was macht eigentlich Apple?

    25. Februar 2019, 11:48
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    Vier der fünf größten Smartphone-Firmen sind bereits im Rennen, aus Cupertino ist frühestens 2020 mit einem Gerät zu rechnen

    Im April kommt Samsungs Galaxy Fold in den USA auf den Markt, im Mai wird das Falthandy auch bei uns erhältlich sein. Und bald darauf wird man mit dem Mate X auch eine Alternative von Huawei erwerben können. Billig sind die ersten Geräte dieser Art nicht, zumindest 2.000 Euro werden sie kosten.

    Weitere Falthandys zeichnen sich bereits am Horizont ab. Xiaomi werkt an einem doppelt faltbaren Gerät, und auch bei Oppo hat man die Prototypphase erreicht. Von den fünf erfolgreichsten Smartphone-Herstellern des vergangenen Jahres haben sich damit schon vier in das "Foldable"-Rennen eingeklinkt. Ein prominenter Name fehlt allerdings: Apple.

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    Das Mate X wird Huaweis erstes Falthandy und soll zur Jahresmitte erscheinen.

    Kein Falt-iPhone vor 2020

    An Gerüchten über Apples Pläne mangelt es eigentlich nicht. Bald wird die Vorstellung eines eigenen Videostreaming-Service erwartet. Dazu soll der Konzern auch an einer VR-Brille arbeiten. Beim nächsten iPhone, so wird gemunkelt, wird die Hauptkamera mit drei Fotosensoren ausgerüstet sein.

    Weit und breit nichts zu hören ist allerdings von einem neuen Formfaktor für die nächste eigene Handygeneration. Bekannt ist lediglich, dass Apple über Patente für etwaige Falthandys verfügt. Laut nicht näher genannten Quellen aus Asien ist frühestens 2020 mit einem biegsamen iPhone zu rechnen, wahrscheinlich ist aber ein späterer Release. Derweil tüfteln Fans eifrig an Visualisierungen ihrer Vorstellung eines solchen Handys.

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    Ein Fankonzept für ein faltbares iPhone.

    Auch 5G-iPhone lässt auf sich warten

    Ein Zugang, der bei Investoren möglicherweise nicht für viel Freude sorgen wird, zumal Apples Aktie seit ihrem Höchststand im vergangen Oktober um 25 Prozent nachgegeben hat. Goldman Sachs bezeichnet Samsungs Galaxy Fold bereits als "potenziell größten Herausforderer im Ultra-High-End-Segment". Angesichts des meist recht umfassenden Standes inoffizieller Informationen ist im September auch nicht mit einer Überraschung in diesem Hinblick zu rechnen.

    Auch in anderer Hinsicht plant Apple offenbar nicht, der Konkurrenz direkt auf den Fersen zu bleiben. Diverse Hersteller preschen noch heuer mit 5G-Handys auf den Markt. Auch hier wird es bei Apple wohl frühestens im nächsten Jahr so weit sein, was aber auch daran liegen dürfte, dass Modemzulieferer Intel noch Zeit braucht, um sein Verbindungsmodul für Mobilgeräte fertigzustellen.

    Notorische Verspätung

    Dass Apple sich bei 5G und Falthandys nicht in die Riege der Pioniere einreiht, darf allerdings nicht überraschen, wie ein Blick auf die Geschichte des iPhones zeigt. Denn bei vielen Neuerungen hat sich der Hersteller in der Vergangenheit Zeit gelassen. Als sich bei der Konkurrenz längst eine Diagonale von fünf Zoll für die Displays ihrer Spitzenhandys durchgesetzt hatte, hielt Apple noch an 3,5 Zoll fest. Erst 2014 zog man mit dem iPhone 6 nach, dessen kleineres Modell einen 4,7-Zoll-Bildschirm hatte. Mit dem iPhone X von 2018 setzte man den nächsten Schritt auf 5,8 Zoll.

    Ähnliches lässt sich bei der Kameraausstattung beobachten. Als Apple 2016 mit dem iPhone 7 Plus sein erstes Smartphone mit Dualkamera zeigte, hatte so mancher Konkurrent dieses Feature bereits in die Mittelklasse gebracht. Sollte sich heuer beim Nachfolger des iPhone XS ein dritter Fotosensor hinzugesellen, dann liegt man damit anderthalb Jahre hinter Huaweis P20 Pro, das damit schon im Frühjahr 2018 aufwarten konnte.

    Für Apple ist diese Verspätung aber tatsächlich nicht neu. Dass man selbst ein neues Feature etabliert, ist mehr Ausnahme denn Regelfall. Vorne dabei war man etwa beim Fingerabdruckscanner mit Touch-ID am iPhone 5S. Das war zwar nicht das erste Handy mit einer solchen Funktion, sorgte aber dafür, dass das Feature es schnell in den Massenmarkt schaffte. Zum Trendsetter – in den Augen einiger Nutzer nicht unbedingt im positiven Sinne – wurde man auch mit der Abschaffung der Audioklinke beim iPhone 7.

    Apple schaut zu und lernt

    Was Apple schon länger nicht mehr macht, ist, Geräte zu verkaufen, die man eigentlich noch als Prototyp betrachten müsste. Gerade für die ersten Falthandys am Markt ist aber genau das zu erwarten. Selbst wenn Samsungs Galaxy Fold bei der Präsentation bereits recht weit fortgeschritten wirkte, ist mit Kinderkrankheiten zu rechnen.

    Zu erwarten sind ergonomische Defizite, aber auch Probleme mit manchen Apps, die auf dem neuartigen Display nicht so funktionieren wie erhofft. Ebenso muss sich noch zeigen, wie gut der Bildschirm und das Scharnier sich bei längerer Verwendung tatsächlich halten. Die erste Generation ist für die Hersteller auch ein "Feldtest" für die Technologie, der natürlich auch von Tim Cook und Co genau beobachtet wird.

    Schlechte Erfahrungen

    Ein Spielraum, den Apple für Geräte, die man auf den Markt bringt, nicht lässt. Denn in der Vergangenheit kamen solche Fehler das Unternehmen bereits teuer zu stehen. Ein Beispiel wäre die Spielekonsole Pippin, die einst 1996 mit Segas Saturn und der ersten Sony Playstation konkurrieren sollte. Das Gerät wurde allerdings von erheblichen technischen Defiziten geplagt, fand daher auch kaum Anklang bei Spielepublishern und wurde ein Jahr später wieder vom Markt genommen.

    Bis heute gilt sie als einer der größten Flops der IT-Geschichte. Überhaupt haftete Apple Mitte der 90er der Ruf an, technisch schwache Geräte für einen zu hohen Preis zu verkaufen.

    "Rezeptfirma" statt Pionier

    Die Strategie, die Apple seit der Jahrtausendwende fährt, lässt sich gut als "Rezeptfirma" beschreiben. Man beschäftigt sich und experimentiert mit neuen Features, lässt aber gerne anderen Unternehmen den Vortritt, wenn es darum geht, sie am Markt zu erproben. Erst wenn die Technologien einen Reifegrad erreicht haben, der eine massentaugliche – sprich: benutzerfreundliche und mit wenigen Kompromissen behaftete – Umsetzung ermöglicht, implementiert man sie in ein fertiges Produkt.

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    Die Vorzeigebeispiele für den Erfolg dieses Zugangs sind bis heute der iPod und das iPhone. Der iPod war längst nicht der erste MP3-Player am Markt, verband aber ein gelungenes Bedienkonzept mit der Nachfrage nach großer Speicherbestückung. Das iPhone wiederum kombinierte ein kapazitives Touchdisplay mit einer für Fingerbedienung optimierten Oberfläche und schickte damit den zuvor bei Smartphones fast unverzichtbaren Eingabestift de facto auf das Abstellgleis.

    Dass man daher so schnell kein Falthandy aus Cupertino bekommen wird, ist eine logische Folge. Und egal was man von Apples blumigem Marketing und der gewagten Preissetzung hält, man darf davon ausgehen, dass das erste faltbare iPhone ein sehr ausgereiftes Produkt sein wird, dessen biegsamer Bildschirm mehr ist als ein bloßer Hingucker. (gpi, 25.2.2019)

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