Die Gewinner der Oscar-Nacht 2019: Revolution abgesagt, Hoffnung intakt

    25. Februar 2019, 08:26
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    Die 91. Oscargala sollte ein neues Selbstbild Hollywood präsentieren. Der Hauptpreis für das Buddy-Movie "Green Book" konterkarierte am Ende diesen Eindruck

    "Ich bin ziemlich unglücklich. Jedes Mal, wenn irgendjemand einen anderen herumkutschiert, verliere ich." Spike Lee, Regisseur von BlacKkKlansman, nahm es mit bitterem Humor, dass am Ende nicht seine politische Satire, sondern Green Book als bester Film ausgezeichnet wurde. Nach der Gala erinnerte er sich in einem Interview an 1990 zurück, als die Schmonzette Driving Miss Daisy der große Gewinner war, während sein furioser Film Do the Right Thing nicht einmal zu den Nominierten in der Königsdisziplin vorgestoßen war.

    Peter Farrellys Green Book wurde am Ende zum Überraschungssieger der 91. Oscar-Verleihung. Als altmodisches Buddy-Movie erzählt der Film davon, wie der schwarze Musiker Don Shirley mit seinem italoamerikanischen Chauffeur Tony Lip auf eine Reise in die rassistischen Südstaaten des Jahres 1962 aufbricht. Nicht wenige Kritiker hat der Gestus des Films an Driving Miss Daisy erinnert. Die Identifikationsfigur, über die der Brückenschlag über gesellschaftliche Gräben geschieht, bliebe eindeutig die weiße, die Konstruktion eine weitgehend sentimentale.

    Kritik an "Green Book"

    Dass der Darsteller Lips, Viggo Mortensen, bei einer Pressekonferenz das N-Wort benutzt hatte (um den Fortschritt von der Vergangenheit zu betonen), hat den Film schon vor der Verleihung angepatzt. Mortensen hat sich dafür entschuldigt. Dass nun Farrelly im Überschwang vergaß, sich bei Shirley zu bedanken, mag man allerdings als weiteren_Beleg dafür sehen, dass die Mitwirkenden mit ihrem wohlmeinenden, aber nicht allzu selbstreflexiven Ansatz nicht ganz am Stand der Debatte angekommen sind.

    Für eine Oscar-Gala, die sich beherzt der Betonung von Diversität gewidmet hat, bedeutete es jedenfalls ein unbefriedigendes Ende. Alfonso Cuarón wurde kurz davor noch für Roma nach Plan als bester Regisseur ausgezeichnet. Der Mexikaner hatte die Treppen zur Bühne gleich drei Mal zu erklimmen, denn er wurde auch als bester Kameramann und für den besten fremdsprachigen Film prämiert. Dass es für den großen Triumph des Schwarz-Weiß-Films nicht ausreichte, mag daran liegen, dass die Academy den Produzenten Netflix doch noch mit etwas Argwohn betrachtet. Genauso gut kann es aber auch sein, dass sich ein "easy pleasure" gegenüber der Filmkunst durchgesetzt hat – es wäre nicht das erste Mal gewesen.

    Mannigfaltigeres Bild

    Begonnen hatte der Abend ohne Gastgeber und daher auch ohne Anfangsrede. Dafür gab die Band Queen mit We Will Rock You ein Leitmotiv des Abends vor. Bohemian Rhapsody, das Bio-Pic über den an Aids verstorbenen Queen-Sänger Freddie Mercury, wurde viel Mal ausgezeichnet, öfter als jeder andere Film. Einer davon ging an den Hauptdarsteller Rami Malek, der in seiner Dankesrede auch auf seine Herkunft als Sohn ägyptischer Einwanderer zu sprechen kam.

    Mit Regina King und Mahershala Ali wurden auch zwei afroamerikanische Schauspieler prämiert (für If Beale Street Could Talk bzw. Green Book) – es waren nicht zuletzt diese drei Oscars, die demonstrierten, dass sich die Anstrengungen der Academy, ein mannigfaltiges Bild der Filmbranche zu ermöglichen, schön langsam bezahlt machen. Die einzige Überraschung im Schauspielerfach lieferte allerdings Olivia Colman, die sich für ihren Part in The Favourite gegen die zum siebenten Mal nominierte Glenn Close durchsetzte. "Genuinely quite stressful" sei der Moment, meinte sie wunderbar britisch auf der Bühne und erinnerte sich, wie ihr als Putzfrau viel Zeit fürs Nachdenken geblieben war.

    Gala ohne Esprit

    Solche emotionalen Höhepunkte konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der in ein enges Zeitfenster gepressten Gala ohne Moderator an Esprit mangelte. Ankündigung, Rede, Nummer – als eher monotoner Staffellauf ging es durch den Abend. Divertissements wie das durch aufgenähte Kaninchen veredelte Kleid von Melissa McCarthy (eine Referenz auf The Favourite) oder Präsentatoren wie Komiker Mike Myers (mit Wayne's-World-Einlage) und Barbra Streisand machten bewusst, dass Glamour und Spaß schon einmal größer waren.

    Auf direkte politische Anspielungen wurde weitgehend verzichtet. Es blieb Spike Lee überlassen, die gesellschaftspolitische Ebene zu erweitern, als er den Drehbuch-Oscar entgegennahm. Die Präsidentschaftswahlen von 2020 seien nahe, "lasst uns auf der richtigen Seite der Geschichte stehen." Und: "Let's do the right thing!" (Dominik Kamalzadeh, 25.2.2019)



    BESTER FILM: "Green Book"

    foto: apa/afp/a.m.p.a.s/matt sayles
    Regisseur Peter Farrelly ("Green Book").

    BESTE REGIE: Alfonso Cuarón ("Roma")

    foto: reuters/mario anzuoni
    Alfonso Cuarón.

    BESTE HAUPTDARSTELLERIN: Olivia Colman ("The Favourite")

    foto: reuters/matt petit
    Olivia Colman.

    BESTER HAUPTDARSTELLER: Rami Malek ("Bohemian Rhapsody")

    foto: reuters/mario anzuoni

    BESTE NEBENDARSTELLERIN: Regina King ("If Beale Street Could Talk")

    foto: apa/afp/frederic j. brown

    BESTER NEBENDARSTELLER: Mahershala Ali ("Green Book")

    foto: apa/afp/valerie macon
    Mahershala Ali.

    BESTE KAMERA: "Roma"

    foto: reuters/daniel becerril
    Party in Mexiko anlässlich der Auszeichnung für "Roma".

    BESTES ORIGINALDREHBUCH: "Green Book"

    foto: reuters/daniel becerril
    Das Team von "Green Book": Jim Burke, Charles B. Wessler, Nick Vallelonga, Peter Farrelly und Brian Currie.

    BESTES ADAPTIERTES DREHBUCH:"BlacKkKlansman"

    foto: reuters/mario anzuoni
    Regina King (beste Nebendarstellerin in "If Beale Street Could Talk") mit Spike Lee (Regisseur von "BlacKkKlansman").

    BESTER FREMDSPRACHIGER FILM: "Roma"

    foto: reuters/mario anzuoni
    Regisseur Alfonso Cuarón ("Roma").

    BESTE MUSIK: "Black Panther"

    foto: reuers/alfonso cuaron

    BESTER SONG: "Shallow" aus "A Star is Born"

    Lady Gaga und Bradley Cooper performen "Shallow".

    WEITERE AUSZEICHNUNGEN:

    BESTES KOSTÜMDESIGN: "Black Panther"

    BESTES MAKE-UP: "Vice"

    BESTE VISUELLE EFFEKTE: "First Man"

    BESTER SCHNITT: "Bohemian Rhapsody"

    BESTES SZENENBILD: "Black Panther"

    BESTE TONMISCHUNG: "Bohemian Rhapsody"

    BESTER TONSCHNITT: "Bohemian Rhapsody"

    BESTE DOKUMENTATION: "Free Solo"

    BESTER ANIMATIONSFILM: "Spider-Man: Into the Spider-Verse"

    BESTER KURZFILM: "Skin"

    BESTER ANIMIERTER KURZFILM: "Bao"

    BESTER DOKUMENTAR-KURZFILM: "Stigma Monatsblutung"

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