Wissenschafter fordern unabhängige Statistik Austria

    Kommentar der anderen25. Februar 2019, 06:00
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    Die Neuorganisation der Statistik Austria sorgt für Unruhe. Die Opposition will die Unabhängigkeit der Bundesagentur verfassungsrechtlich schützen. Hochrangige Wirtschaftswissenschafter fordern Transparenz und besseren Zugang zu Daten

    Die Statistik Austria sollte sich radikal und noch mehr als bisher entlang der Kriterien von Transparenz, Nutzerorientierung und Qualität ausrichten. Die amtliche Statistik ist die Grundlage zahlloser Entscheidungen in Politik und Wirtschaft mit massiven Auswirkungen auf das ganze Land und seine Bürgerinnen und Bürger. Die Glaubwürdigkeit der Bundesanstalt ist daher ihr wertvollstes Gut.

    Transparenz beginnt in der Organisation. Die Statistik Austria nimmt wichtige öffentliche Aufgaben wahr. Kandidatinnen und Kandidaten für die Generaldirektion sollten sich daher einem öffentlichen Hearing stellen, in dem sie ihre Qualifikation und ihre Pläne für die Bundesanstalt gegenüber Fachleuten aus Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft erläutern. Auch bei der Besetzung der zweiten Leitungsebene wären Hearings angezeigt, zumindest vor den einschlägigen Fachbeiräten der Bundesanstalt, die mit externen Fachleuten besetzt sind.

    Mehr Transparenz

    Mehr Bedarf an Transparenz gibt es auch bei den Kosten und den Tarifen, die die Bundesanstalt für ihre Leistungen an Externe verrechnet. So werden in der Diskussion um die Notwendigkeit und Finanzierbarkeit von Statistiken immer wieder Kosten genannt, die für Außenstehende nicht nachvollziehbar sind. Oft rätseln Anfragende auch über das Zustandekommen der Tarife für Sonderleistungen der Bundesanstalt, etwa spezielle Auswertungen oder Datenaufbereitungen. Transparenz wäre von großer Wichtigkeit, um zu zeigen, dass die Bundesanstalt ihre Leistungen effizient erbringt.

    Schließlich geht es um die Nachvollziehbarkeit der Statistiken. In der Wissenschaft ist es inzwischen üblich, gemeinsam mit einer Publikation auch die zugrunde liegenden Daten zu veröffentlichen. So können andere Wissenschafterinnen und Wissenschafter die Ergebnisse überprüfen und deren Aussagekraft evaluieren. Auch die amtliche Statistik sollte einer solchen rigorosen Überprüfung zugänglich sein. Die veröffentlichten Methodenbeschreibungen der Statistik Austria sind hier ein wichtiger erster Schritt, aber nicht ausreichend. Gerade weil wichtige wirtschaftliche oder soziale Entscheidungen von der Bundesstatistik abhängen, muss es der unabhängigen Wissenschaft möglich sein, die zugrunde liegenden Daten und Verfahren nachzuvollziehen und selbst Berechnungen anzustellen.

    Eine Aufgabe der Bundesstatistik ist die Information der breiten Öffentlichkeit über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen. Während die gesamte Gesellschaft Nutznießer der amtlichen Statistik ist, finden sich ihre hauptsächlichen Nutzerinnen und Nutzer aber in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft, die mithilfe von Spezialisten die nüchternen Zahlen interpretieren können. Das war in der Vergangenheit so und wird auf absehbare Zeit auch so bleiben. Es ändern sich aber die Ansprüche dieser Nutzerinnen und Nutzer an die amtliche Statistik.

    Wo früher schlichte Kreuztabellen deskriptive Evidenz geliefert haben, sind heute kausale Analysen mittels komplexer statistischer Verfahren wissenschaftlicher Standard und die Voraussetzung für evidenzbasierte Entscheidungen der Politik und der Wirtschaft. Damit diese Verfahren angewendet werden können, bedarf es des Zugangs zu den von der Bundesanstalt erhobenen Daten und der Möglichkeit, diese mit anderen Datenbeständen zu verknüpfen. Hier hinkt Österreich vielen anderen Ländern hinterher. Insbesondere Skandinavien ist hier weit fortschrittlicher. Mehrere Initiativen, um den Datenzugang in Österreich auf internationales Niveau zu heben, sind bisher versandet. Ein Versäumnis, das von der Politik dringend behoben werden muss.

    Auch in Fällen, in denen ein Zugang zu Daten und Statistiken grundsätzlich möglich wäre, zeigt sich, dass der Gedanke der Nutzerorientierung auch nach knapp zwei Jahrzehnten in der Bundesanstalt nicht flächendeckend etabliert ist. Während die Zusammenarbeit mit einigen Direktionen rasch, unkompliziert, professionell und erfreulich ist, gilt das leider nicht für alle Direktionen.

    Die oberste Maxime der Anstalt muss sein, die Nutzung ihrer statistischen Daten möglichst zu fördern. Die von der Statistik Austria erhobenen Daten sind ein Schatz. Und wie bei jedem Schatz hat man nicht viel davon, ihn im Wald zu vergraben. Im Gegenteil. Erst eine umfassende Nutzung der Daten durch Wissenschaft, Unternehmen, Verwaltung und Politik schafft Mehrwert und Wohlstand für Österreich und seine Bürgerinnen und Bürger.

    ... höchste Qualität

    Falsche Statistiken führen zu Fehlentscheidungen. Nur eine amtliche Statistik von höchster Qualität kann positive Auswirkungen entfalten. Neben internen Maßnahmen zur Qualitätskontrolle kommt hier der schon erwähnten Ausweitung der Transparenz eine wichtige Rolle zu. Ebenso wichtig für die Qualitätssicherung sind die beiden Kontrollgremien der Bundesanstalt, der Statistikrat und der Wirtschaftsrat. Bei ihrer Besetzung sollten Fachwissen und Methodenkenntnis, die Erfahrung mit statistischer Arbeit und die Begeisterung für die amtliche Statistik ausschlaggebend sein.

    Auch die Erschließung neuer Datenquellen kann zur Qualitätssteigerung in der amtlichen Statistik dienen. Die Digitalisierung bietet hier quantitativ und qualitativ völlig neue Möglichkeiten, die genutzt werden wollen. Riesige Datenmengen, die den Rohstoff des 21. Jahrhunderts bilden, müssen aufbereitet, zu Statistiken verarbeitet und schnell, unkompliziert und kostengünstig zur Verfügung gestellt werden. In der Zusammenarbeit der Bundesanstalt mit Wirtschaft und Wissenschaft liegt großes Potenzial zur Verbesserung bestehender Statistiken, aber auch zur Entwicklung völlig neuer Statistikprodukte als Grundlage für eine evidenzbasierte Politik und fundierte wirtschaftliche Entscheidungen.

    Qualität hat ihren Preis. Es ist von außen schlicht nicht seriös möglich zu beurteilen, ob in der Statistik Austria nach wie vor nennenswerte Effizienzpotenziale schlummern. Die Tatsache eines über fast zwei Jahrzehnte eingefrorenen und zuletzt sogar gekürzten pauschalen Kostenersatzes des Bundes wirft aber die Frage auf, ob die Bundesanstalt noch adäquat finanziert ist, speziell wenn der Zugang zu Daten der amtlichen Statistik verbessert oder neue Datenquellen nutzbar gemacht werden sollen. Beides bedarf neuer Infrastruktur und qualifizierten Personals.

    Die Digitalisierung und neue Anforderungen der Nutzer stellen die amtliche Statistik vor Herausforderungen. Wenn Daten das Öl des 21. Jahrhunderts sind, dann ist die Statistik Austria die Raffinerie, die diese aufbereitet und die reibungslose Versorgung von Entscheidungsträgern und der Wissenschaft mit diesem wichtigen Rohstoff sicherstellt. Eine moderne amtliche Statistik, die den Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte gewachsen ist, ist unverzichtbarer Teil der nationalen Forschungsinfrastruktur und eine nachhaltige Investition in den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort.

    ... und Nutzerorientierung

    Die konsequente Ausrichtung der Bundesstatistik an den Maximen der Transparenz, Nutzerorientierung und Qualität bedarf legistischer, personeller, finanzieller und organisatorischer Weichenstellungen. Die konkrete Umsetzung sollten die Politik und Statistik Austria gemeinsam mit den Nutzerinnen und Nutzern aus Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft erarbeiten. Die Investition in eine glänzende Zukunft der amtlichen Statistik wird sich jedenfalls rechnen. Die dadurch ermöglichten besseren, weil evidenzbasierten, politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen kommen ganz Österreich zugute. (Jesús Crespo Cuaresma, Martin Kocher, Michael Strassnig, 25.2.2019)

    Jesús Crespo Cuaresma ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der WU Wien und Mitbegründer der Plattform Registerforschung.

    Martin Kocher ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS).

    Michael Strassnig ist Programmmanager beim Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds WWTF und ebenfalls Mitbegründer der Plattform Registerforschung.

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