RAF Camora in der Wiener Stadthalle: Sexismus im Neandertal

    24. Februar 2019, 13:24
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    Der Wiener Rapper brachte gemeinsam mit Bonez MC am ersten von zwei ausverkauften Konzertabenden die Stadthalle zum Köcheln

    Wenn 10.000 Leute in der Wiener Stadthalle nicht so richtig losgehen, gibt es auch ein Problem. RAF Camora, der Gangsterrapper aus dem dazugehörigen Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus, steht mit seinem bundesdeutschen Kollegen Bonez MC vor äußerst gut erzogenen Schülern der Gymnasial-Oberstufe genau dort auf der Bühne. Gangster-Rap bedeutet für diese mittlerweile auch nicht mehr kaufende, sondern streamende Zielgruppe immer: Konsum verschafft Wahrhaftigkeit. Konsum ist die Wahrheit, er ist echt. Selbst wenn er konsumiert wird und alles, was verkauft wird, falsch ist, ist es relevant. Wer schimpft, kauft.

    Mutterschänderische Endlosschleifen

    Das ganze Gewese von Nutten hier und Scheiße da bringt zwischen Berlin-Marzahn und Meiselmarkt-Untergeschoß jetzt auch am ersten von zwei ausverkauften Abenden in der Wiener Stadthalle nahe seinem ursprünglichen Wiener Wohnort die harte Sprache der stadtauswärts der Stadthalle gelegenen Döner- und Balkanbuden in den täglichen Sprachgebrauch. Wer immer denkt, dass Scheiße scheiße ist, kann übrigens nicht klug handeln. Es ist okay, es ist aber nicht richtig, wie die US-Verhaltensforscherin Beyoncé sagt.

    Die guten Leute am ersten von zwei ausverkauften Abenden des in Berlin lebenden Deutschrappers haben gutes Geld für das Konzert bezahlt. Geboten wird leider nicht so viel. Mutterschänderische Kraftausdrücke kennen wir schon. Die auf Vierviertelbeats basierende, zum Wiedererkennen durch dreisekündige Endlosschleifen einladende Musik aus der Steckdose, behübscht von irgendwelchen Yo-Yo-Yo- und Was-geht-ab-Alter-Kumpels in Freizeitkleidung für Kindergartenkinder, ist nicht unbedingt interessant.

    crhymetv

    Die Texte werden breitbeinig und absolut unverständlich Richtung RTL-Hartz-IV-Show genuschelt. Wenn das authentisch ist, möchte man nicht dabei sein.

    Die Leute im Saal singen bei den Refrains mit. Hat irgendwer im Saal einmal darüber nachgedacht, ob der scheinbar im Gangster-Rap inflationär gebrauchte Gebrauch der Worte Nutte, Schlampe oder Eilige und Hure eine Auswirkung auf die kleinen jungen Idioten da draußen in der benachbarten Lugner-City hat? Messerstechen, Frauen schlagen, scheinbar harmlos Weiber abwerten? Ist ironischer Sexismus und "provokativ" zum Diskurs einladender Frauenhass im Neandertal 2019 überhaupt möglich?

    Weltsicht aus dem Neandertal

    RAF Camora ist der derzeit erfolgreichste deutschsprachige Rapper. Man nimmt ihm vor allem auch live in der Stadthalle seine Dringlichkeit nicht ab.

    Wie überall auf der Welt gibt es Gangster. Die wirklichen sieht man nur nicht. Die Buben, die sich in die Auslage stellen, mögen über schlechte Reime und über ein aus dem Neandertal herübergerettetes, für zwei Stunden bemühtes Weltbild namens lange Weile taugen. Gut ist das nicht. Es ist so: teuer, ärgerlich und langweilig. Interessanterweise hat das auch vielen jungen Frauen gefallen. Sorge ist angebracht. (Christian Schachinger, 24.2.2019)

    • RAF Camora (rechts) und Bonez MC bei einem Auftritt 2018 in Deutschland.
      foto: rainer keuenhof

      RAF Camora (rechts) und Bonez MC bei einem Auftritt 2018 in Deutschland.

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