Wie Kultur auf dem Land gefördert wird

    24. Februar 2019, 11:00
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    Der ländliche Raum hat mit Abwanderung in die Städte zu kämpfen. Mit der Förderung von Kunst und Kultur versuchen die Bundesländer, dem entgegenzuwirken

    foto: kunstmeile krems
    Die Kleinstadt Krems in Niederösterreich bekommt demnächst ein großes, neues Museum. Schwierig wird es in den Bundesländern oft für kleine Kulturinitiativen: Sie können meist nur unter großer Selbstausbeutung arbeiten.

    Der Westen: Tourismus, Innovation und Altlasten

    Neben den Bregenzer Festspielen finden sich in Vorarlberg Initiativen und Kulturstätten zuhauf, viele davon laufen ehrenamtlich. Im westlichsten Bundesland ist das kulturelle Angebot weniger konzentriert als in anderen Bundesländern. Es gibt in Vorarlberg auch keine größere Stadt, die als Kulturmagnet mit dem Umland konkurrieren könnte. Das Kulturbudget steigt seit 2010, wenn auch nur noch minimal.

    Für Neues ist wenig Geld da. Die aktuelle Kulturstrategie sei zahnlos, so die Kritik. Noch vor den letzten Landtagswahlen 2014 haben alle Parteien einen Extratopf für niederschwellige Kultur befürwortet. Passiert ist bisher nichts. Jetzt, kurz vor den nächsten Wahlen im September, konzentriert man sich auf die Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt 2024. "Dornbirn+" als Modellregion steht für eine "irrsinnige Standortaufwertung". Mit Tourismuszahlen lässt sich gut argumentieren.

    In Prozent gerechnet gibt Tirol nach Wien am meisten für Kultur aus. Dementsprechend groß ist die Vielfalt an Theatervereinen und (experimentellem) Musikangebot. Abgesehen von Innsbruck müssen in den Tälern auch für die Touristen Angebote her. Kritische Geister sind dabei weniger gern gesehen: Erst vergangenen Juni wurde der Kabarettist Markus Koschuh von der Gemeinde Going bei Kitzbühel wieder ausgeladen. In seinem Programm Hochsaison nimmt er den Tourismus aufs Korn. "Beim Land werden sie keine Freude haben, wenn bei uns jemand auftritt, der scharf gegen die Regierung schießt", begründete der Bürgermeister Alexander Hochfilzer seine Absage. Piefke-Saga 2.0.

    Dann lieber unverfänglich: Die vom Tourismusverband finanzierte Lightshow Max 500, die anlässlich des Kaiser-Maxilian-Jubiläumsjahr zurzeit in der Innsbrucker Hofburg läuft, lockt Besucher in Scharen. Umfassende kulturpolitische Strategien, um auch die Dörfer abseits von Brauchtum kulturell zu beleben, gibt es nicht. Vereinzelt wird von engagierten Gemeinden das Programm "Kultur vor Ort" in Anspruch genommen. Mit Experten werden die kulturellen Potenziale vor Ort entdeckt.

    Anders ist das in Salzburg: Anfang 2018 hat die Landesregierung den Kulturentwicklungsplan (KEP) abgesegnet. Der KEP umfasst 77 Maßnahmen für die zukünftige Kulturpolitik. Über 600 Einzelpersonen und etliche Akteure aus anderen Sektoren haben an der Erstellung des Katalogs mitgewirkt. Ein Musterbeispiel für strategische Kulturentwicklung, auch für die ländlicheren Regionen.

    Der KEP ist im kulturpolitischen Diskurs des Landes der gemeinsame Referenzpunkt. Politik und Verwaltung ziehen bei der Umsetzung vorerst mit: Das Kulturbudget wächst, Abläufe werden evaluiert, und im ländlichen Bereich sind Verbesserungen in Sachen Raumangebot und Anstellungsverhältnisse sichtbar.

    Kärnten hingegen kämpft noch immer mit den Lasten der Vergangenheit, Stichwort Heta. In Zahlen ist es Schlusslicht: Weit weniger als ein Prozent des Landesbudgets fließt in Kunst und Kultur. Trotzdem gibt es etliche (ehrenamtliche) Kulturvereine im ländlichen Bereich. Wenn sie eine Erhöhung der Mittel fordern, antwortet das Land: zuerst "Schulden und Sünden der Vergangenheit aufarbeiten".

    Trotzdem gilt die zerrüttete Beziehung zur Kunst und Kulturszene mit der roten Landesregierung als weitgehend wiederhergestellt. Die Zeiten, in denen ein Kulturlandesrat offen seine Abneigung gegen das gedruckte Wort ausdrückt, sind vorbei. Zur Erinnerung: 2010 verkündete der damalige FPÖ-Landesrat Dobernig, dass er keine Bücher lese.

    Seit 2016 sind auch die Kärntner slowenischen Kulturvereine im Förderwesen formal gleichberechtigt. Ein Grund zur Hoffnung.

    Der Osten: Vorbild, Streitereien und zarte Pflänzchen

    Selbst vehementen Kritikern rang sie Respekt ab: die kulturpolitische Großoffensive, mit der Altlandeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) Niederösterreich seit den 1990er-Jahren auf Augenhöhe mit der Bundeshauptstadt führte. Neue Museen und Festivals entstanden, die Förderung regionaler Kulturinitiativen erhielt einen hohen Stellenwert.

    Ein Weg, den Prölls Nachfolgerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) munter weiterverfolgt: Mit 174 Millionen Euro jährlich investiert NÖ fast so viel wie Wien in die Kultur. Langjährige, ausgefeilte Kulturentwicklungsstrategien sollen sicherstellen, dass das Land durch die unbestrittene Anziehungskraft Wiens nicht kreativ austrocknet. Während man aktuell etwa mit St. Pölten und Umland im Rennen um die europäische Kulturhauptstadt 2024 ist, wird in Krems demnächst die neue Landesgalerie für Kunst eröffnet. Vorbildlich, meinen viele.

    Im Paarlauf mit Pröll gerierte sich lange Zeit auch Oberösterreichs Exlandeschef Josef Pühringer (ÖVP) als spendabler Kulturpolitiker. Nicht nur große Museen und Bühnen, selbst die hunderten lokalen Vereine und Initiativen, die Oberösterreichs Kommunen kulturell bereichern, erlebten gute Jahre. Pühringers Nachfolger Thomas Stelzer (ÖVP) trat hingegen 2017 mit einem Sparplan an, der viele kleine Vereine hart treffen sollte. Fakt ist: Von den 194 Kulturmillionen des Landes fließen nur sechs Prozent zu den Kleinen.

    Dazu kamen zuletzt Streitigkeiten mit der SP-geführten Stadt Linz über Zuständigkeiten bei Förderungen. Doch die Kulturszene Oberösterreichs ist Meister darin, sich selbst auf eigene Füße zu stellen: Mittels breitangelegten Petitionen und Interventionen, die auch in der Bevölkerung viel Resonanz erfuhren, konnte die Politik bereits mehrfach zum Einlenken gebracht werden. Das Land führt vor, wie wichtig es für einzelne Kulturakteure auf regionaler Ebene ist, sich zu vernetzen und Anliegen kollektiv zu artikulieren.

    Mehr Zusammenhalt dieser Art wünschen sich Kulturvereine in der Steiermark. Da Politiker im ländlichen Raum mit Kunst und Kultur kaum Wählerstimmen sammeln können, müsse man sich selbst hineinreklamieren, meint Karl Posch von der südsteirischen Initiative Kürbis in Wies. Diese betreibt ein Plattenlabel, zwei Theater, ein Atelier und einen Verlag. Ein Musterbeispiel.

    All das geht nur, weil man Subventionen von Gemeinde, Land und Bund erhält sowie Mittel von Sponsoren lukriert. "Das ist auf dem Land nicht immer einfach", sagt Posch. Die Selbstausbeutung sei enorm hoch und Landflucht "leider ein großes Thema". Vor allem Gebildetere würden häufig wegziehen. Wenn die Regionen kulturell etwas zu bieten haben, würde das aber auch sehr helfen, dass diesen Leuten die Rückkehr ins Dorf leichter fällt, meint Posch.

    Das Kulturbudget der Steiermark liegt mit 85 Millionen Euro im Mittelfeld. Problematisch erscheint wie auch in anderen Bundesländern die Tatsache, dass Subventionen nur unzureichend an die Teuerung angepasst werden. Dadurch werden Fördergelder von Jahr zu Jahr weniger wert, Kultureinrichtungen geraten unter dauerhaften Spardruck.

    Im strukturell schwächeren Burgenland erscheint die Teuerung noch als Luxusproblem: Mit 21 Millionen Euro Kulturförderung ist man Schlusslicht in absoluten Zahlen, der Anteil am Gesamtbudget fällt mit knapp einem Prozent ebenfalls gering aus. Das heißt, es wäre Luft nach oben. Abseits diverser Streitigkeiten um Subventionen mit den lokalen Esterházy-Stiftungen oder einer zwischenzeitlichen Identitätskrise beim Aushängeschild Seefestspiele Mörbisch versucht das SP-geführte Land frische Akzente zu setzen: In Mattersburg entsteht 2019 um 15 Millionen Euro ein neues Kulturzentrum, das sich besonders der Literatur annehmen soll – ein zartes Pflänzchen, das wohl noch viel burgenländische Sonne brauchen wird.

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