"Models of Reality": Im Knarzen der smarten Spaßmaschine

    22. Februar 2019, 17:35
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    Eine Uraufführung der Wiener Company Liquid Loft unter ihrem Choreografen Chris Haring im Wiener Tanzquartier

    Für Liquid Loft befindet sich der menschliche Körper schon längst im Zustand seiner Automatisierung. Das zeigt die Wiener Company unter ihrem Choreografen Chris Haring gerade mit der Uraufführung von Models of Reality im Wiener Tanzquartier.

    Ein perfekter Titel – nicht nur für Harings Performance, sondern ganz generell für den zeitgenössischen Tanz. Denn der entwirft immer wieder dynamische Modelle davon, wie sich Gesellschaften den menschlichen Körper kulturell "einverleiben".

    Nach diesem Prinzip bewegen sich in Models of Reality acht Frauen und Männer durch eine exakt geometrische Bühnenarchitektur (Thomas Jelinek). Der Programmtext nennt die Referenz "100 Jahre Bauhaus" für die Gestaltung. Das erinnert an die tanzenden Figurinen des berühmten Oskar Schlemmer und überdies daran, dass Bauhaus-Impulse über den Umweg USA auch die Entwicklung des postmodernen Tanzes beeinflusst haben.

    Körperautomaten, Maschinentänzer

    Schlemmers Gestalten bauten schon auf der Faszination des klassischen Balletts für Körperautomaten (Coppélia, Puppenfee) auf und waren mit den Maschinentänzern der russischen Avantgarde verwandt.

    Die Automatisierung der Liquid-Loft-Körper zeigt den großen Sprung nach vorn: in Form der Invasion des menschlichen Körpers durch "smarte" Technologie. Deren Monstrosität ironisiert Haring seit gut fünfzehn Jahren immer wieder neu. Bei Models of Reality wird das etwa in einem brillanten Loop-Solo der Tänzerin Katharina Meves besonders deutlich.

    Auch dieses Liquid-Loft-Stück gelangt erst durch den raffinierten Sound von Andreas Berger zu seiner wahren Tiefe. Die Körper knarzen, knirschen und knacken in Reibung mit unsichtbarem, wie unter die Haut gedrungenem Material. Sie sondern Wort- und Satzfetzen und Teile eines Dylan-Songs (You're No Good) ab und bilden, bevor sie endgültig stecken bleiben, eine Spaßmaschine aus Fleisch und Tod. Fazit: extrem gelungen. (Helmut Ploebst, 23.2.2019)

    Bis 23. 2.

    Tanzquartier

    • Acht Frauen und Männer bewegen sich in "Models of Reality" durch  die exakt geometrische Bühnenarchitektur von Thomas Jelinek.
      foto: chris haring

      Acht Frauen und Männer bewegen sich in "Models of Reality" durch die exakt geometrische Bühnenarchitektur von Thomas Jelinek.

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