US-Studie: Zahl der Drogentoten senkt Lebenserwartung

    23. Februar 2019, 12:00
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    In den USA sterben mehr Menschen an Drogen als in jedem anderen wohlhabenden Land. Forscher sprechen von einer beispiellosen Epidemie

    Die Anzahl der Menschen, die an einer Überdosis Drogen sterben, hat in den USA ein noch nie vorher gesehenes Level erreicht. Im Lauf der vergangenen zwei Jahrzehnte hat sich die Zahl der Drogentoten verdreifacht und übersteigt nun die Anzahl jener Todesfälle, die auf Autounfälle und Morde zurückgehen, wie US-Statistiken zeigen. Der Trend setzt sich ungebrochen fort: 2017 wurden 70.000 Drogentote verzeichnet, allein zwischen 2014 und 2017 betrug der Anstieg im Schnitt 16 Prozent pro Jahr.

    Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, verglich die Soziologin Jessica Ho von der University of Southern California die US-Daten mit denen von 17 anderen ähnlich wohlhabenden Ländern, darunter Kanada, Dänemark, Finnland, Deutschland, Großbritannien, Japan und auch Österreich. Dabei untersuchte sie systematisch die Entwicklung der Drogentoten über eine Zeitspanne von 20 Jahren, nämlich von 1994 bis 2013, dem letzten Jahr, für das Daten für alle Länder vorhanden sind. Berücksichtigt wurden sowohl legale als auch illegale Drogen und Medikamente als Todesursache.

    Vom Mittelfeld an die Spitze

    Die Studie, die im Fachblatt "Population and Development Review" veröffentlicht wurde, zeigte, dass in den 1990er-Jahren noch Finnland und Schweden das Ranking der wohlhabenden Länder mit den meisten Drogentoten anführten. Die USA waren im Mittelfeld. Rund um die Jahrtausendwende änderte sich das, und die Zahl der Amerikaner, die an einer Überdosis starben, stieg stetig an. 2003 waren die USA bereits an erster Stelle, was männliche Drogentote betrifft, 2005 galt das auch für Frauen.

    2013 war die Mortalitätsrate aufgrund von Drogen in den USA um das 27-Fache höher als in Italien und Japan, den Ländern mit den wenigsten Drogentoten. Im Vergleich zu Finnland und Schweden, jenen Ländern, die direkt auf die USA folgten, starben immer noch doppelt so viele Menschen an einer Überdosis. In anderen Zahlen: Während die USA knapp 17 Todesfälle pro 100.000 Einwohner verzeichneten, waren es in Japan nur 0,60 Todesfälle. Österreich liegt nach Japan, Italien und Portugal an vierter Stelle der Länder mit den wenigsten Drogentoten.

    Verschiebung zu Heroin und Fentanyl

    Während laut Ho rund um die Jahrtausendwende hauptsächlich das rezeptpflichtige Schmerzmittel OxyContin für den Anstieg verantwortlich gewesen sei, gebe es heute eine Verschiebung hin zu Heroin und anderen synthetischen Opiaten wie Fentanyl, die sehr potent sind und auch immer wieder unter anderem Namen auf der Straße verkauft werden.

    "Die USA erleben eine Überdosis-Epidemie noch nie dagewesenen Ausmaßes, nicht nur in der eigenen Geschichte, sondern auch im Vergleich mit anderen Ländern mit hohen Einkommen", sagt Jessica Ho. "Seit einem Jahrzehnt haben die USA nun die meisten Todesfälle aufgrund einer Überdosis in dieser Gruppe von Ländern."

    Die Entwicklung wirkt sich bereits auf die allgemeine Lebenserwartung aus, wie Ho berichtet. "Im Schnitt leben Amerikaner 2,6 Jahre kürzer als die Menschen in anderen wohlhabenden Ländern", sagt Ho. "Die Todesfälle durch Überdosis erhöhen diesen ohnehin schon signifikanten Unterschied zu vergleichbaren Ländern noch mehr." Ohne die zusätzlichen Todesfälle durch Überdosis wäre zwischen 2003 und 2013 der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen US-Amerikanern und der Bevölkerung anderer reicher Länder geringer gewesen: Im Schnitt bei Männern um 19 und bei Frauen um 34 Prozent, so die Berechnungen der Wissenschafterin.

    Schwächen im Gesundheitssystem

    Als potenzielle Ursache für diese dramatische Entwicklung in den USA führt Ho strukturelle und finanzielle Schwächen im Gesundheitssystem an. Dazu komme eine lockerere Einstellung gegenüber Schmerzmitteln, deren Verfügbarkeit in anderen Ländern auch restriktiver gehandhabt würde. Schließlich gebe es einen großen Mangel an Drogentherapien – nur zehn Prozent der Abhängigen in den USA seien in einer Behandlung.

    Doch auch andere Länder seien nicht gewappnet: "Der Missbrauch von verschreibungspflichtigen Opiaten und synthetischen Drogen wie Fentanyl wird in vielen wohlhabenden Ländern immer häufiger und stellt eine Herausforderung dar." (kri, 23.2.2019)

    • Waren es früher verschreibungspflichtige Schmerzmittel, die hauptverantwortlich für viele Überdosen waren, sind es heute Heroin und synthetische Opioide.
      foto: reuters

      Waren es früher verschreibungspflichtige Schmerzmittel, die hauptverantwortlich für viele Überdosen waren, sind es heute Heroin und synthetische Opioide.

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