Wie Anleger den Brexit möglichst ungeschoren überstehen

    23. Februar 2019, 15:00
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    Der Brexit könnte für Anleger brenzlig werden. Experten empfehlen, mit ruhiger Hand durch unruhige Gewässer zu steuern

    Bisher ist nur das Datum bekannt, und auch das ist keineswegs sicher. Am 29. März soll Großbritannien laut Fahrplan aus der EU ausscheiden. In welcher Form dies erfolgen wird, ist noch offen – von einem harten Brexit ohne Übergangsregelungen bis zu einem geregelten Austritt in verschiedenen Schattierungen bis zu einer Verschiebung erscheint alles möglich. Wie sollen sich Anleger in solch einem Umfeld auf dieses einschneidende Ereignis einstellen?

    Dazu haben die Experten von Raiffeisen Research die möglichen Ergebnisse in drei Szenarien unterteilt, die etwas andere Auswirkungen auf die Finanzmärkte hätten. Welche dieser Möglichkeiten eintreten wird, sollte sich laut Valentin Hofstätter, Abteilungsleiter Marktstrategie, knapp vor dem Austrittsdatum entscheiden. Die Meilensteine: Am 13. März wollen ihm zufolge britische Parlamentarier versuchen, die Regierung zu einer Entscheidung über einen harten Brexit oder eine Verhandlungsverlängerung zu zwingen. Beim regulären EU-Gipfel am 21. und 22. März und am unmittelbar danach folgenden Wochenende seien noch intensive Einigungsbestrebungen denkbar. Danach sollte sich eine "Lösungskurve" abzeichnen, welches Szenario wahrscheinlich eintreten werde.

    foto: ap photo / matt dunham
    Nicht jeder Brite ist mit dem Brexit glücklich. Auch Anleger sollten überlegen, wo ihr Geld vor und nach dem Austritt gut aufgehoben ist.

    · Harter Brexit Mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 30 Prozent rechnen die Raiffeisen-Experten mit einem harten Brexit ohne Einigung mit der EU. "Das Risiko, dass man in etwas hineinstolpert, das eigentlich keiner will, ist da", sagt Hofstätter. Dabei sind ihm zufolge aber in manchen Bereichen der Real- und Finanzwirtschaft kurzfristige Übergangsregelungen von mehreren Monaten denkbar.

    Bei einem harten Brexit sei mit einem kurzfristigen Absacken von Pfund und den Börsen beiderseits des Ärmelkanals zu rechnen. Dies sollte bei den Aktienmärkten im Gegensatz zur Landeswährung jedoch nur von kurzfristiger Natur sein, erwartet Hofstätter – und warnt daher davor, danach noch zu verkaufen. Dies könnte sich wie beim kurzfristigen Absacker nach dem Brexit-Votum im Juni 2016 als Fehler erweisen. Vielmehr würde er diese Kursrückgänge als Kaufgelegenheit verstehen, sowohl in der EU als auch bei britischen Großkonzernen.

    Anleger, die einen harten Brexit für wahrscheinlich halten, können zuvor die Aktienbestände etwas reduzieren, um für spätere Zukäufe die nötige Liquidität beiseitezuschaffen. Ein Ausweichen auf andere Märkte hält Hofstätter nicht für empfehlenswert: Die Wall Street sei deutlich teurer als europäische Aktien, und bei Unternehmensanleihen hält er das Chance-Risiko-Verhältnis für weniger günstig. Staatsanleihen werfen ohnedies kaum etwas ab, für zehnjährige deutsche Papiere erhalten Anleger nur noch 0,1 Prozent Rendite pro Jahr. Britische Pendants bringen zwar knapp 1,2 Prozent ein, sind aber mit einem Währungsrisiko verbunden, das gerade zum Brexit schlagend werden kann.

    foto: ap photo/geert vanden wijngaert
    Der Brexit-Termin könnte verschoben werden, damit sich Großbritannien und die EU, im Bild Premierministerin Theresa May und Kommissionspräsident Jean-Claude Jucker, auf einen für beide Seiten tragbaren Austrittsvertrag einigen können.

    · Deal mit Modifikationen Mit 28 Prozent hält Raiffeisen Research es für fast ebenso wahrscheinlich, dass das ausgehandelte Vertragswerk über den Austritt doch noch die Zustimmung des britischen Parlaments erhält. Gegebenenfalls könnte dies mit gewissen Modifikationen des Austrittsvertrags verbunden sein. Für diesen Fall sieht der Marktstratege im Vorfeld des Brexit-Termins keinen Handlungsbedarf – Anleger sollten also Aktien beiderseits des Ärmelkanals halten.

    · Verhandlungsverlängerung Das für Raiffeisen wahrscheinlichste Szenario mit 42 Prozent Eintrittschance ist eine Verschiebung des Brexits, um doch noch eine Verhandlungslösung zu finden. Das Zeitfenster für den Austritt könnte dazu um Monate oder sogar Jahre verlängert werden. In diesem Fall würden die Finanzmärkte das Thema vorerst beiseiteschieben, erwartet Hofstätter und sieht ebenfalls keinen unmittelbaren Handlungsbedarf.

    Insgesamt erwartet er bei keinem Szenario große Verwerfungen, zumal Europas Börsen nicht hoch bewertet seien. "Auch ein harter Brexit wird nicht zur Nadel, die in einen Ballon hineinsticht", beruhigt Hofstätter. Selbst dann müssten die Gewinnerwartungen großer britischer Konzerne für 2019 nicht nach unten korrigiert werden, bei denen er einen neunprozentigen Ertragszuwachs erwartet. Bei den Pendants der Eurozone sollen es sogar zehn Prozent werden. Somit könnte sich eine alte Börsenweisheit bewahrheiten, nämlich: Politische Börsen haben kurze Beine. Soll heißen, letztlich zählen die Fundamentaldaten wie Unternehmensgewinne. (Alexander Hahn, 23.2.2019)

    Das britische Pfund gilt als der Verlierer im Zuge des Ausscheidens Großbritanniens aus der EU. Unmittelbar nach dem Votum für einen Brexit schmierte die Währung ab, nachdem sie zuvor noch bei rund 1,30 Euro gelegen war. Seit dem Tiefpunkt Mitte 2017 bei knapp 1,08 Euro stabilisierte sich das Pfund wieder in einer Seitwärtsbewegung.

    Allerdings könnte der Währung ein weiterer Abwärtsschub bevorstehen. Dafür spricht das ziemlich hohe Leistungsbilanzdefizit Großbritanniens, das im Zuge des Brexits nochmals zulegen sollte. Ein schwächeres Pfund sollte dazu beitragen, die Lücke in der Bilanz wieder zu etwas verringern.
    Im Gegensatz zum Pfund hat sich der Aktienleitindex FTSE 100 schnell vom ersten Schock nach der Brexit-Entscheidung erholt und bis Mitte 2018 auf ein Rekordhoch von 7860 Punkten zugelegt. Das entspricht einem Anstieg von mehr als 40 Prozent in zwei Jahren. Seither haben die Notierungen, wie an den meisten Börsen, nachgegeben, der Index notiert bei knapp 7200 Zählern.

    Für den FTSE 100 erwarten Experten auch nach dem Brexit keine Verwerfungen, da dieser vor allem global aufgestellte Konzerne enthält. Härter könnte es aber kleine und mittlere Firmen treffen, die stärker auf den britischen Heimmarkt ausgerichtet sind.


    Konjunktur

    Das BIP-Wachstum in Großbritannien hat sich im Vorjahr merklich abgeschwächt und betrug im Schlussquartal 1,3 Prozent auf Jahressicht. Die Inflation lag im Jänner bei 1,8 Prozent bei einer Arbeitslosenquote von 4,0 Prozent. Nach dem Brexit-Votum hatte die Bank of England den Leitzins auf 0,25 Prozent gesenkt, diesen danach aber in zwei Schritten wieder auf aktuell 0,75 Prozent erhöht. (red)

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