Erika Pluhar: "Ich bin eine alte Frau"

    Porträt28. Februar 2019, 06:00
    245 Postings

    Nachsatz: "Die sich ganz gut fühlt." Am Donnerstag wird die Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin 80

    Es werden heuer sicher wieder einige Medien (so wie ja auch der STANDARD) nach Grinzing pilgern, denn es gilt ein Jubiläum zu begehen: Erika Pluhar, Schauspielerin, Filmemacherin, Autorin, Sängerin, Schriftstellerin und kurz gesagt halt einfach "die Pluhar", wird am 28. Februar 80 Jahre alt.

    Sie wird sicher wieder viel gefragt werden, wie das denn jetzt sei mit dem Altern, ob es sehr schrecklich sei und was denn ihre Geheimwaffe sei gegen Falten und Spannkraftverlust. Dabei gibt es doch einen viel wesentlicheren Aspekt, wenn jemand heuer 80 wird, und auf diesen weist Erika Pluhar gleich als Erstes hin: 1939 begann der Zweite Weltkrieg.

    "Ich habe erst heute im Radio gehört: Jedes fünfte Kind auf Erden erlebt in der Gegenwart Krieg. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie traumatisierend und wie schrecklich es ist, wenn man als Kind gerade erst anfängt, das Leben wahrzunehmen, und dann diese Angst, diese Katastrophe, diese Schrecklichkeit erlebt."

    Langeweile beim Thema Alter

    Sie sitzt in der Küche ihres Hauses in Grinzing, dessen Beschreibung in keinem Text über Erika Pluhar fehlen darf, genauso wenig wie das Attribut "mit Efeu zugewachsen". Als wäre es ein märchenhaftes Gebäude, entrückt von dem realen Wien da draußen. Was man halt so für romantische Vorstellungen hat.

    Es gäbe auch keine Zeitungen in diesem Haus, erzählt sie – aber es sitzt einem da nicht nur eine sehr sorgfältig geschminkte, sondern auch in jeder Hinsicht wache, aufmerksame Frau gegenüber, die viel lieber über das tagespolitische Geschehen zu reden scheint als über das eigene (Privat-)Leben.

    Auch das Thema Alter langweilt sie eher. "Im Moment ist mir diese runde Zahl ziemlich gleichgültig. Aber dass ich langsam ein alter Mensch bin, da besteh ich drauf. Ich mag diese Bezeichnungen wie 'Seniorin' oder 'schon älter' nicht, sondern klipp und klar: Ich bin eine alte Frau. Die sich ganz gut fühlt. Ich habe auch nie versucht, dem irgendetwas Operatives oder sonst etwas entgegenzusetzen, weil mich viel zu sehr interessiert, was mit mir passiert, solange ich lebe."

    Natürlich wolle sie jetzt kein "Wolkenkuckucksheim entwerfen", Älterwerden sei mit Abschieden verbunden, gerade als Frau heiße es bei einigen Dingen "nie mehr". Aber es hat eben auch sein Gutes: "Wenn man Glück hat, lernt man im Alter, ein bisschen schneller zu relativieren. Sich nicht mehr über persönliche Sachen so aufzupudeln. Was hat man sich nicht über Männer und Liebe und Beziehungen und diesen ganzen Krempel aufgepudelt. Das fällt dann Gott sei Dank weg."

    Und auch die Jugend sieht in ihren Augen manchmal ganz schön alt aus: "Es gibt eine Menge junger Menschen, die bereits sehr alt sind. Weil sie sich Zwängen so ausliefern. Wir sind auch vom Kommerz schrecklich manipuliert, von diesem jung und frisch und g'sund und was man nicht alles sein muss. Ich mache keine Diät, ich gehe in kein Wellness-Studio, ich mache kein Fitnesstraining, ich gehe nur wandern im Wienerwald und versuche, in Bewegung zu bleiben." Das Thema Geheimtipp wäre also abgehakt: Gehen Sie wandern und scheißen Sie auf die Zwänge.

    Leid und Dankbarkeit

    Und die Frau hat ja durchaus auch Interessanteres zu erzählen als Anti-Aging-Tipps. Sie hat in ihrem Leben nahezu alle künstlerischen Disziplinen durchgemacht, war vor ihren Erfolgen als Musikerin und Schriftstellerin jahrzehntelang Burgschauspielerin. In grausamer Dissonanz zum beruflichen Erfolg das private Leid: Der erste Ehemann Udo Proksch trank und war gewalttätig, die zweite Ehe mit André Heller war kurz und auch nur bedingt glücklich, Peter Vogel, ihre letzte und wohl größte Liebe, war suchtkrank und beging schließlich Suizid. Tochter Anna starb 1999 mit 37 Jahren. "Das Leben hat mir ganz gut eingeschenkt."

    Wofür sie aber dankbar ist: "Mir hat sich bereits in der Jugend eröffnet, dass ich in der Lage bin, das Leben kreativ zu verwandeln. Ich habe schon in Floridsdorf im Gemeindebau Stücke geschrieben und mit Spiel- und Schulgefährten inszeniert, ob die wollten oder nicht. Ich bin dankbar, dass ich diesen Weg gehen durfte, als Schauspielerin schöne Sachen machen konnte, dafür, dass es mir gelang, von einer schreibenden Schauspielerin zur Schriftstellerin zu werden, von der Interpretin zur Sängerin eigener Texte. Man wird zur Schöpferin von anderem Leben, das nicht nur immer das eigene Schicksal ist."

    Wobei ihre Texte und Bücher natürlich oft von ihrem eigenen Schicksal gespeist sind, etwa der jüngste Roman Anna. Eine Kindheit (Residenz, 2018), der vom Aufwachsen ihrer Tochter erzählt. Es ist ganz sicher Teil der Faszination, die Erika Pluhar auf ihr Publikum ausübt, dass sie ihre Erfahrungen und Verletzungen so offen teilt.

    Wobei sie auf eines besteht: "Ich gebe mich nicht preis. Wenn man sich zeigt, in aller Offenheit, wenn man sich mit-teilt, miteinander etwas teilt, dann ist man nicht ausgesetzt. Es ist für mich zum Beispiel schön, zu meinem aktuellen Buch Reaktionen zu bekommen, die nichts zu tun haben mit so einem 'Jö, die Erika Pluhar mit ihrer Tochter', sondern wo plötzlich Menschen über ihr eigenes Mutter- oder Kindsein nachdenken. Wenn ich so etwas bei den Menschen anstupsen, sie in ihrem eigenen Hier-Sein ansprechen kann, ist das für mich das Schönste."

    Auch ihr Lied Frau, lauf weg, das sie noch während der Ehe mit Heller und, wie sie in Meine Lieder (Insel-Verlag, 2019) schildert, während einer Aufführung wartend in der Burgtheater-Garderobe schrieb, betrifft die Menschen noch heute.

    Sie hat geantwortet: Me not

    Leider, wie sie sagt. Natürlich sei auch sie während der #MeToo-Debatte nach ihren Erfahrungen gefragt worden. "Ich habe geantwortet: Me not. Mich hat niemand belästigt, und wenn wer blöd war, habe ich es ihm gesagt oder ihm einen Rempler gegeben. Das ist politisch. Wenn jemand wie die Nicole Kidman die Rolle unbedingt haben will und mit dem Herrn aufs Zimmer geht, dann ist das ein politischer Vorgang. Wenn sie Widerstand leistet, dann bekommt sie eben die Rolle nicht. Das sind doch klare Sachen."

    #MeToo ging ihr ab einem gewissen Zeitpunkt "schrecklich auf die Nerven": "Es ging plötzlich nur noch um irgendwelche Filmschauspielerinnen, die sich Jahrzehnte später an eine Belästigung erinnern. Dabei wurde völlig außer Acht gelassen, wo wirklich vergewaltigt wird, dass die Frauenhäuser überfüllt sind, in Kriegen die Vergewaltigung der Frau zur Strategie gehört. Ich ärgere mich auch so über die Berichterstattung über die Frauenmorde in Wien. Natürlich ist da vielleicht ein Syrer dabei, aber dass die Frauen ja auch von lauter Inländern ermordet werden, das wird dann halt nicht erwähnt."

    Erika Pluhar ist eine, die keine Scheu hat vor klaren Worten. Sing dagegen an heißt ihr Protestlied zur Nationalratswahl 2017, in ihrem "Brief an Österreich" schrieb sie 2016: "Bleiben wir doch in aller Freiheit Österreicher, ohne deshalb verängstigte Nationalisten werden zu müssen und gleichzeitig wieder irgendwo Anschluss zu suchen."

    Warum sich nicht alle so deutlich äußern, auch wenn sie eigentlich dieselbe Meinung vertreten? "Es haben die Leute ja sofort aus unerfindlichen Gründen Angst. Eine der wesentlichen, schrecklichen Eigenschaften der Menschen ist der Opportunismus. Dann halten sie lieber die Gosch'n, denn sonst könnte ihnen da etwas entgehen oder sie könnten hier einen Auftrag nicht bekommen.

    Wie bei #MeToo. Du musst dich einfach selbst fragen: Bleib ich bei meiner Haltung? Wir können es uns noch leisten, wir kommen nicht ins Gefängnis und werden nicht gefoltert. Da geht's dann nicht mehr so gut ..." Es betrübe sie, dass "dieses Land, das ich schätze und liebe", ebenso wie andere Länder eine Rückwendung ins Faschistoide erfahre. "Ich nenne es faschistisch, ich tu da gar nicht groß herum."

    Sie wolle den Leuten mit ihren Liedern, bei ihren Konzerten bewusst machen, dass man "mit Lebensqualität durchkommt, ganz ohne Hass". Das Leben sei eine Zumutung, sagt Erika Pluhar dann noch, aber dass in Zumutung eben auch das Wort Mut stecke. Und das wäre vielleicht der ultimative Weg zum Jungbleiben: Mut zeigen und Haltung bewahren. (Andrea Heinz, Album, 23.2.2019)

    Erika Pluhar, "Gegenüber", "Die öffentliche Frau", "Spätes Tagebuch". Drei Bände im Schuber. 50 Euro / 680 Seiten. Residenz-Verlag, 2019

    Links:

    Erika Pluhar: Wie in der "Gala" – oder im echten Leben

    Wohngespräch aus 2013: Dieses Haus ist der Humus meines Lebens

    • Das Leben sei eine Zumutung, sagt Erika Pluhar, aber dass in Zumutung eben auch das Wort Mut stecke. Und das sei vielleicht der ultimative Weg zum Jungbleiben: Mut zeigen und Haltung bewahren.
      foto: heribert corn www.corn.at

      Das Leben sei eine Zumutung, sagt Erika Pluhar, aber dass in Zumutung eben auch das Wort Mut stecke. Und das sei vielleicht der ultimative Weg zum Jungbleiben: Mut zeigen und Haltung bewahren.

    Share if you care.